RatgeberliteraturWenn nichts mehr geht

…kommt sicher von irgendwo ein Ratgeber her. Ob Restauranttester, Schuldenberater oder die ausgebrannte Powerfrau Miriam Meckel, die wieder Feuer gefangen hat – Erzählungen von Krisen und ihrer Überwindung boomen. Den wahren Ernst der Lage haben sie aber nicht begriffen von Ursula März

Ein Thema boomt: Von Krisen und deren Bewältigungen lassen wir uns dieser Tage gern erzählen

Ein Thema boomt: Von Krisen und deren Bewältigungen lassen wir uns dieser Tage gern erzählen  |  © zettberlin / photocase.com

Als Erstes knöpft Rach sich die Speisekarte vor. Er bestellt eine Auswahl an Vor- und Hauptspeisen, probiert von allem ein paar Bissen, zieht skeptisch die Stirn in Falten und formuliert ein erstes Urteil. Gut fällt es selten aus. Mal sitzt Rach, der Restauranttester, in der gleichnamigen Doku-Soap auf RTL vor breiigen Kroketten nebst Dosenerbsen, mal vor einem Schnitzel in undefinierbarer Soße, mal vor einer Pizza, deren Spezialität darin besteht, unter einer großzügig bemessenen Schicht Sauce hollandaise aus der Tüte dahinzuschwimmen. Der Anfangsverdacht konzeptloser Sudelwirtschaft bestätigt sich meist bei der Inspektion der Küche. Was der Hamburger Sterne-Koch Christian Rach hier zu sehen bekommt, macht ihn so sprachlos wie das Fernsehpublikum: vor Dreck starrende Abzugshauben, versiffte Lebensmittel, Kochinstrumente im wilden Durcheinander, schmieriger Fettfilm rundum. Tiefer kann ein Restaurant nicht sinken.

Rach aber bringt es wieder in die Höhe. Wenn Rach die Ärmel aufkrempelt, beginnt eine umfassende Rettungsaktion in der Form des Coachings. Rach staucht erschlafftes Personal zusammen, entrümpelt Keller, Kühlschränke und missliche Gewohnheiten, kauft frische Waren auf dem Markt, karrt neue Kochherde herbei, sorgt für Struktur und kulinarische Berufsehre. Und vor allem für Optimismus. In sechzig Minuten Sendezeit demonstriert der erfolgreiche Restauranttester und überaus beliebte Fernsehprotagonist Christian Rach, wie sich ein Lokal, das eben noch über dem Abgrund der Pleite taumelte, umkrempeln und zurück auf sicheren Boden bringen lässt. Wie es, anders gesagt, aus der Krise kommt. Denn vom Unterhaltungswert, den die Sendung als ethnografische Inlandsexpedition zweifellos besitzt, ist Rach, der Restauranttester vor allem in einer Hinsicht interessant und exemplarisch: als Erzählmodell der Krise.

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Das Thema boomt. Krisengeschichten, Kriseninszenierungen, Krisendarstellungen erfreuen sich in der Unterhaltungskultur seit über einem Jahr größerer Beliebtheit als alle anderen medial umlaufenden Geschichten. In Dutzenden Fernsehsendungen werden Straßenkinder und Krawallfamilien, vereinsamte Herzen und Bewohner abbruchreifer Häuser aus dem Schlamassel gezogen. Ganz zu schweigen von den Verschuldeten. Jenen armen Teufeln, die sich mit fünf- und sechsstelligen Defizitsummen in die private Finanzkrise geritten haben, zitternd und zähneklappernd nun vor dem strengen, etwas beamtenhaft wirkenden und physiognomisch auffallend asketischen Schuldenberater Peter Zwegat sitzen, einem RTL-Kollegen Christian Rachs, der ihnen beibringt, dass vor dem Licht am Ende des Tunnels ein langer Weg des Sparens, Verzichtens und zähen Abbezahlens liegt. Dass aber für jeden, auch für den Höchstverschuldeten, Hoffnung auf jenen Tag besteht, an dem das Licht erreicht sein wird.

Miriam Meckels Buch über ihren Burnout zeigt: Rettung ist möglich

Die Krise boomt nicht nur im Fernsehen, sie boomt auch auf dem Buchmarkt, der Trend des Vorjahres setzt sich in dieser Frühjahrssaison fort. Der Sportler Hermann Wenning erzählt in seinem autobiografischen Buch Lauf zurück ins Leben mit dem signifikanten Untertitel Bericht einer Lebenskrise von seinem Comeback als Marathonläufer nach jahrelanger schwerster Drogensucht. Um eine Art Sucht, eine Art Comeback, auf alle Fälle aber um eine veritable Lebenskrise geht es auch in einem Buch, das soeben auf den Markt gekommen ist und schon vorab vom heftigen Flügelschlagen des Betriebs umflattert war. Die Autorin ist prominent, sie besitzt Prestige in der akademischen wie der politischen Sphäre. Miriam Meckel darf als Inbild der erfolgreichen, ambitionierten, stark verausgabten Frau in der Lebensmitte gelten; Professorin, Kommunikationswissenschaftlerin, ehemalige Regierungssprecherin von NRW, dann Staatssekretärin für Europa… Dann klappte sie komplett zusammen. Brief an mein Leben heißt ihr Buch, in dem sie von »Erfahrungen mit einem Burnout« berichtet, von einer Radikalkrise der Vitalität also. Miriam Meckel hat aber nicht nur den Fall eines klassischen Überarbeitungsburnouts am eigenen Leib und am eigenen Zentralnervensystem erlebt. Sie führt auch den Fall eines gelungenen »Burnon« vor – allein die Existenz ihres Buches zeigt ja, dass die Rettung gelungen ist.

Miriam Meckels Beruf, ihr Leben, Denken und Streben haben mit den Geschichten, die unsere TV-Coaches Rach und Zwegat in deutschen Restaurants und Kleinbürgerwohnungen aufsammeln, auf den ersten Blick nicht allzu viel zu tun. Auf den zweiten Blick aber schon. Denn sämtliche Geschichten, die der Krisenboom zutage fördert, bedienen sich einer bestimmten, auf drei Akte festgelegten Dramaturgie: vor der Krise/in der Krise/nach der Krise. Und daraus ergibt sich zwangsläufig auch der narrative Topos all dieser Geschichten, nämlich die überstandene beziehungsweise überstehbare Krise. Sie hat den Charakter einer Phase, die schrecklich, quälend sein, Verarmung und Beschädigung der gesamten Lebensumstände hervorrufen kann. Aber es ist eine Phase, welche die freundliche Eigenschaft besitzt, wieder zu verschwinden, nachdem sie gekommen war. Und ebendies ist das gängige Erzählmodell.

Die Vorstellung, die ihm zugrunde liegt, paktiert mit einer bestimmten, allgemein verbreiteten positiven, wenn nicht gar euphorischen Krisenideologie. Ihr Credo lautet: Krisen sind gut, denn sie machen stark. Natürlich ist es nicht schön, in der Krise zu stecken, aber wenn sie vorbei ist, war es nichts als heilsam, dass sie da war, weil sie neue Energie, neuen Geist, neue Arbeitsökonomie, neue Herdplatten und Haushaltsbücher verschafft hat. Ganz diesem Credo folgt auch das Sonderheft des sterns mit dem schlagenden Titel An Krisen wachsen.

Leserkommentare
    • l.s.
    • 24. März 2010 20:04 Uhr

    Das war mit Abstand der pessimistischste Artikel den ich je gelesen habe.
    Soll man sich denn in der Krise hinstellen und denken: Alles ist schlecht und wird sowieso nie wieder besser? Wohin soll das denn führen?
    Natürlich soll man nicht einfach darauf warten, dass alles besser wird, sondern selbst aktiv daran arbeiten und neue Lösungen suchen. Denn es gibt ja auch für die Makrokrisen Lösungsansätze oder es werden noch neue Lösungen entstehen. Wo wären wir denn heute wenn z.B. Martin Luther King einfach gesagt hätte: Ach, das mit der Unterdrückung ändert sich sowieso nie, akzeptieren wir es als permanentes leichtes Nieseln?

  1. viereggtext - Die moderne Frau möchte sich in der Beschreibung wiederfinden. Sie möchte Wege sehen, wie man da rauskommen kann, auch ungewöhnliche. Mit Chuck Spezzano kann man meditieren und analysieren, die Beziehung hin- und herkrempeln (theoretisch und praktisch). Noch viel klarer: Altmeister John Gray, der uns klarmacht, dass wir eben verschiedene Planeten bewohnen als Mann und Frau, es aber viele Wege gibt, den anderen zu akzeptieren, ihn so zu lassen, wie er ist. Und das ist die beste Beziehung ... In diese Richtung geht auch Weiner-Davis, eine Autorin, von deren Buch ich eine Lizenzausgabe betreute, die mit "Wie verändere ich meinen Mann" ein witziges und aufschlussreiches Kompendium zur Toleranzerlernung abgeliefert hat. Beinahe wäre es ein Dog-Training in D geworden, weil die Marktingleute ausgeflippt sind...;-)

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    Sie beschreiben gerade, wo Ratgeber anfangen gefährlich zu werden. Dann nämlich, wenn sie vorgeben, etwas zu wissen, dass sich wissenschaftlich nicht halten lässt und dies dann dazu führt, dass alte Rollenmuster und Vorurteile weiter zementiert statt aufgebrochen werden. Die angeborenen Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind - abgesehen von den körperbaulichen Unterschieden - nämlich geringer, als man gemeinhin denkt. Die meisten vermeintichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind nämlich anerzogen oder im Charakter, aber nicht im biologischen Geschlecht, begründet. So sind Frauen deshalb generell oft schlechter im Orientieren, weil die Gesellschaft ihnen vermittelt, dass sie diesbezüglich Gehinstrukturdefizite hätten (weil das schlechte Ratgeber seit Jahren schreiben, dass es so wäre - wissenschaftlich längst widerlegt), ihre Eltern ihnen als Mädchen weniger Gelegenheit geben, in der Gegend rumzustromern als den Knaben und die Mädchen so ihren Orientierungssinn weniger trainieren und man ihnen weniger oft überhaupt mal erklärt, wie man denn so grundsätzlich eine Karte liest.

    Nein, hier, etwa im Bereich der (vermeintlichen) Unterschieden zwischen den Geschlechtern wird die unwissenschaftliche Ratgeberliteratur (die aber oft vorgibt, wissenschaftlich zu sein) richtig gefährlich. Sie zementiert alte Vorurteile über Männer und Frauen richtiggehend. Ob das das Zusammenleben wirklich vereinfacht? Ich bezeifle es.

  2. Diese Krisenüberwindungsparabeln sind nichts als medialer Zirkus und sollen dem Zuschauer und Leser aus Gründen merkantiler Verwertbarkeit eine überhöhte Erlösungsgeschichte mit erfolgreichem Ausgang präsentieren. Das, die selektive Katharsis auf der einen sowie das exemplarische Scheitern von Alphatieren auf der anderen Seite sind die Pole, zwischen denen sich die zur Refinanzierung der Medien notwendige Erregung bewegt. Dass diese Narration so gar nichts mit dem Wesen einer Krise zu tun hat, sollte verstehbar sein. Auf der einen Seite sehen wir im Licht der Scheinwerfer die hübschen Erzählungen mit ihren nachgelagerten Quoten und Tantiemen. Auf der anderen Seite, im Schatten, stehen die Legionen derjenigen, deren weniger schickes Schicksal höchstens von der Statistik erfasst wird. Dort hat die Krise ein gänzlich anderes Wesen. Dort wächst man nicht an Krisen, sondern man zerbricht an ihnen, früher oder später. Dort geht einem kein medialer Hanswurst zur Hand, sondern der Finanzsenator Sarrazin, der mit seinem Hartz-IV-Menü Wasser predigt (und hinter den Kulissen Wein säuft). So erzählen die Sieger den Verlierern Lügengeschichten über den Sieg über die Krise. So tragen die Verlierer selbst die Schuld an ihrer Niederlage. Ein entwürdigendes Schauspiel.

    P.S.: Solche Bücher werden definitiv nicht gebraucht, höchstens aus Sicht der Verlage.

  3. Danke für den Artikel - wurde Zeit, dass das mal jemand sagt... :-)

  4. Krisen sind ein unausweichlicher und unverzichtbarer Bestandteil unseres Lebens. Ohne Krisen würden wir uns kaum ändern und wachsen. Die einen Krisen ereilen uns, weil wir erkranken, verunglücken, die Umstände sich ändern oder ein falscher Lebensstil eine Krise auslöst, die anderen erleben wir, weil wir unterwegs zu neuen Ufern sind und dafür Risiken in Kauf nehmen. In beiden Fällen stecken in den Krisen Chancen. Wer Herausforderungen ausweicht oder auf neue Situationen mit alten Strategien reagiert, landet im Nieselregen, einer schleichenden fortwährenden Verschlechterung der Lage.

    Man kann sich dort einrichten, kluge Worte suchen und mancherlei Entschuldigungen. Risiko ist nicht das was wir mögen und Veränderung auch nicht. Denn es zieht Demütigungen nach sich. Aber, Kiste noch eins, es geht nicht anders. Wir mögen vielen Krisen ausweichen oder darin verharren ohne sie zu nutzen. Der letzten, entscheidenden Krise aber weicht niemand mehr aus. Ich jedenfalls will nicht am Ende dem Tod ins Auge blicken und erkennen müssen, ich habe nur in Ausreden und Selbstmitleid gelebt.

  5. Ich halte Krisen zum grossen Teil persönlichkeitsbedngt in Verbindung mit auch mal unglücklichen Konstellationen. In vielen Fällen steuern die Personen darauf zu. Meistens merken sie es erst, wenn es zu spät ist.
    Davon nicht ausgeschlossen sind unglückliche Zufälle, die jemanden in eine Krise stürzen können.
    Deshalb passen für mich beide Bilder - es gibt manchmal einzelne Schauer, andere leben dagegen in einer nieseligen Gegend. Aber man kann auch umziehen, wenn man möchte. Viele möchte jedoch nicht.

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    Sie schreiben: "Aber man kann auch umziehen, wenn man möchte. Viele möchte(n) jedoch nicht."

    Ich erhöhe auf "viele möchten, wissen aber nicht wie und wo sie anfangen sollen. Und haben niemanden in Reichweite, der ihnen beim Umzug hilft."

  6. Krise: Das seit dem 16.Jh. bezeugte Wort ist aus griech. krisis “Entscheidung, entscheidende Wendung” (daraus auch lat. crisis) entlehnt. Es erscheint zuerst in der Form ”Crisis” als Terminus der medizinischen Fachsprache zur Bezeichnung des Höhe-/Wendepunktes einer Krankheit. Im 18.Jh. beginnt unter dem Einfluss von frz. “crise” der allgemeine Gebrauch des Wortes im Sinne von “entscheidende, schwierige Situation” und es setzt sich als Hauptform allmählich “Krise” durch.

    Quelle: Duden7 – Herkunftswörterbuch

  7. Sie schreiben: "Aber man kann auch umziehen, wenn man möchte. Viele möchte(n) jedoch nicht."

    Ich erhöhe auf "viele möchten, wissen aber nicht wie und wo sie anfangen sollen. Und haben niemanden in Reichweite, der ihnen beim Umzug hilft."

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