Als Erstes knöpft Rach sich die Speisekarte vor. Er bestellt eine Auswahl an Vor- und Hauptspeisen, probiert von allem ein paar Bissen, zieht skeptisch die Stirn in Falten und formuliert ein erstes Urteil. Gut fällt es selten aus. Mal sitzt Rach, der Restauranttester, in der gleichnamigen Doku-Soap auf RTL vor breiigen Kroketten nebst Dosenerbsen, mal vor einem Schnitzel in undefinierbarer Soße, mal vor einer Pizza, deren Spezialität darin besteht, unter einer großzügig bemessenen Schicht Sauce hollandaise aus der Tüte dahinzuschwimmen. Der Anfangsverdacht konzeptloser Sudelwirtschaft bestätigt sich meist bei der Inspektion der Küche. Was der Hamburger Sterne-Koch Christian Rach hier zu sehen bekommt, macht ihn so sprachlos wie das Fernsehpublikum: vor Dreck starrende Abzugshauben, versiffte Lebensmittel, Kochinstrumente im wilden Durcheinander, schmieriger Fettfilm rundum. Tiefer kann ein Restaurant nicht sinken.

Rach aber bringt es wieder in die Höhe. Wenn Rach die Ärmel aufkrempelt, beginnt eine umfassende Rettungsaktion in der Form des Coachings. Rach staucht erschlafftes Personal zusammen, entrümpelt Keller, Kühlschränke und missliche Gewohnheiten, kauft frische Waren auf dem Markt, karrt neue Kochherde herbei, sorgt für Struktur und kulinarische Berufsehre. Und vor allem für Optimismus. In sechzig Minuten Sendezeit demonstriert der erfolgreiche Restauranttester und überaus beliebte Fernsehprotagonist Christian Rach, wie sich ein Lokal, das eben noch über dem Abgrund der Pleite taumelte, umkrempeln und zurück auf sicheren Boden bringen lässt. Wie es, anders gesagt, aus der Krise kommt. Denn vom Unterhaltungswert, den die Sendung als ethnografische Inlandsexpedition zweifellos besitzt, ist Rach, der Restauranttester vor allem in einer Hinsicht interessant und exemplarisch: als Erzählmodell der Krise.

Das Thema boomt. Krisengeschichten, Kriseninszenierungen, Krisendarstellungen erfreuen sich in der Unterhaltungskultur seit über einem Jahr größerer Beliebtheit als alle anderen medial umlaufenden Geschichten. In Dutzenden Fernsehsendungen werden Straßenkinder und Krawallfamilien, vereinsamte Herzen und Bewohner abbruchreifer Häuser aus dem Schlamassel gezogen. Ganz zu schweigen von den Verschuldeten. Jenen armen Teufeln, die sich mit fünf- und sechsstelligen Defizitsummen in die private Finanzkrise geritten haben, zitternd und zähneklappernd nun vor dem strengen, etwas beamtenhaft wirkenden und physiognomisch auffallend asketischen Schuldenberater Peter Zwegat sitzen, einem RTL-Kollegen Christian Rachs, der ihnen beibringt, dass vor dem Licht am Ende des Tunnels ein langer Weg des Sparens, Verzichtens und zähen Abbezahlens liegt. Dass aber für jeden, auch für den Höchstverschuldeten, Hoffnung auf jenen Tag besteht, an dem das Licht erreicht sein wird.

Miriam Meckels Buch über ihren Burnout zeigt: Rettung ist möglich

Die Krise boomt nicht nur im Fernsehen, sie boomt auch auf dem Buchmarkt, der Trend des Vorjahres setzt sich in dieser Frühjahrssaison fort. Der Sportler Hermann Wenning erzählt in seinem autobiografischen Buch Lauf zurück ins Leben mit dem signifikanten Untertitel Bericht einer Lebenskrise von seinem Comeback als Marathonläufer nach jahrelanger schwerster Drogensucht. Um eine Art Sucht, eine Art Comeback, auf alle Fälle aber um eine veritable Lebenskrise geht es auch in einem Buch, das soeben auf den Markt gekommen ist und schon vorab vom heftigen Flügelschlagen des Betriebs umflattert war. Die Autorin ist prominent, sie besitzt Prestige in der akademischen wie der politischen Sphäre. Miriam Meckel darf als Inbild der erfolgreichen, ambitionierten, stark verausgabten Frau in der Lebensmitte gelten; Professorin, Kommunikationswissenschaftlerin, ehemalige Regierungssprecherin von NRW, dann Staatssekretärin für Europa… Dann klappte sie komplett zusammen. Brief an mein Leben heißt ihr Buch, in dem sie von »Erfahrungen mit einem Burnout« berichtet, von einer Radikalkrise der Vitalität also. Miriam Meckel hat aber nicht nur den Fall eines klassischen Überarbeitungsburnouts am eigenen Leib und am eigenen Zentralnervensystem erlebt. Sie führt auch den Fall eines gelungenen »Burnon« vor – allein die Existenz ihres Buches zeigt ja, dass die Rettung gelungen ist.

Miriam Meckels Beruf, ihr Leben, Denken und Streben haben mit den Geschichten, die unsere TV-Coaches Rach und Zwegat in deutschen Restaurants und Kleinbürgerwohnungen aufsammeln, auf den ersten Blick nicht allzu viel zu tun. Auf den zweiten Blick aber schon. Denn sämtliche Geschichten, die der Krisenboom zutage fördert, bedienen sich einer bestimmten, auf drei Akte festgelegten Dramaturgie: vor der Krise/in der Krise/nach der Krise. Und daraus ergibt sich zwangsläufig auch der narrative Topos all dieser Geschichten, nämlich die überstandene beziehungsweise überstehbare Krise. Sie hat den Charakter einer Phase, die schrecklich, quälend sein, Verarmung und Beschädigung der gesamten Lebensumstände hervorrufen kann. Aber es ist eine Phase, welche die freundliche Eigenschaft besitzt, wieder zu verschwinden, nachdem sie gekommen war. Und ebendies ist das gängige Erzählmodell.

Die Vorstellung, die ihm zugrunde liegt, paktiert mit einer bestimmten, allgemein verbreiteten positiven, wenn nicht gar euphorischen Krisenideologie. Ihr Credo lautet: Krisen sind gut, denn sie machen stark. Natürlich ist es nicht schön, in der Krise zu stecken, aber wenn sie vorbei ist, war es nichts als heilsam, dass sie da war, weil sie neue Energie, neuen Geist, neue Arbeitsökonomie, neue Herdplatten und Haushaltsbücher verschafft hat. Ganz diesem Credo folgt auch das Sonderheft des sterns mit dem schlagenden Titel An Krisen wachsen.