Roman von Jan Faktor Hände weg von der nassen Wäsche

Jan Faktors schreiend komische Phänomenologie des Hausens und Wohnens.

Im Badezimmer der Wohnung, in der Jan Faktor mit seiner Frau Annette Simon lebt, gibt es eine etwas kuriose Apparatur, deren Funktionsweise der Besucher erst begreift, wenn er den Blick über die hohen Altbauwände nach oben wandern lässt. Es handelt sich um eine Seilwinde, mittels deren der Wäscheständer des Haushalts in die Höhe gezogen werden und so die nasse Wäsche ihre Trockenzeit unter der Decke verbringen kann – was der im Berliner Stadtteil Pankow gelegenen, ansonsten unauffälligen Wohnung einen Hauch neapolitanischer Lebenskultur verschafft.

Natürlich folgt die Erfindung dem Gedanken des Platzsparens. Aber nicht nur. Die Wohnung ist keineswegs eng. Der Wäscheständer könnte, ohne sonderlich zu stören, auch woanders stehen. Die Apparatur verdankt sich vielmehr einigen spezifischen Eigenschaften ihres Erfinders, des Schriftstellers Jan Faktor, der 1951 in Prag geboren wurde und 1978 in die DDR umsiedelte: seiner technischen Begabung (in Prag arbeitete Faktor als Programmierer an russischen Großcomputern; als er sich 1989 im Neuen Forum engagierte, war er der Einzige, der mit einem Computer umgehen konnte und einen solchen auch besaß), seiner Lust am dadaistischen Aberwitz von Systemen, seiner Tendenz zu schelmischer Albernheit, seinem Hang zur Poesie einer gewissen Umständlichkeit und zur humoristisch pointierten Übertreibung.

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Aus der Summe dieser Eigenschaften ist nun auch Jan Faktors neuer Roman entstanden. Ein umfängliches Werk mit dem nicht eben leicht einprägsamen Titel Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des Heiligen Hodensack-Bimbams von Prag. Dort, in Prag, spielt der Roman. Er führt den Leser durch mehrere Jahrzehnte tschechischer Geschichte, er umfasst die Zeit vom Ende des Zweiten Weltkriegs über den Prager Frühling und den Einmarsch der Sowjettruppen bis in die politische Frostepoche der siebziger Jahre. Der Name des Helden und Ich-Erzählers ist Georg und aus Faktors bisherigem Werk gut bekannt. Er diente bereits vor über zwanzig Jahren als poetisches Alter Ego, als Jan Faktor, noch weit vom Romanschreiben entfernt, experimentell-analytische Lyrik verfasste und zur künstlerischen Subkultur der Prenzlauer-Berg-Szene gezählt wurde, von der er sich allerdings bereits vor der Wende gelöst hatte, weil er den Egokult ebenjener Szenegurus nicht ertrug, die nach der Wende als Stasispitzel entlarvt wurden.

Nun aber ist Georg der Expeditionsführer einer weiten Erinnerungsreise in Prosaform. Einer Reise, die Jan Faktor in sein erstes, in sein Prager Leben unternimmt. Natürlich ist dieser Georg, der vom prinzenhaften, im Schoß einer matriarchalen Sippe aus Tanten, Cousinen, Großmüttern verhätschelten Muttersöhnchen zum abenteuerlichen Nestflüchtling heranreift, eine Kunstfigur. Eine Figur aus dem Geist des Skurrilen und Absurden, ein Nachkömmling Hrabalscher Figuren. Er ist mit Herrn Faktor nicht identisch, aber ihm biografisch doch so nah, dass der Roman mit dem schwer zitierbaren Titel als Fiktion wie als autobiografisches Opus magnum gelten darf. Davon abgesehen, trägt er von der ersten bis zur letzten der über 600 Seiten die Handschrift eines Autors, der Spaß daran hat, seine nasse Wäsche an einer Seilwinde die Badezimmerwand hinaufzuziehen. Denn Georgs Sorgen… ist in erster Linie eins: eine schreiend komische Phänomenologie des Wohnens und Hausens, eingebettet in eine literarische Stadtbeschreibung des historischen wie des sozialistisch vermurksten Wohnungsbaus. Das heißt, des goldenen und des grauen Prags.

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    • Quelle DIE ZEIT, 18.03.2010 Nr. 12
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    • Schlagworte Roman | Literatur | DDR | Prag | Wannsee
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