Roman von Jan Faktor Hände weg von der nassen WäscheSeite 2/2
Wie Wohnfluchten des 19. Jahrhunderts sich nach 1945 in kunterbunt bevölkerte Labyrinthe verwandeln, wie Plattenbauten schneller schimmeln, als sie fertig sind, wie ein Landhaus durch die Mitnutzung von allerlei Getier in den Zustand der Kompostierung übergeht, wie die geheime Konstruktion eines Bunkers mitten in und unter der Stadt vor sich geht – all dies ist das Material, aus dem der Roman schöpft und dem er seine buchstäblich subversive Perspektive verdankt. Denn Jan Faktor betrachtet Geschichte gleichsam von unten. Aus der Sicht des schwer ödipalen Georg, dem Küche und Klosett näher sind als Partei und Parteivorsitzende, der vor allem aber das weibliche Geschlecht, namentlich die Formen weiblicher Geschlechtsteile, für weitaus erforschenswerter hält als Staatsformen. Das historische Epos wird dabei gegen den Strich gebürstet. Auf der Rückseite entsteht ein Kabinettstück über häusliches Innenleben und erotische, nun ja, Innereien. Mit 600 eng bedruckten Seiten liegen Georgs Sorgen zunächst so schwer vor dem Leser, wie sie sich schließlich, dank eines unermüdlichen episodischen und sprachlichen Übermuts, leicht und amüsant weglesen. So leicht und amüsant, dass man fast übersieht, wie ernst es Faktor mit dem geschichtsphilosophischen Protest des Schelmenprinzips ist. Denn seine Erzähldevise lautet schlicht und einfach: Es mögen Panzer in Prag einrollen, es mag die Partei ihr Unwesen treiben, es mögen Ideologien und politische Systeme kommen und gehen, es mag die Geschichte über Individuen und Biografien verfügen, es gibt aber unverfügbare menschliche Bereiche. Es gibt anthropologische Konstanten, und bei diesen handelt es sich erstens um den sexuellen Trieb und zweitens um den Trieb, ein Dach über dem Kopf zu haben. Beides wird von Georg vorbildlich verkörpert.Dass der Roman nicht chronologisch geformt ist, sich nicht dem historischen Lauf der Dinge anpasst, sondern sich in konzentrischen Kreisen um sein stupendes Figurenensemble herum bewegt, ergibt sich aus der Devise so logisch wie die Dramaturgie der Wiederholung. Man erahnt die Kämpfe, die Faktors Verlagslektor mit diesem Autor ausficht, wenn es ums Kürzen mehrerer Hundert Romanseiten geht. Man kann ihn trösten. Weniger mäandernd wäre es ein immer noch sehr amüsanter, aber weniger überzeugender Roman.
Worum sich Georgs Welt dreht, wie Georgs Interessen und sprachliche Operationen beschaffen sind, zeigt schon der Romanbeginn: »Die ersten Sorgen um meinen Penis machte ich mir schon vor etwa fünfzig Jahren im Kindergarten, damals nur aus rein hygienischen Gründen. Um mit der Penisspitze nicht die Klobrille oder sogar die Innenseite der Schüssel zu berühren, griff ich beim Pinkeln mit der Hand zwischen meine Schenkel und drückte meinen Apparat senkrecht nach unten. Damit wollte ich gleichzeitig verhindern, dass der Urinstrahl durch den Spalt unterhalb der Klobrille meine heruntergelassene Hose benässte.«
Georg erzählt unverblümt, dabei aber unobszön. Eine Kunst für sich. Ebenbürtig der Erzählkunst, die Georg bei der Illustrierung jenes Prager Haushalts entfaltet, in dem er als Scheidungskind und Sohn einer ausnehmend attraktiven, so zärtlichen wie tyrannisch besitzergreifenden Mutter aufwächst. Die Wohnungslandschaft ist ein Sammelbecken für Holocaust-Überlebende, von eng, weitläufig oder gar nicht Verwandten, die der Erinnerung an das Grauen und der Gegenwart trotzen. Jedes Zimmer ein Arche-Noah-System für sich. Jeder Meter Schauplatz einer improvisatorischen Einrichtungsidee. Wo Türen fehlen, werden sie durch knallbunte, blumengemusterte Stoffe ersetzt, wo Abgrenzung vonnöten ist, wird sie durch mitten ins Zimmer geschobene Schrankburgen geschaffen. In einer solchen herrscht das einzige männliche Mitglied der durchweg weiblichen Belegschaft. »Onkel ONKEL«, so sein Romanname, haust unsichtbar im Zentrum der Wohnung, hält das Monopol über den Fernseher und macht sich nur durch Zigarettenrauch bemerkbar, der aus seiner Burg nach oben abzieht.
Geruchsintensität ist, um es vorsichtig zu sagen, der Schlüssel zum Charakter der Wohnungen und Häuser, der Schlafstätten und Liebesnester, die Georg im Lauf der Zeit so kennenlernt. Die Wochenendbesuche beim Vater, der in einer von Schimmelpilz befallenen Neubauwohnung haust und bei der Staatspolizei tätig ist, härten Georg genügend ab, um es mit den wohnlichen Herausforderungen seiner ersten Liebhaberin aufzunehmen. Einer Künstlerin im Mutteralter, die das oben erwähnte, zoologisch dicht bevölkerte Landhaus besitzt und Kotbrocken im Waschbecken für keine nennenswerte Sensation hält. Das Vegetative formiert sich stolz zum Protestzug gegen die Übermacht des Politischen.
Natürlich ist dies alles in allem ein politischer, wenn auch ein politischer Antiroman aus der Schule des Humorismus. Neben vielen haarsträubenden Körper- und Naturgerüchen durchzieht ihn auch der literarische Duft einer gewissen Betulichkeit mit Nostalgiegeschmack, die Nachwirkung etwas überdosierter Skurrilität. Der sportliche, zähe Jan Faktor, von dem es einmal hieß, er sei auch Marathonläufer, der vor Jahren im Literarischen Colloquium am Berliner Wannsee auf Rollschuhen aufkreuzte und riesige Strecken mit dem Fahrrad zurücklegt, bremst sich ungern ab. Wenn es nach ihm allein ginge, gäbe es in der Wohnung in Pankow womöglich noch ganz andere Apparaturen. Bei wenigen unserer deutschen Gegenwartsautoren haben indes Fantasie, Witz und Subversion ein vergleichbares Format. Georgs Sorgen… ist nicht nur ein autobiografisches Opus magnum, sondern auch ein beträchtliches Stück Literatur.
- Datum 17.03.2010 - 13:56 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.03.2010 Nr. 12
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