Georg Klein fackelt nicht lang. Sofort stößt er seine Leser hinein ins Dekor der frühen sechziger Jahre. Das Familienfotoalbum wechselt soeben von Schwarz-Weiß auf Farbe, sodass das Kinderblut, das gleich in der ersten Zeile fließt, schön rot aussieht. Die Ärzte, deren Dienste reichlich in Anspruch genommen werden in diesen Sommerferien, sind weltkriegserfahrene Haudegen und begnadete Witzereißer. Lakritz oder Bärendreck heißen die neuen Süßigkeiten; Ersteres mag der Ältere Bruder besonders gern, das andere trägt im Namen ein gewichtiges Leitmotiv. Mädchenschlüpfer werden noch von Gummibändern gehalten; Taxis riechen nach Ledercreme und Zigaretten und gelten als Krönung des Luxus, jedenfalls den Bewohnern der Neuen Siedlung, von denen dieser Roman unserer Kindheit auf berückende Weise erzählt.

Kinder werden noch nicht beweihräuchert, sondern in rauen Mengen geboren und in den Hof zum Spielen geschickt, wo sie stundenlang ihren Abenteuern und Mutproben nachgehen dürfen, können und sollen. Den Erwachsenen steht der Sinn noch nicht nach Daueraufsicht, sie überlassen die Gören sich selbst – mit Folgen. So kommt es, dass der Ältere Bruder nach seinem Fahrradunfall, bei dem seine Ferse mit rostigen Splittern gespickt wird, was ein wahres Entzündungsfeuerwerk entfacht, mit einem umgebauten Kinderwagen durch die Gegend kutschiert wird von seinen sieben Begleitern. Das sind: seine Brüder, die Witzigen Zwillinge; die Schicke Sybille; deren nervige kleine Schwester; der Schniefer (dem stets ein Tröpfen von der Nase hängt); der Wolfskopf; der Ami-Michi, dessen Mama einmal einen »Neger«-Freund aus der amerikanischen Kaserne hatte und jetzt andere Herren im häuslichen Ehebett empfängt. Der Anführer weiß, was sich gehört, und gibt noch als schlimm Fußversehrter den Ton an, sehr zur Zufriedenheit der busenknospenden Sybille: Los, mit Karacho! Da schnurrt das Kinderinvaliden-Ding über den Spielplatz, die Wiese, bis hin zum Eingang des Bärenkellers.

Natürlich trügt das Idyll des pädagogischen Laisser-faire, das Georg Klein über der süddeutschen Stadt aufspannt wie einen großen Sonnenschirm. Bald klafft eine Lücke zwischen den Häusern, und die Boten der Gegenwelt treten auf: der Fehlharmoniker, ein nicht ganz astreiner Blinder, der in Begleitung seiner fabelhaften Schäferhündin Sputnik einem Akkordeon schräge Tone entlockt. Oder der Mann ohne Gesicht, ebenfalls Kriegsinvalide, dem die Mäuse in einer Geheimsprache Botschaften ins Ohr piepsen; oder der Kikki-Mann, ein taubstummer Wellensittichzüchter, der als Erster weiß, dass eines der Siedlungskinder noch im Lauf dieses Sommers getötet werden soll.

Meisterhaft versteht es der Schauerspezialist Georg Klein, einen Sog von der Tagseite zur Nachtseite zu entfachen. Und sagen wir es gleich, diese Nachtseite hat einiges (keineswegs alles) mit Büchern zu tun, mit Piraten- und Cowboystorys, Landserheften und Indianergeschichten: »Den langen, ornamental verschlungenen und symmetrisch verspiegelten Geschichten, den einzigen Handlungspfaden, denen es nachzustapfen lohnt und die sich, wie die Mutter längst befürchtet, bloß in Büchern finden lassen, schadet die pralle Sonne.« Das Lesen geht in Fantasie über, die Fantasie in Magie, die Magie in Dämonie, und die Dämonen rufen schließlich ein Monster auf den Plan, die Verkörperung des Bösen schlechthin. Ein Monster in Bärenfell, prall gefüllt mit Blut.