Buchpreisträger Georg KleinDie schlimme, schlimme Sucht

Georg Klein erzählt fulminant von der Zeit, als die Mädchenschlüpfer noch Gummibänder hatten. von Ina Hartwig

Der in Augsburg geborene Autor Georg Klein

Der in Augsburg geborene Autor Georg Klein  |  © Jürgen Bauer

Georg Klein fackelt nicht lang. Sofort stößt er seine Leser hinein ins Dekor der frühen sechziger Jahre. Das Familienfotoalbum wechselt soeben von Schwarz-Weiß auf Farbe, sodass das Kinderblut, das gleich in der ersten Zeile fließt, schön rot aussieht. Die Ärzte, deren Dienste reichlich in Anspruch genommen werden in diesen Sommerferien, sind weltkriegserfahrene Haudegen und begnadete Witzereißer. Lakritz oder Bärendreck heißen die neuen Süßigkeiten; Ersteres mag der Ältere Bruder besonders gern, das andere trägt im Namen ein gewichtiges Leitmotiv. Mädchenschlüpfer werden noch von Gummibändern gehalten; Taxis riechen nach Ledercreme und Zigaretten und gelten als Krönung des Luxus, jedenfalls den Bewohnern der Neuen Siedlung, von denen dieser Roman unserer Kindheit auf berückende Weise erzählt.

Kinder werden noch nicht beweihräuchert, sondern in rauen Mengen geboren und in den Hof zum Spielen geschickt, wo sie stundenlang ihren Abenteuern und Mutproben nachgehen dürfen, können und sollen. Den Erwachsenen steht der Sinn noch nicht nach Daueraufsicht, sie überlassen die Gören sich selbst – mit Folgen. So kommt es, dass der Ältere Bruder nach seinem Fahrradunfall, bei dem seine Ferse mit rostigen Splittern gespickt wird, was ein wahres Entzündungsfeuerwerk entfacht, mit einem umgebauten Kinderwagen durch die Gegend kutschiert wird von seinen sieben Begleitern. Das sind: seine Brüder, die Witzigen Zwillinge; die Schicke Sybille; deren nervige kleine Schwester; der Schniefer (dem stets ein Tröpfen von der Nase hängt); der Wolfskopf; der Ami-Michi, dessen Mama einmal einen »Neger«-Freund aus der amerikanischen Kaserne hatte und jetzt andere Herren im häuslichen Ehebett empfängt. Der Anführer weiß, was sich gehört, und gibt noch als schlimm Fußversehrter den Ton an, sehr zur Zufriedenheit der busenknospenden Sybille: Los, mit Karacho! Da schnurrt das Kinderinvaliden-Ding über den Spielplatz, die Wiese, bis hin zum Eingang des Bärenkellers.

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Natürlich trügt das Idyll des pädagogischen Laisser-faire, das Georg Klein über der süddeutschen Stadt aufspannt wie einen großen Sonnenschirm. Bald klafft eine Lücke zwischen den Häusern, und die Boten der Gegenwelt treten auf: der Fehlharmoniker, ein nicht ganz astreiner Blinder, der in Begleitung seiner fabelhaften Schäferhündin Sputnik einem Akkordeon schräge Tone entlockt. Oder der Mann ohne Gesicht, ebenfalls Kriegsinvalide, dem die Mäuse in einer Geheimsprache Botschaften ins Ohr piepsen; oder der Kikki-Mann, ein taubstummer Wellensittichzüchter, der als Erster weiß, dass eines der Siedlungskinder noch im Lauf dieses Sommers getötet werden soll.

Meisterhaft versteht es der Schauerspezialist Georg Klein, einen Sog von der Tagseite zur Nachtseite zu entfachen. Und sagen wir es gleich, diese Nachtseite hat einiges (keineswegs alles) mit Büchern zu tun, mit Piraten- und Cowboystorys, Landserheften und Indianergeschichten: »Den langen, ornamental verschlungenen und symmetrisch verspiegelten Geschichten, den einzigen Handlungspfaden, denen es nachzustapfen lohnt und die sich, wie die Mutter längst befürchtet, bloß in Büchern finden lassen, schadet die pralle Sonne.« Das Lesen geht in Fantasie über, die Fantasie in Magie, die Magie in Dämonie, und die Dämonen rufen schließlich ein Monster auf den Plan, die Verkörperung des Bösen schlechthin. Ein Monster in Bärenfell, prall gefüllt mit Blut.

Leserkommentare
    • JensBe
    • 18. März 2010 21:07 Uhr

    Ein Buchpreis für ein Buch über Realitätsflucht? Im Angesicht der auf uns zurollenden Defizit- und Demografie-Tsunami sehr passend.

    • saigyo
    • 18. März 2010 22:59 Uhr

    schade, die juroren der leipziger messe haben gezeigt, dass sie
    keine mut,ja keine eier oder ovarien hatten und, vor der junggebliebenen alten Nazi Grass(SS-Angehoerig) und der antisemit Walser(Tod eines Kritikers) (leipziger Erkärung!!)gekrochen sind.
    HH schrieb ein fulminates Buch. Und das buch verkauft sich gut.
    Zumindest besser als die Bücher von Walser(Jenseits der liebe, Halbseit, etcetera ..) oder grass (die Rättin, Zunge zeigen ...)
    Gibt es Menschen unter 25 Jahre, die Grass oder Walser lesen??

  1. ..aber warum locken sie dann mit mädchenschlüpfern, um die es gar nicht geht?

    • hagego
    • 19. März 2010 10:26 Uhr

    Vielleicht ist es ganz gut, dass nicht Helene Hegemann diesen Leipziger Buchpreis erhalten hat. Ihre "entwendeten" Sätze und Absätze - ohne Quellenverweis - hätten sich mit dem gesamten Buch in einen Preis verwandelt! Das wäre zwar keine Einladung zum Klauen geistigen Eigentums gewesen, aber die Mehrheit der Schriftsteller hätte so eine Würdigung wohl nicht begrüßt. Das geht auch sehr deutlich aus einer von ihnen verfassten Resolution hervor.

    <em>Georg Kleins</em> Buch kenne ich noch nicht. Die obige Rezension macht aber in der Tat neugierig.

    Ein Kommentator fragt hier im Thread, ob es überhaupt Menschen unter 25 Jahren gäbe, die noch Grass oder Walser lesen. Die gibt es! Warum auch nicht? Genau so, wie es Menschen gibt, die jenseits der 50 sind, und sich für <em>"Axolotl Roadkill"</em> begeistern können!

    Bücher sind halt doch etwas anderes als Jeans oder T-Shirts! Für manches Outfit scheine (!) ich zu alt zu sein. <em>"Peinlich"</em> würde mein Sohn vielleicht als Kommentar spendieren. Aber ob ich "2666" oder "Die Palette" lese, ist ihm egal. Ansehen kann man mir das jedenfalls nicht.

    Vielleicht reden wir mal darüber, was "man" in welchem Alter heute so liest. Hier könnte die ZEIT hier mal einen entsprechenden Diskurs "anzetteln": 2 junge LeserInnen (unter 25) und zwei ältere (über 50) diskutieren über aktuelle bzw. Lieblings-Literatur. Eventuell moderiert von David Hugendick?

    Mein Nachbar liest nicht viel, aber einmal im Jahr least er das neueste Stern-Coupé...

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