Buchpreisträger Georg Klein Die schlimme, schlimme SuchtSeite 2/2
Und doch ist dies zugleich ein zärtlicher, lustiger und teilweise psychologisch hinreißend realistischer Roman, etwa wenn es um das Verhältnis der kleinen Helden zu ihren Müttern geht. Besonders der Mutter des Älteren Bruders und der Witzigen Zwillinge (die Siebenjährigen lernen passioniert Witze auswendig, daher der Spitzname) setzt Georg Klein ein Denkmal. Eine wirklich sympathische Frau ist das, die sich über ihre Kleinen freut und es mit der Ordnung nicht genau nimmt; doch auch sie kennt die Nachtseite des Lebens, nicht nur, weil sie sich die dunklen Stunden mit ausgeliehenen Romanen um die Ohren schlägt, sondern vor allem wegen des Albtraums, der sie in schöner Regelmäßigkeit heimsucht. Die gleichen Pillen, die ihr ein wenig Ruhe verschaffen, finden unsere tapferen Helden später in der Tasche des mysteriösen Kapitän Silber, von dem sich nicht eindeutig sagen lässt, ob er als waschechter Kriegsveteran in den Roman hineinrollt auf seinem geklauten Invalidengefährt oder als Erfindung des Älteren Bruders. Der nämlich ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Die Freunde hängen an seinen Lippen, wenn ihn die »schlimme, schlimme Sucht« packt.
Der 1953 in Augsburg geborene Autor, der 1998 mit dem futuristischen Schauer- und Agentenroman Libidissi mit Aplomb die literarische Bühne betrat und seitdem eine hocheigenwillige Position besetzt hält, soll in seinem siebten und bisher umfangreichsten Buch zum Teil seine eigene Kindheitsgeschichte aufrufen. Doch mag Georg Klein im Augsburger Stadtteil Bärenkeller aufgewachsen sein, wie die Internetseite seiner Heimatstadt verrät, mögen der Ältere Bruder und seine Freunde auf lebende Vorbilder zurückgehen, mag das katholische Krankenhaus, mögen die Ami-Kasernen, mögen die teils schlüpfrigen, teils liebenswürdigen Ladenbesitzer, die schrulligen Ärzte und die bedrohliche Sippe der Huhlenhäusler so oder ähnlich in der biografischen Wirklichkeit des Autors existiert haben, so muss man vor allem eines bewundern: wie das präzise Zeitgeschichtliche umkippt ins Fantastische.
Als die Substanz »unserer Kindheit« muss man wohl des Älteren Bruders Erzählsucht begreifen; sie ist jedenfalls der Kern des Romans, gewissermaßen sein poetisches Prinzip. Die Gattung: eine Kinderschauergeschichte für Erwachsene. Das Ziel: die Erzeugung des »über den Scheitel schwappenden Schreckens, der alle Kräfte weckt«. Und so müssen wir erwachsene Leser uns mit entsetzlichen Fratzen, mit beweglichen Sofas, mit surrealistischen Räumen arrangieren, müssen mit dem »Mann ohne Gesicht« in ein Grab aus Vogelflaum fallen, dürfen dann mit ihm aber wieder auf(er)stehen, um die Kinder vor dem prophezeiten Unheil zu retten. Das Monster wird erledigt, die Hündin des Fehlharmonikers beißt zu. Die Soldaten »im anhaltenden Nachkrieg« haben endlich wieder zu tun. Der Blutkerl platzt wie so manche andere Blase. Eine Sauerei ist das und die Erlösung vom Spuk. Zurück bleibt, wer hätte das gedacht, eine Gummihülle, sonst nichts.
Alles klar? Mitnichten. Wer zum Beispiel sagt dies: »Ich weiß schon, was ich weiß. Obwohl ich wunderbar abgeschieden hause, obwohl mein Mund kein Ohr, mein Wort kein Trommelfell erreichen muss, ist mir bekannt, dass man sein Wissen nicht stets bei erster Gelegenheit hinausposaunen darf.« Eine kühne, grandios geschmacklose Wahl hat Klein mit diesem Ich getroffen, das mal behauptet, das Embryo-Schwesterchen des Älteren Bruders und der Zwillinge im Leib der Mutter zu sein, mal das Nymphchen, das dem Kapitän Silber den Weg weist (seinen Tod aber nicht verhindert), dann wieder eine winzige weiße Fee, die in einem hohlen Baum sitzt, der Unterwelt und Oberwelt – wie ein Telefontrichter – verbindet. Gönnerhaft greift dies unverschämt gut gelaunte weibliche Ich in die Gruselkiste, legt eine elegante Fehlgeburt hin und macht sich dann aus dem Staub, nicht ohne vorher zu triumphieren: »Hat wieder schaurig schönen Spaß gemacht!«
Ein Geniestreich ist dieser Roman, opak, dicht, verrückt, hässlich und irre schön. Ein Buch, mit dem Klein die Kindheit – seine Kindheit – in der noch jungen Bundesrepublik ehrt. Es war die Zeit, als die Väter ihre Kriegserinnerungen in der Seele versenkten und die Mütter ihr Hausfrauendasein mit »modernen« Wünschen ausstaffierten. In dem Geschichtsraum »dazwischen« wuchern die Fantasien der Kinder, die bald, der Gattung des Schauerromans folgend, die Oberhand gewinnen. Ach ja: Der Bärenkeller des Romans unserer Kindheit ist kein Stadtteil, sondern ein stillgelegtes, gefährliches Labyrinth, Traumwelt und Bunker zugleich. Klar, dass der Sieg der Guten über das Böse genau dort stattfinden muss. Denn Kinder, auch das sagt dieses Buch, ertrügen die historische Wirklichkeit nicht.
- Datum 17.03.2010 - 14:50 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.03.2010 Nr. 12
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Ein Buchpreis für ein Buch über Realitätsflucht? Im Angesicht der auf uns zurollenden Defizit- und Demografie-Tsunami sehr passend.
schade, die juroren der leipziger messe haben gezeigt, dass sie
keine mut,ja keine eier oder ovarien hatten und, vor der junggebliebenen alten Nazi Grass(SS-Angehoerig) und der antisemit Walser(Tod eines Kritikers) (leipziger Erkärung!!)gekrochen sind.
HH schrieb ein fulminates Buch. Und das buch verkauft sich gut.
Zumindest besser als die Bücher von Walser(Jenseits der liebe, Halbseit, etcetera ..) oder grass (die Rättin, Zunge zeigen ...)
Gibt es Menschen unter 25 Jahre, die Grass oder Walser lesen??
..aber warum locken sie dann mit mädchenschlüpfern, um die es gar nicht geht?
Vielleicht ist es ganz gut, dass nicht Helene Hegemann diesen Leipziger Buchpreis erhalten hat. Ihre "entwendeten" Sätze und Absätze - ohne Quellenverweis - hätten sich mit dem gesamten Buch in einen Preis verwandelt! Das wäre zwar keine Einladung zum Klauen geistigen Eigentums gewesen, aber die Mehrheit der Schriftsteller hätte so eine Würdigung wohl nicht begrüßt. Das geht auch sehr deutlich aus einer von ihnen verfassten Resolution hervor.
Georg Kleins Buch kenne ich noch nicht. Die obige Rezension macht aber in der Tat neugierig.
Ein Kommentator fragt hier im Thread, ob es überhaupt Menschen unter 25 Jahren gäbe, die noch Grass oder Walser lesen. Die gibt es! Warum auch nicht? Genau so, wie es Menschen gibt, die jenseits der 50 sind, und sich für "Axolotl Roadkill" begeistern können!
Bücher sind halt doch etwas anderes als Jeans oder T-Shirts! Für manches Outfit scheine (!) ich zu alt zu sein. "Peinlich" würde mein Sohn vielleicht als Kommentar spendieren. Aber ob ich "2666" oder "Die Palette" lese, ist ihm egal. Ansehen kann man mir das jedenfalls nicht.
Vielleicht reden wir mal darüber, was "man" in welchem Alter heute so liest. Hier könnte die ZEIT hier mal einen entsprechenden Diskurs "anzetteln": 2 junge LeserInnen (unter 25) und zwei ältere (über 50) diskutieren über aktuelle bzw. Lieblings-Literatur. Eventuell moderiert von David Hugendick?
Mein Nachbar liest nicht viel, aber einmal im Jahr least er das neueste Stern-Coupé...
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