Wie müsste eine Krankheit aussehen, mit der sich die moderne Medizin in die Kapitulation treiben ließe? Das Chronische Erschöpfungssyndrom kommt der Antwort auf diese Frage ziemlich nahe.

Es ist ein rätselhaftes Leiden, eine undurchsichtige Sammlung von Symptomen: geistige und körperliche Erschöpfung, Hals-, Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Die Ursache ist unbekannt, die Diagnose fällt, wenn sich die Beschwerden keiner anderen Krankheit zuordnen lassen. Infolge der unklaren Symptome ist auch die Häufigkeit der Erkrankung offen: Die Schätzungen reichen von 300.000 bis 1,5 Millionen Patienten in Deutschland, die am Chronic Fatigue Syndrome (CFS) leiden sollen.

Andererseits glauben manche Ärzte, das Syndrom existiere gar nicht, und halten das Leiden für eine Art psychischer Überspanntheit. "Der Patient ist am Rand seiner Kräfte, aber man findet nichts, was die Symptome erklären könnte. Das überfordert viele Ärzte", erklärt Michael Sadre-Chirazi-Stark, Leiter der Psychiatrie und Psychotherapie im Asklepios Westklinikum Hamburg , diese Reaktion.

Im vergangenen Oktober aber schien es, als sei ein Auslöser für das rätselhafte Syndrom dingfest gemacht. Wissenschaftler des National Cancer Institute und der Cleveland Clinic waren endlich auf einen Verdächtigen gestoßen: 67 Prozent der Patienten mit CFS trügen einen bestimmten Erreger, verkündeten die Forscher in Science. Es handele sich um das Xenotropic murine leukaemia virus-related virus (kurz XMRV), das nur bei knapp vier Prozent der US-Bevölkerung vorkomme. Das war zwar noch kein Beleg für einen kausalen Zusammenhang, aber schon die Aussicht darauf sorgte für Wirbel: Vielleicht blockiert XMRV ja das Immunsystem und führt so die CFS-Symptome herbei.

"Wir haben schon seit Jahren Hinweise, dass bei vielen Patienten eine chronische Virusinfektion verantwortlich ist, nur ist es uns ein Rätsel, was genau im Körper wo schief läuft", sagt die Immunologin Carmen Scheibenbogen. Sie leitet an der Berliner Charité die Ambulanz für Patienten mit Immundefekten und sieht fast täglich CFS-Patienten. Scheibenbogen ist sich – wie die meisten Experten – sicher: Das Syndrom hat womöglich eine psychische Komponente, ist im Grunde aber eine körperliche Erkrankung.

Auch bei der 30-jährigen Nina aus der Nähe von Stuttgart begann das Leiden wie bei vielen andern auch nach einem grippalen Infekt. Als sie danach wieder Sport trieb, war sie schon nach wenigen Minuten völlig erschöpft. In den folgenden Tagen überkam sie eine überwältigende Schwäche und Müdigkeit, häufig wurde ihr schwindelig, in den Beinen spürte sie ein stetes Kribbeln und Brennen. Seit zwei Jahren kämpft sie gegen die Beschwerden an – vergeblich. "Früher sprühte ich vor Energie, ich war sportlich, gesellig, zufrieden", sagt sie über die Zeit vor dem Infekt. "Seitdem fühle ich mich ständig so, als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen. Ich bin seit zwei Jahren arbeitsunfähig, immer wieder monatelang bettlägerig und auf Pflege angewiesen."

Dutzende Male war sie in den ersten Monaten bei Medizinern und im Krankenhaus. Keiner konnte ihr sagen, was sie hat. Eine Zeit lang begab sie sich in Psychotherapie, nahm sogar Antidepressiva – ohne Erfolg. Erst nach einem Jahr las sie im Internet etwas über CFS: Die Symptome passten. Nina diagnostizierte sich selbst, anschließend bestätigte man ihr den Eigenbefund. "Ich wäre froh gewesen, wenn mir ein Arzt zuvorgekommen wäre, aber die meisten kennen die Krankheit kaum."