Geigerin Hilary Hahn "Ich finde es gut, älter zu werden"

Aus dem Geigenwunderkind Hilary Hahn ist eine erwachsene Künstlerin geworden. Ein Gespräch über Generationengefühle, Arbeitsdisziplin und die Virtuosenschule des 19. Jahrhunderts

Hilary Hahn ist 30 Jahre alt. Sie gehört zu den weltbesten Geigerinnen

Hilary Hahn ist 30 Jahre alt. Sie gehört zu den weltbesten Geigerinnen

Zwischen Seminartischen sitzt Hilary Hahn in einem schlecht geheizten Tagungsraum der Stuttgarter Liederhalle. Die Geigerin hat den Mantel beim Gespräch an, die Hände hält sie zwischen die Oberschenkel geklemmt. Ihr ist kalt. Sie hat Magenprobleme. Die transatlantischen Flüge der letzten Wochen sitzen ihr noch in den Knochen. Aber Hilary Hahn ist perfekt darin, sich selbst in die Pflicht zu nehmen. Sie wirkt konzentriert über alle Unpässlichkeit hinweg. So hat sie es weit gebracht. Mit drei Jahren begann sie Geige zu spielen. Mit 15 Jahren wurde sie als Jahrhunderttalent gehandelt. Mit 30 Jahren gehört sie zu den besten Geigerinnen der Welt.

DIE ZEIT:
Frau Hahn, Sie haben gerade eine CD mit Kantaten-Arien von Bach veröffentlicht. Es findet sich darin eine Arie aus der Kantate Ich bin in mir vergnügt. Können Sie das auch von sich behaupten: Ich bin in mir vergnügt?

Hilary Hahn: Ehrlich gesagt, habe ich die Worte bisher noch nicht auf mich bezogen.

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ZEIT: Die Kantate handelt von der Zufriedenheit, die der Mensch erlangt, wenn er für höhere Werte lebt. Der Sopran singt: »Bei dem kehrt stets der Himmel ein, der in der Armut reich kann werden.«

Hahn: Mich beschäftigt mehr die Frage, wie das auf der Geige klingen soll. Man muss den Sinn ja auf sein Instrument übertragen.

ZEIT: Und wie muss das klingen: jubilierende Freude in protestantischer Demut?

Hahn: Schwer zu sagen. Es ist beides möglich, man kann die Freude herausstellen oder die Umstände, in die sie eingebettet ist. Es geht bei Bach immer darum, eine Balance finden.

ZEIT: Bachs Musik begleitet Sie von klein auf. Als Sie 18 Jahre alt waren, gaben Sie Ihr CD-Debüt mit einer spektakulären Einspielung der Solowerke von Bach. Warum haben Sie sich jetzt ausgerechnet Arien aus Kantaten und Oratorien vorgenommen?

Hahn: Ich wollte unbedingt etwas gemeinsam mit Sängern machen, weil man von ihnen so wahnsinnig viel lernen kann. Phrasierung, Atmung, Artikulation – Sänger denken über diese Dinge vollkommen anders nach. Davon profitiert man als Geiger sehr.

ZEIT: Sind die ausgewählten Stücke Ihre Lieblingsarien?

Hahn: Nein. In erster Linie haben die Sänger die Auswahl getroffen, Christine Schäfer und Matthias Goerne. Ich wollte das nicht selbst bestimmen. Wenn man mit Sängern zusammenarbeitet, ist es wichtig, dass sie einen Bezug zu den Arien haben.

ZEIT: Bewegen Sie sich auch sonst gerne in der Welt des Gesangs? Gehen Sie viel in die Oper?

Leser-Kommentare
  1. Hat es wirklich 250 Jahre gedauert, mir kam es viel kürzer vor, bis die ersten Frauen Bach spielen konnten: immerhin ein Achtungserfolg. Männer sind inzwischen längst anderswo: bei Xenakis und Konsorten. Soll aber auch schon Frauen geben, die das können. Warum werden diese nicht interviewt? Angst der Redakteure?

    • k2
    • 09.04.2010 um 10:07 Uhr

    Begabung gegen "ich wollte lernen"(Hilary Hahn, "Ich finde es gut, älter zu werden"(Interview mit Claus Spahn)). Hahns Duett
    mit Valentina Lisitsa zieht Tina Lisitsa ziemlich runter. Eine
    Anne-Sophie Mutter wirkt wie eine lebende Legende neben Hilary Hahn. Anne-Sophie Mutter hat mehr für die kommenden Generationen klassischer Musik als Hilary Hahn getan.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Ijon
    • 23.04.2010 um 16:40 Uhr

    Erstens spielen die beiden sehr unterschiedliches Repertoire. Zweitens gehören Hahns Aufnahmen mittlerweile schon zu den Klassikern und Referenzen.
    Es stimmt allerdings, dass auf praktisch allen ihren Kammermusikaufnahmen der größte Wert auf sie und ihre Stimme gelegt wird. Sie lässt die anderen Stimmen oft wie Umwölkung ihrer technischen und musikalischen Perfektion wirken.

    Was mir im Interview aufgefallen ist: Die Dame wirkt wie kurz vor dem menschlichen "Peak-Oil". Kein Wunder, dass sie Magenweh hat. Sie hat seit ihrer Kindheit das Maximum aus sich herausgeholt. Anscheinend merkt sie gerade, dass sie nicht mehr ihr restliches Leben Tempo 250 fahren kann. Vermutlich hat sie Angst davor, nicht mehr an der Spitze des Olymp zu stehen.

    Und was sie spielt, noch dazu: Diese unheimlich schwierigen, strengen Bach-Werke. Ich wünsch ihr alles Gute, und dass sie ein bisschen auftaut.

    • Ijon
    • 23.04.2010 um 16:40 Uhr

    Erstens spielen die beiden sehr unterschiedliches Repertoire. Zweitens gehören Hahns Aufnahmen mittlerweile schon zu den Klassikern und Referenzen.
    Es stimmt allerdings, dass auf praktisch allen ihren Kammermusikaufnahmen der größte Wert auf sie und ihre Stimme gelegt wird. Sie lässt die anderen Stimmen oft wie Umwölkung ihrer technischen und musikalischen Perfektion wirken.

    Was mir im Interview aufgefallen ist: Die Dame wirkt wie kurz vor dem menschlichen "Peak-Oil". Kein Wunder, dass sie Magenweh hat. Sie hat seit ihrer Kindheit das Maximum aus sich herausgeholt. Anscheinend merkt sie gerade, dass sie nicht mehr ihr restliches Leben Tempo 250 fahren kann. Vermutlich hat sie Angst davor, nicht mehr an der Spitze des Olymp zu stehen.

    Und was sie spielt, noch dazu: Diese unheimlich schwierigen, strengen Bach-Werke. Ich wünsch ihr alles Gute, und dass sie ein bisschen auftaut.

    • Ijon
    • 23.04.2010 um 16:40 Uhr

    Erstens spielen die beiden sehr unterschiedliches Repertoire. Zweitens gehören Hahns Aufnahmen mittlerweile schon zu den Klassikern und Referenzen.
    Es stimmt allerdings, dass auf praktisch allen ihren Kammermusikaufnahmen der größte Wert auf sie und ihre Stimme gelegt wird. Sie lässt die anderen Stimmen oft wie Umwölkung ihrer technischen und musikalischen Perfektion wirken.

    Was mir im Interview aufgefallen ist: Die Dame wirkt wie kurz vor dem menschlichen "Peak-Oil". Kein Wunder, dass sie Magenweh hat. Sie hat seit ihrer Kindheit das Maximum aus sich herausgeholt. Anscheinend merkt sie gerade, dass sie nicht mehr ihr restliches Leben Tempo 250 fahren kann. Vermutlich hat sie Angst davor, nicht mehr an der Spitze des Olymp zu stehen.

    Und was sie spielt, noch dazu: Diese unheimlich schwierigen, strengen Bach-Werke. Ich wünsch ihr alles Gute, und dass sie ein bisschen auftaut.

    Eine Leser-Empfehlung
    • nouraa
    • 06.03.2011 um 12:06 Uhr

    Ich persönlich kann Ihnen nicht zustimmen. Ich höre die Aufnahmen von Hilary Hahn wesentlich lieber, als die von Anne-Sophie Mutter, weil letztgenannte für mein Empfinden zu "grob" spielt und das meiste auf Teufel komm raus anders machen will als alle anderen zuvor. Und anders muss nicht immer besser sein.
    Aber das ist ja glücklicherweise Geschmackssache. ;)

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  • Quelle DIE ZEIT, 18.03.2010 Nr. 12
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