Folkpop von Joanna NewsomParty im Garten Eden

Nervend, bezirzend, grandios: Joanna Newsom entdeckt den Minnesang für die Popmusik

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Schwierige Zahl drei. Beim dritten Album legt sich für gewöhnlich die Aufregung im Pop. Dann wird konsolidiert, verbessert, verfeinert. Joanna Newsom geht mit 18 Songs und 125 Minuten Spielzeit noch einmal in die Vollen. Der amerikanischen Harfenistin und Sängerin fliegen die Ideen aber auch nur so zu, insbesondere im Schatten der Nacht, wenn die Worte noch wachen und in den Liebkosungen der Musikerin zu Geschichten werden, die nachher die Lieder auf den Platten erhellen. Dass es diesmal ein Triple-Album wurde, hat selbst Joanna Newsom überrascht.

Triple-Album? Sie erinnern sich an den aufklappbaren Dinosaurier aus dem versunkenen Reich des Progressive Rock. Seitdem Musiker Science-Fiction schreiben und im Mittelalterschwulst baden, greifen sie auch auf den Dreier zurück, Yes haben es getan, Emerson, Lake & Palmer, Dream Theater. Wer die Langstrecke in Angriff nahm, musste festen Glaubens sein, der Welt Unvergleichliches mitzuteilen. Wenn Joanna Newsom jetzt so einen gewaltigen Batzen von Musik rausschickt, geschieht das in schöner Missachtung aller Marktanalysen und ökonomischen Leit- und Zeitsätze. Es lebe die Verschwendung.

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Die Größe des Opus muss sich auch am Rang der Künstlerin messen lassen. Joanna Newsom gilt als Ereignis in der aktuellen U-Musik, sie spielt ein im Pop-Kontext höchst seltenes Instrument, die Harfe. Sie tat das von Anbeginn an weder sanft noch lyrisch; und auch der diesem Instrument anhängende Nachgeschmack der Esoterik wollte sich glücklicherweise nie einstellen. Wenn sie singt, hören Kritiker wahlweise eine verendende Katze, Marge Simpson oder ein altes Blues-Weib auf Helium. Und wenn Joanna im feinen Flatterkleid ihre Songs auf der Bühne dem Publikum preisgibt, begleitet von Sinfonieorchestern, gelingt es ihr, den Blues dieser Tage zu transzendieren. Es nervt und bezirzt im schönsten Einklang.

Wer sich in das Labyrinth ihres neuen Werkes Have One On Me begibt, wird nun mit dem Klirrfaktor der Saison beschenkt: Joanna Newsom entdeckt den Minnesang für die Popmusik. Sie besitzt noch viel mehr Stimmen, als man sich das ausmalen durfte, wir hören die Joanna der lustig Lebenden, die Joanna der Toten, die Kobolde, die auf den Namen Joanna hören, und die seriöse Jazz-Dame. Alle beteiligen sich am großen Liebesreigen, die Sängerin inspiziert die romantische Liebe, sucht die göttliche Liebe und findet nachher die scheiternde Liebe. Man sollte nur nicht versuchen, die Symbole in den Erzählungen zu dechiffrieren, den Wust zu ordnen. Joanna Newsoms Universum dehnt sich gerade in alle Ecken und Enden aus.

Leserkommentare
  1. Ja, die neue Joanna kann aber auch nerven. Nicht jede Tageszeit ist günstig. Doch ein Augenaufschlag reicht, um über Feenhaftigkeit hinwegzusehen. Joanna bleibt der Floh in deinem Ohr. http://www.jahrgangsgerae...

  2. Es heißt Dream Theater, nich Dream Theatre! Bitte korrigieren!

    mfg

  3. die Allmachts-Schublade POP. Joanna Newsom ist kein Pop. Wer das behauptet, hat nicht nachgedacht. Auch wenn Genrezuweisungen hier immer beheult werden ob ihrer Schwierigkeit, muss man sich auch nicht gleich in der Popwelt auflösen.

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  • Quelle DIE ZEIT, 18.03.2010 Nr. 12
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  • Schlagworte Album | Garten | Janis Joplin | Sänger
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