Jazz von William Parker: "Wir müssen es selbst tun"
William Parker ist eine Institution im New Yorker Jazz. Der Bassist und Festivalmacher glaubt an Musik mit Mission.
Wenn William Parker einen Treffpunkt vorschlägt, widerspricht man nicht. Der Mann ist eine Institution, ein Denkmal, eine Legende. Und doch hat die Gelassenheit, die er beim Gespräch in dem kleinen, an der Avenue C gelegenen Selbstbedienungsrestaurant ausstrahlt, etwas Trügerisches. Noch immer befindet sich Parker im musikalischen Unruhestand. Als Bassist, aber auch als erfolgreicher Festivalmacher hat er eine Mission.
Seine Musikerkollegen vergleichen ihn mit einem Prediger. Wenn er von seiner Welt erzählt, fallen Sätze wie: »Du bestimmst deine Zukunft durch das, was du jetzt angehst.« Oder: »Wenn man uns nicht engagieren will, müssen wir es selbst tun.« In solchen Momenten fühlt man sich in bewegte Zeiten zurückversetzt. Dabei hat sich alles in seiner Gegend verändert, seitdem die Immobilienspekulanten die Lower East Side für sich entdeckten. Vor zehn Jahren schlug hier noch das Herz der New Yorker Jazz-Avantgarde. Davon geblieben sind John Zorns Club The Stone und William Parkers Vision Festival. Der Rest zog ins preiswertere Brooklyn um.
Aufhören, umziehen, klein beigeben kommt trotzdem nicht infrage. Dann lieber alles noch mal anders anpacken, im Zweifel gegen die Gebrauchsanweisung. Der mittlerweile 58-Jährige hat große Konzerte auf Instrumenten gegeben, die als heruntergekommen und eigentlich schon unspielbar galten. Und Parker kann laut spielen, sehr laut. Er war der Bassist Cecil Taylors in den Achtzigern, noch heute glaubt er an die Botschaft der Avantgarde. In einer seiner Kompositionen lässt er den afroamerikanischen Schriftsteller James Baldwin auf die Erde zurückkehren, um allen Menschen guten Willens Trost zu spenden. »Man muss Selbstvertrauen haben, um etwas zu erreichen: Du bist wer, also mach was daraus.«
In Parkers Jugend waren es die Songs von Curtis Mayfield, die Mut machten. Sie hätten die Essenz der sozialen Bewegung zum Ausdruck gebracht, sagt er, etwas, das von Generation zu Generation neu formuliert werden muss. Als er dann zu Beginn der Bush-Ära seine Komposition The Inside Songs Of Curtis Mayfield zu schreiben begann, ging es ihm genau darum: um den Nachweis, »dass alles, was schön ist, auch politisch ist«. Parkers Bearbeitungen von Klassikern wie People Get Ready und We People Who Are Darker Than Blue klingen allerdings weitaus rudimentärer als die Originale. Sie dienen seinem afroamerikanischen Improvisationskollektiv nur als rhythmisch-melodischer Bezugsrahmen. Die Klänge des Sextetts, die auf der jetzt als CD erhältlichen Aufnahme zu hören sind, hat Parker dialogisch organisiert: typische Frage-Antwort-Muster, wie sie in der schwarzen Kirchenmusik Tradition haben, lösen sich mit spontanen Variationen ab. Manchmal klingt kollektives Chaos durch, dann wieder entsteht Raum für Parkers zeitverschobene Improvisationen am Bass. Wichtiger als einige herausragende Solopassagen jedoch ist die Leistung des Ensembles. Amiri Baraka, der streitbare afroamerikanische Dichter, ergänzt Mayfields Liedtexte mit Spoken-Word-Zitaten, Leena Conquests Gesang dazu changiert zwischen Beschwörung und Ermutigung.
Mit seiner Hommage an einen der letzten Sozialutopiker der schwarzen Musik tritt Parker so ein weiteres Mal den Beweis an, dass die Musik nur das eine ist. Es geht auch um das Netz dahinter: »immer wieder neue Kontakte knüpfen und Auftrittsorte organisieren, in den Schulen und Nachbarschaftszentren, 24 Stunden am Tag bereit sein«. Dass das zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter organisierte Vision Festival – im kommenden Sommer findet es zum 15. Mal statt – von der amerikanischen Jazzjournalisten-Vereinigung regelmäßig als bedeutendstes Festival des Landes ausgezeichnet wird, ist eine späte Anerkennung, die ihm viel bedeutet. Über die Breitenwirkung seiner Mission macht sich William Parker jedoch keine Illusionen. Mit Blick auf verwandte Musikerkollektive in Chicago, New Orleans oder St. Louis spricht er von einem notwendigen Akt der Selbstorganisation. Angesichts des Desinteresses populärer schwarzer Musiker an der freien Improvisation fühle er sich dennoch manchmal »wie ein Überlebender eines sehr kleinen Stammes«.
Was bleibt, ist die immer neue Ausgestaltung dieses minimalen Spielraums. Katalysator sein, den Funken weitertragen, sich zu seiner Zeit verhalten, genau wie es Charlie Parker, Duke Ellington oder Thelonious Monk zu ihrer Zeit taten. Die Freiheit, die William Parker meint, ist eine hoch disziplinierte Angelegenheit. Doch Freiheit, in der Musik wie im Leben, ist nun einmal anstrengend. Alles andere wäre ein falsches Verständnis von Tradition.
William Parker: The Inside Songs of Curtis Mayfield: Live in Rome, Rai Trade/Vertrieb Cargo










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