Boxer, das war der Traum vom Leben, damals, Mitte der neunziger Jahre im Ninth Ward von New Orleans. So einer sein wie Muhammad Ali, schwarz und gut aussehend, beweglich und kaum zu treffen, rebellisch, großmäulig, stolz. Ein furchtloser Kämpfer, cool as hell. Und fliegen konnte der wie ein Schmetterling, zustechen wie eine Biene. Genau so wollte auch Christian Scott sein, er war auf einem guten Weg. Der kleine Christian war sportlich, und dauernd geriet er in Kämpfe. Doch dann kam die Trompete, und Christian Scott träumte einen neuen Traum.

Immer wieder waren es herausragende Trompeter aus New Orleans, die die Geschichte des Jazz prägten – Buddy Bolden, King Oliver und Louis Armstrong. Bis hin zu Wynton Marsalis geht die Reihe, und nun ist Christian Scott derjenige, der die Fackel trägt. Auch über den Jazz hinaus: An der Seite von George Clooney und Renee Zellweger wirkte er in dem Film Leatherhead von Steven Soderbergh mit, an der Seite von Prince und dem Hip-Hop-MC Mos Def machte er Aufnahmen.

Im Zentrum von Scotts Interesse blieb der Jazz, und wer in New Orleans aufwächst, hat die Musik der Vorfahren studiert, hat bei street parades gespielt und in den Bands, die den ganz alten Stil pflegen, hat sich mit Rhythm & Blues beschäftigt und im Bebop seine Geläufigkeit geschult. Christian Scott hat sich nicht dem Reinheitsgebot des klassischen, akustischen Jazz unterworfen, in seinem Spiel finden sich Spuren anderer Rhythmen und Energien. Seine Band bedient sich freimütig beim Hip-Hop und beim Rock, groovt voller Kraft durch verquere Rhythmen und vertraut häufiger auf die Trance auslösende Kraft einfacher Ostinati als auf den Farbenreichtum diffiziler Harmonieverläufe. Ähnlich hat vor einem halben Jahrhundert Miles Davis mit den Konventionen des Jazz aufgeräumt, ein Musiker, den Scott bei aller Verschiedenheit in dem, was schließlich aus der Trompete kommt, ganz oben auf seiner Heldenliste führt. Scotts Ton auf der Trompete ist eigen, voll und rund, dann wieder lyrisch und zart, manchmal knochig abgemagert, ganz nah am Klang der menschlichen Stimme. Scott kann spielen, höher, schneller, weiter, kein Problem, doch er meidet die pompös virtuosen Phrasen, das Wettbewerbsgetue, das so verbreitet ist im Jazz. Er ist ein Mann der musikalischen Ökonomie, der warten kann, bis er eine Phrase spielt, warten auf Schattierungen in der Musik, die seine Emotionalität am besten zur Geltung bringen.

Als sein Onkel, der Altsaxofonist Donald Harrison jr., der "King of Nouveau Swing", den Zwölfjährigen bei einem Clubauftritt auf die Bühne holte, war für Christian Scott der weitere Weg vorgezeichnet. Harrison wurde Lehrer, Bandleader, Mentor. Zehn Jahre später hatte Scott seine Lehrjahre hinter sich, er hatte in Boston studiert, war nach New York gezogen, hatte seine erste Aufnahme unter eigener Regie veröffentlicht, da überflutete Katrina, der Wirbelsturm, den Ninth Ward, und für jeden, der eine Beziehung zu New Orleans hatte, setzte sich die Welt neu zusammen. Auch das Haus der Scotts war dem Hochwasser zum Opfer gefallen, und als das Wasser wieder abgelaufen war, musste sich die Familie eine neue Bleibe suchen. Die Wut wuchs.