Geiger Nikolaj Znaider: Mit großem Ton in die Weite
Der Geiger Nikolaj Znaider findet neue Wege zur romantischen Musik von Elgar und Brahms – und zu Schönberg.
© Matthias Creutziger

Nikolaj Znaider ist dänischer und israelischer Staatsbürger
Unerschrocken ist er. Einundsechzig Takte lang brauste, wogte, schäumte das Orchester, eben noch haben sich die Hörner mit gefährlichem Lachen von einer Zehnmeterwelle in die Tiefe gestürzt, und nun steht da der Geiger mittendrin wie auf einem Stück Fels und singt gegen den Wind, sonor, entschlossen, »nobilmente« auch, wie es Edward Elgar verlangt in seinem Violinkonzert. Und er beendet diese erste Phrase mit einem Virtuosenschluchzer wie aus der Welt von gestern, so, wie ihn Fritz Kreisler bei der Uraufführung 1910 in London gespielt haben mag. Vom H zum Fis herabgleitend, streift er noch kurz das G, so was macht man heute nicht mehr. Nikolaj Znaider ist keineswegs von gestern, er ist 35 Jahre alt, aber etwas verbindet ihn mit den Geigern jener Zeit.
Vielleicht sein polnischer Großvater, der gern Geiger geworden wäre. »Sie waren sehr arm, doch er hat seinen Vater überredet. Dann starb der Vater, und sie hatten noch weniger Geld. Es war Winter, es war kalt, und die Geige wurde in den Ofen getan, für ein paar Minuten Hitze.« Das wäre keine gute Idee bei der Geige, mit der Znaider jetzt Elgars Konzert aufgenommen hat. Es handelt sich um eine schlichtweg unbezahlbare Guarneri von 1741, auf der schon Kreisler spielte. Sie steht Znaider als Dauerleihgabe des Königlich Dänischen Theaters zu Verfügung. Znaider ist nämlich dänischer Staatsbürger, israelischer ebenso.
Sein Einstieg in Elgars Konzert sagt längst nicht alles über ihn. Diese Takte kann man auch ganz anders spielen, der junge Menuhin etwa ließ sie, unter Elgars persönlicher Leitung, klingen wie aus elfenhafter Fremde, mit feinstem Jubel in den Tönen. Dagegen wirkt Znaiders entschlossener Gesang aufs erste Hören so direkt, dass man umso verblüffter ist, wenn er zum zartesten Thema des ersten Satzes kommt. Fast folkloristisch schlicht im Duktus ist es, abgründig sanft harmonisiert, und Znaider spielt es so sensibel, behutsam, bekennend zugleich, als spreche hier ein Wissender von der Liebe. Um die geht es ja auch. »Hier ist umhüllt die Seele von…«, schreibt Elgar als Motto. Er meint die Seele von Alice Stuart-Wortley, seiner großen platonischen Liebe.
Znaider findet solche Hintergründe wichtig, aber »die Gefahr ist, zu denken, wenn wir die Briefe lesen, wissen wir, wie die Musik geht«. Was ihn an Elgar reizt, ist die »Zweideutigkeit«. »Darin spiegelt sich die edwardianische Zeit. In der Leidenschaft ist immer auch Zurückhaltung. Und Elgar ist zwar in der Gesellschaft aufgestiegen, aber er hat nicht wirklich hineingepasst. Er war ein Rebell in einem sehr geordneten Rahmen.« Etwas von dieser Art Rebellentum hat auch Znaiders Spiel. Zuerst und aus der Entfernung glaubt man, einfach einen technisch perfekten Geiger mit großem Ton zu hören. Dann kommt man näher und entdeckt diese altmodischen Schluchzer. Diese wissende Sensibilität. Und im großen Ton eine Farbvielfalt, die ins Weite führt.
Elgars Konzert hat er mit Colin Davies und der Staatskapelle Dresden aufgenommen. Er tritt überwiegend mit Musikern dieses Ranges auf, mit Barenboim, Blomstedt, Jansons und Thielemann. Zwar stehen die, wie genial auch immer, für ein romantisch dominiertes Repertoire in nicht unbedingt analytischer und quellenkritischer Lesart, aber man höre mal, was ein Haudegen wie Valéry Gergiev und Znaider zusammen aus dem Violinkonzert von Johannes Brahms machen. Auf die gläsern zirkulierenden Triolen des Geigers bei Takt 190 im ersten Satz lassen sich Gergiev und die Wiener Philharmoniker so ein, dass die Musik gleichsam zum schwebenden Stillstand kommt. Und ihr Epilog in diesem Satz ist einer der schönsten. Das »tranquillo« ist bis zur Entrückung verlangsamt, was kitschig werden könnte, wäre da nicht Znaiders »Zweideutigkeit«. Brahms’ hohe, sanft gleißende Töne haben bei ihm etwas Unfassbares und Konkretes zugleich, sie schimmern wie Sonne an der Kante einer Flugzeugtragfläche, und sie bergen einen reißenden Schmerz. Furchtbar wäre es, setzten danach die Bläser wie in so vielen Aufnahmen wattig ein. Hier kommen sie behutsam und leuchtend genau auf dem Punkt, ohne Reibungsverlust. Mit denselben Musikern gibt Znaider dem Violinkonzert von Erich Wolfgang Korngold eine Authentizität, die diesem Komponisten oft abgesprochen wird – ist er doch vom europäischen Genie zum US-Filmkomponisten mutiert…







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