Martenstein "Die meisten Kabarettisten sind verhinderte Politiker"

Harald Martenstein regt sich auf über die Besserwisser auf deutschen Kleinkunstbühnen. Die meisten Kabarettnummern wiederholen seiner Meinung nach nur Allerweltsmeinungen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

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Als ich las, dass Privatdetektive das Liebesleben von Politikern überwachen, fiel mir ein, dass ich vor Jahren einmal in der Jury eines Kabarettpreises war. Das kam mir damals extrem seltsam vor. Ich kann Kabarett nicht leiden, außer Gerhard Polt, der meiner Ansicht nach eher ein Komiker ist. Das hatte ich der Dame vom Preiskomitee am Telefon auch gesagt. Sie meinte, es sei egal. Na gut, fuhr ich also hin, die Kabarettisten waren mal besser, mal schlechter, einer von ihnen hat am Ende den Preis gekriegt.

Da vorne steht also, fast immer, ein Mann. Dieser Mann macht Witze – mal bessere, mal schlechtere – über Politiker oder politische Vorgänge. Er ist der klassische Besserwisser. Er tut so, als ob er das Regieren besser hinkriegen könnte als, sagen wir, Angela Merkel. Der Kabarettist steht auf einem erhöhten Beobachtungsposten, betrachtet das zu seinen Füßen stattfindende Gewimmel des politischen Geschäftes und verteilt Noten. Damit es funktioniert, muss der Kabarettist den sogenannten Nerv des Publikums treffen, das heißt, er muss die Vorurteilsstruktur des Publikums bedienen, mit Aussagen wie "Politiker sind geldgierig" oder "Schlimm, dieses Doping" oder "Kurt Beck hat kein Charisma", solchen Allerweltsmeinungen, die jeder von uns nach Maßgabe der aktuellen Nachrichtenlage spazieren trägt, bis sie, etwa durch einen überraschenden Schachzug von Kurt Beck, von einer anderen Allerweltsmeinung ersetzt werden wie die Winterkleidung von der Sommerkleidung. Dann haben es natürlich alle schon immer gewusst: "Der Beck ist ein ganz ausgeschlafener Bursche, der hat es allen gezeigt!"

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Ein guter Leitartikel bringt einen manchmal dazu, eine Sache aus einem neuen Blickwinkel zu sehen. Eine Kabarettnummer aber operiert fast immer mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Mutter des Kabaretts ist der Stammtisch, wo die Männer beisammensitzen, sich am Po kratzen und wo einer sagt: "Schon gehört, wie der chinesische Sportminister heißt? Do Ping!" Diesen Gag brachte bei dem Wettbewerb damals genau ein Drittel der Kabarettisten, ich habe mitgezählt, das war damals die beliebteste deutsche Pointe.

Früher hat Kabarett vermutlich befreiend gewirkt, früher, als die Gesellschaft noch autoritär war und Politiker ferne Lichtgestalten, von denen man nur den offiziellen Widerschein mitbekam, wie bei Konrad Adenauer oder auch noch Willy Brandt. Es war bestimmt eine heiße Sache, wenn im Kabarett auf Willy Brandts Frauen- oder Straußens Alkoholkonsum angespielt wurde, weil das für die Presse Tabuthemen waren.

Inzwischen steht dieser Kram doch längst in der Zeitung, bevor er im Kabarett ankommt, von YouTube im Internet ganz zu schweigen, wo jedes Politikermissgeschick so lange besichtigt werden kann, bis alle sich satt gelacht haben. Es gibt keine Fallhöhe mehr, von der ein Kabarettist profitieren könnte. Bunte killed the Kabarett-Star.

Die meisten Kabarettisten sind verhinderte Politiker, das ist nun meine Allerweltsmeinung. Die meisten würden es gut hinkriegen. Dieter Hildebrandt wäre sicher ein hervorragender Bundespräsident geworden, einen besseren bayerischen Ministerpräsidenten als Gerhard Polt kann man sich nicht vorstellen, den Bruno Jonas sehe ich mehr so als Generalsekretär. Die hätten alle drei natürlich jede Menge komisches Potenzial für Beobachter. Mein Reformvorschlag für die politische Kultur in Deutschland: Es müsste Kabarettwettbewerbe geben, bei denen der erste Preis ein Bundestagsmandat ist.

 
Leser-Kommentare
  1. sollte man demzufolge doch auch gleich eine Geige oder gar den Taktstock in die Hand drücken... soll er es doch besser machen, statt, unmusikalisch wie er ist, herumzumäkeln...

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Holmes
    • 19.03.2010 um 11:01 Uhr

    F: was sagen Sie ihrern Kritikern?
    A: Kritik ist Kritik und das überlass ich den Kritikern

    • Holmes
    • 19.03.2010 um 11:01 Uhr

    F: was sagen Sie ihrern Kritikern?
    A: Kritik ist Kritik und das überlass ich den Kritikern

    • TDU
    • 18.03.2010 um 16:24 Uhr

    Klar besser wären die, wenn man voraussetzt, dass sie ihre Vorstellungen widerspruchsfrei durchsetzen könnten. Da hatten dei kbaerttisten früherer Jahre mehr Gespür und Stil.

    Einmal eine Person nachgemacht und mainstreamlich oder klamaukig auf die Schippe genommen und schon ist man ein Komödiant. Denn zur komödiantischen Darstellung der Sache, Mann/Frau geht ja immer, reicht meistens die Ahnng nicht. Deswegen muss die Person her, auch um selbst komisch zu wirken.

    Alles nicht mehr beonders komisch und immer langweiliger.

    • Sikumu
    • 18.03.2010 um 19:30 Uhr

    Wie wir kürzlich erfahren durften, gibt es ja auch Politiker mit dem Zeug zum stand up comedian.
    (Ausgangspunkt war Röslers Bemerkung, er würde gerne mal wieder ohne Jackett und Krawatte über die Straße schlendern.)
    http://www.youtube.com/wa...

    • Holmes
    • 19.03.2010 um 10:59 Uhr

    ausser alte leute für die es ein reflex ihres politikinteresses im Stil der 70er und 80er ist.

    Wie Sie schon richtig schreiben machen sich die leute lieber auf der persönlichen ebene lustig über politiker, so wird der bundestag auf das niveau eines big brother hauses gezogen.

    wobei die politiker ja auch kaum mit ernstzunemehnder politik von sich reden machen.

    • Holmes
    • 19.03.2010 um 11:01 Uhr

    F: was sagen Sie ihrern Kritikern?
    A: Kritik ist Kritik und das überlass ich den Kritikern

    Antwort auf "Dem Musikkritiker..."
  2. Vielleicht haben Sie Recht, dass das momentane Gezerre um Entscheidungen zur Lösung schwieriger Probleme wenig Inhaltliches bietet und deshalb auf Persönliches zurückgegriffen wird... und das zu selten mit Sprachwitz und -intelligenz, was halt sehr vom Vermögen des Vortragenden abhängt.
    Für den Gewinner des damaligen Wettbewerbs tut es mir aber irgendwie leid... klingt ja schon sehr abwertend, diese Kritik, und der Autor wurde doch sicher nicht gezwungen, Jurymitglied zu sein.

  3. Ganz meiner Meinung!(na bitte. Sogar mit Ausrufezeichen).

    Verwundert bin ich nur, wenn ab und an in eigentlich guten Kommentaren in den bürgerlichen Online-Zeitungen - quasi als Unterstreichung des Kommentars - ein Zitat von diesem oder jenem "Kabarettisten" (meint: Komiker; oft mit komischer Haarfrisur. Huch, wie umstürzlerisch!) hinzugefügt wurde. Ich frage mich dann, ob der eigentliche Kommentar wirklich so gut war = Ein "gutgemeinter" Zusatz mit einem dieser Namen wirkt bei mir immer als Abschreckung.
    Aber stimmt: in den Sixties hab ich "Kabarett" im TV auch gern gesehen; ich war 15 und es gab ja nur zwei Programme: Ost & West.

  4. Ein paar Zitate aus Kommentaren zum Nockherberg 2010: „Ein Kabarettbesuch ist auch heute noch kein gesellschaftskritischer Inzest. Es gibt nach wie vor – eigentlich sogar immer mehr – Kabarettisten (wohlgemerkt: nicht Commedians!), die es schaffen, Lachen mit Inhalten zu verbinden, die zumindest zum gesellschaftlichen Nachdenken anregen“ (Sven Kemmler, München), „Künstler, die aufmerksam machen, unangenehme Dinge beim Namen nennen und auch den Zuhörern den Spiegel vorhalten“ (Klaus Freund, Hausen).
    „Das Kabarett war in seiner langen Geschichte durchaus auch nur nachdenklich, oder nur poetisch oder nur unterhaltend – und nicht nur staatsanwalt-elektrisierend. Sein „Fortwesen“ verdankt es seiner Formenvielfalt und dem rasanten Zuspruch des Publikums. Wenn der grandiose Volker Pispers für eine einzige Nummer 950 000 Zugriffe bei youtube kreiert, lässt sich kaum von einer überflüssigen, überkommenen oder sterbenden Kunst sprechen. Das Kabarett ist nicht tot, sondern ausverkauft“ (Holger Paetz, München – alle aus: Süddeutsche Zeitung, Forum, 18. März 2010).
    Wenn Kabarrett-Würstchen-Besserwisser-Verächter 2.1 einmal – und das wird sehr bald sein – selber alte Leute sein werden, wünsche ich ihnen, dass sie dann nicht Opfer der Weisheit des rheinischen Vielosoffen Heintenhoff geworden sind: Wer seine Vergangenheit negiert, hat keine Zukunft.
    Übrigens, Schuhe gab’s mal beim Schuster, Würstchen beim Metzger und Politiker beim Wahlvolk; Wo lassen Sie arbeiten, Herr Martenstein?

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