Musikinstrumente Ein Klavier, ein Klavier!

Es ist sperrig, laut, hat keinen Internetanschluss – und bleibt gerade deswegen das Instrument der Herzen. Die Reise eines Klaviers in sein neues Zuhause

Wenn Musikinstrumente Menschen wären, was wären sie dann für Typen? Der russische Komponist Sergej Prokofjew hat diese Fantasie in seinem musikalischen Märchen Peter und der Wolf mit Tieren durchgespielt: Die Querflöte ist der Vogel, die Klarinette die Katze, die Ente die Oboe, und die Hörner sind der Wolf. Spielen wir nun das Menschenspiel. Die Violine, sie ist das Mädchen, das Cello die Frau, reif, dunkel, und die Blockflöte ist der Knabe im Stimmbruch.

Wer aber ist das Klavier?

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Wen haben wir da vor uns in geschliffen schwarzer Eleganz und symmetrischem Ernst, wer steckt in diesen 250 Kilo Gravität? Keine Frage, das Klavier ist ein Herr des 19. Jahrhunderts, einer im schwarzen Gehrock und Zylinder. Doch kein Herr von altem Adel – dazu ist es zu jung. Das Klavier ist, ebenso wie sein treuer Gefährte, der Virtuose, ein Typus der (damals) neuen Zeit.

Von ihr hat es das Maschinelle: Hämmer und Saiten, sein von Meisterhand gebautes Spielwerk. Diese beseelte Musikmaschine erscheint bis heute wie einer der modern-unheimlichen Automaten aus den Erzählungen des Schriftstellers und Komponisten E.T.A. Hoffmann.

Wie solitär das Klavier dasteht – ganz Herr im Hause. Zwar gibt es auch Hallodris in seiner Verwandtschaft, die sich in Vereinsheimen oder in Bars herumtreiben und es dulden, dass halbseidene Klimperer ihm mit dem Ellbogen über die Tastatur ratschen. Aber eigentlich gehört das Klavier doch ins Haus, in die Mitte des musizierenden Familien- und Freundeskreises. Hier tritt ihm niemand zu nahe und klappt es unbefugt auf, ohne sich zu blamieren.

Unter virtuosen Händen zaubert es ganze orchestrale Welten hervor. Furioser Anschlag und elegischer Aushauch. Innerlichkeit und Pathos. Hausmusik und Weltgeist. Ganz klar, das Klavier ist der Bürger unter den Instrumenten. Beide wurden zur gleichen Zeit erfunden, und beide fanden ja auch bald zueinander.

Um ins Haus zu kommen, muss das Klavier leider reisen. Muss auf den groben Lastwagen hinauf. Das liegt ihm nicht, seine empfindlichen, sorgsam gestimmten inneren Teile könnten beeinträchtigt werden, der Schleiflack ist kratzempfindlich. Es ist sehr wichtig, dass, wie beim Spiel, auch beim Transport Hände zulangen, die beides sind: stark und sensibel.

Um Punkt acht Uhr am Morgen betreten zwei große, breitschultrige und für diese frühe Stunde erstaunlich gut gelaunte Männer die Räume der Firma Bechstein an der Berliner Kantstraße.

»Das da?«

Ja, das da.

Ein bisschen wirken die zwei wie Großwildfänger bei dem, was nun folgt. Dem pantherschwarzen »Das da« werden graue Filzdecken übergeworfen, dann eine Plastikfolie, dann wird es mit Klebestreifen gefesselt. Zuletzt zurren die beiden eine schwere, abermals filzgefütterte Thermodecke über das hilflose Ding. Ein Brett auf Rollen wird ihm untergeschoben, und ab geht’s in den Lift und parterre durch den Lieferausgang hinaus in den kalten Wintertag. Der Lastwagen wartet. Die Heizung im Laderaum läuft. Das Instrument wird festgeschnallt, Klappe zu, Motor an. Um halb neun verlässt das Klavier die Stadt, es ist nun unterwegs zu einem Mädchen, dessen Leben es verändern wird.

Für die Transporteure, die eine gut dreistündige Fahrt vor sich haben, ist es ein alltäglicher Vorgang. Und doch ein kleines Wunder, wenn man bedenkt, dass es mit dem Hause Bechstein lange bergab ging. 1853 gegründet und im 19. Jahrhundert überaus erfolgreich, ja geliebt von Pianisten wie Komponisten (Claude Debussy: »Man sollte Klaviermusik nur für Bechstein schreiben«), geriet die Berliner Traditionsmarke in die Abgründe und Krisen des 20. Jahrhunderts: Eine angeheiratete Mitinhaberin verfiel Adolf Hitler und förderte ihn. Erst Jahre nach dem Krieg fasste Bechstein wieder Tritt, geriet aber in den siebziger Jahren erneut in wirtschaftliche Turbulenzen und wurde von einem US-Konzern übernommen. Die Wiedergeburt begann 1986, als der Klavierbaumeister und Unternehmer Karl Schulze die Firma von ihren amerikanischen Eignern kaufte und neu aufbaute.

Sein Technik-Vorstand Leonardo Duricic erklärt den Wiederaufstieg der Marke so: »Im Grundbau kaufen wir uns mit intelligenten Maschinen die Zeit, die wir dann im Ausbau des Instruments von Hand haben.« Jeder Pianist will seinen Klang, sein Instrument. Bis zuletzt arbeiten Fachleute mit ihren Spezialwerkzeugen daran. »Für einen Konzertpianisten«, sagt Duricic, »ist es wie für einen Rennfahrer, da wird gefeilt und geschraubt, bis er sagt: Schluss!«

So viel zum Spitzenprodukt. Bechstein sei aber nur lebensfähig, der japanischen Konkurrenz sei nur beizukommen, wenn man auch einer mittleren Käuferschicht ein Angebot mache. »Dieses mittlere Segment ist lebenswichtig für die Firma«, sagt Duricic. Gemeint ist die 1988 zugekaufte Marke Hoffmann – auch eine alte Berliner Klavierfirma, 300 Hersteller gab es dort um 1900. Bechstein wird heute in Sachsen gebaut, Hoffmann in Tschechien bei Bechstein Europe. Kein Qualitätsabfall, betont Duricic, allein ein Kostenunterschied. Man baue in Tschechien »zu 45 bis 50 Prozent der Kosten in Deutschland«. Das Klavier hinten im Laderaum ist ein Hoffmann.

Bei der Fahrt über die Autobahn steht es immer noch stabil – aber wie steht es generell um das Klavier? Ist es den Deutschen noch wichtig? Ordern sie noch? Fragt man den Bundesverband Klavier danach, erhält man genau die gleiche Auskunft: »Stabil!« Der Vorsitzende des Verbandes, Burkhard Stein, hat Zahlen: »Rund 12.500 Instrumente wurden im Jahr 2008 in Deutschland hergestellt, davon 2500 bis 3000 Flügel, der Rest Klaviere.« Verkauft wurden in Deutschland sogar noch mehr: »Rund 18.000, darunter etwa 13.500 Klaviere, der Rest Flügel.« Diese Zahlen seien in den vergangenen zehn Jahren etwa gleich geblieben, mit Ausnahme des Krisenjahres 2009, »das haben auch die Klavierbauer gespürt«.

Dass die Verkaufszahlen so konstant geblieben sind, ist erstaunlich angesichts der zunehmenden Verbreitung von Digitalpianos, der Digitalisierung der Musikwelt überhaupt, in der schon billigste Keyboards Tausende verschiedener Sounds hervorzubringen vermögen. Wenn man sich dann noch die zahllosen Zerstreuungsmöglichkeiten unserer Zeit vor Augen hält – vom Internet bis zu PC-Spielen wie Guitar Hero, die das Musikmachen als Action-Spektakel simulieren –, dann ist die anhaltende Beliebtheit des Klaviers erst recht ein kleines Wunder.

Und wer kauft all die Klaviere? »Mehr Kims als Müllers«, sagt Remzi Mert auf dem Beifahrersitz des Lasters. Er ist der Chef der Transportfirma. Die macht nichts anderes, als Klaviere und Flügel zu fahren – in Merts Worten: »15.000 Transporte letztes Jahr. Elf Lkw. Vierzig Leute.«

Der Erfolg war eigentlich nicht geplant. »Als mein Kompagnon und ich uns 2001 einen Laster kauften, taten wir das, um unseren Lebensunterhalt zu bestreiten. Mehr wollten wir nicht.« Aber dann wurden es immer mehr Aufträge, mehr Laster, mehr Angestellte, und der Radius der Firma Piano Express wuchs sich auf halb Europa aus. Heute leitet Merts Kompagnon neue Filialen in München und im nordrhein-westfälischen Mettmann. Zu den Kunden zählen die Berliner Philharmoniker und die Pariser Staatsoper. Und das Erfolgsgeheimnis?

»Als wir anfingen, waren die Berliner Pianobauer unzufrieden mit den Transportfirmen. Andere haben nachmittags Büroschluss. Wir sind auch nach einem Konzert um Mitternacht da. Und wir übernehmen Aufgaben, die andere nicht können – Klavier auseinanderbauen, durch enge Treppenhäuser stemmen, wieder zusammenbauen. Neulich hatten wir einen Flügel, der musste in den 13. Stock eines Berliner Hauses und passte nicht in den Fahrstuhl. Den haben wir hochgetragen, 13 Stock hoch, es dauerte einen ganzen Tag, aber der Flügel hatte keinen einzigen Kratzer.«

Er könnte seine Belegschaft leicht von 40 auf 80 Mann verdoppeln, sagt Mert noch, aber er finde keine geeigneten Leute. »Von 20, die wir probieren, ist einer dabei, der es kann, und der geht nach drei Monaten.« Es können heißt: Körperkraft plus das nötige Feingefühl für so teure Ware plus eine gute Portion Klavierverstand. Mert sucht den sensiblen Berserker. Davon gibt es offenbar nur noch 40 in Deutschland – ein Fall von spätgermanischer Dekadenz? Schluss mit den Grübeleien, wir sind gleich da.

Übrigens geht dieser Transport nicht in ein bürgerliches Viertel Hamburgs oder sonst einer Großstadt. Es geht in ein Örtchen bei Wernigerode in Sachsen-Anhalt, am Nordrand des Harzes – zur Familie Hardam. Ulrich Hardam und seine 13-jährige Tochter Marike erwarten das Klavier schon am Tor. Marike läuft dem verhüllten Objekt entgegen und schaut dann zu, wie es die Männer über die vereiste Außentreppe ins Haus heben, so leicht, als wöge es kaum die Hälfte seiner 250 Kilo.

»Dahin?«

Ja, da hin.

Dann die Enthüllung im Wohnzimmer, eine Sache von ein, zwei Minuten. Da steht es nun. »Kratzer?«, fragen die Männer mit der Selbstsicherheit derer, die genau wissen, dass das nicht vorkommt. »Nö«, sagt Marike. Dann gehen sie noch mal drüber mit weichen Lappen, damit es auch wirklich blendend aussieht in seiner makellosen Schwärze. Fertig. Das Klavier ist da.

Eine Geige trägt man heim, leicht unterm Arm, eine Gitarre lehnt beiläufig an der Wand. Das Klavier zieht ein. Man werde die Bilder später umhängen, murmelt Herr Hardam und schaut sich im Wohnzimmer um. Jetzt, wo es da ist, ist der Raum nicht mehr derselbe. Er hat ein neues Zentrum, die Dinge, die sonst noch hier wohnen, werden sich danach richten müssen. Und die Menschen auch. Wochen später wird Herr Hardam am Telefon sagen, er höre jetzt immer das Klavier, wenn er im Garten zu tun habe. Nein, leise ist es nicht, es hat einen vollen, lauten Klang.

Marike hatte erwartet, dass das Klavier erst ein paar Tage vom Transport ausruhen müsse, bevor sie darauf spielen könne. »Nein, nein«, sagen die Transporteure und nicken ihr zu, doch gleich loszuspielen. In ein paar Monaten komme jemand vorbei, um nachzustimmen. Und Marike spielt los, Tonleitern erst, ein paar Läufe, dann schälen sich Melodien heraus. He’s a Pirate aus dem Film Fluch der Karibik . Dann Für Elise .

Sie habe sich dieses Klavier selbst ausgesucht, sagt sie. Bisher spielte sie auf einem E-Piano, seit sie knapp fünf war. »Das klang grauenhaft zuletzt, das Pedal hat geklappert.«

Inzwischen nimmt sie an Wettbewerben teil und spielt Mendelssohn, Debussy, da müssen Noten lange gehalten werden, es muss moduliert werden – mit dem alten Yamaha ging es nicht weiter. Man fuhr nach Berlin, einmal, noch einmal. »Ich habe bei Bechstein auf jedem Klavier, auf jedem Flügel gespielt, nur nicht auf dem Konzertflügel für 120.000 Euro.« Sie spielte sich durch die ganze lackglänzende Versammlung der Flügel und Klaviere, bis sie ihres gefunden hatte. Am Schluss stand ein Bechstein gegen ein Hoffmann, das wurde es dann, mittleres Segment, aber immer noch eine Investition im Wert eines neuen Kleinwagens. Sie habe ihren Vater überredet, es zu kaufen, sagt Marike, und der sagt: »Na, man musste ja auch auf das Geld gucken.«

Ihr Vater ist Betriebsingenieur bei einem Zulieferer für deutsche Autobauer, ihre Mutter Lehrerin für Deutsch und Geschichte. Und im Gespräch am Küchentisch tritt anlässlich des Klavierkaufs wieder mal eine Wahrheit über den Osten zutage, die vielleicht banal ist, sich aber noch nicht überall herumgesprochen hat: Es ist nicht mehr alles Zone, was DDR war. Man muss schon hinschauen.

Städte und Landschaften haben sich seit 1989 wiedergefunden, ihre Eigenarten und Stärken, manche mehr, manche weniger – Wernigerode definitiv mehr. Und zur Eigenart der Fachwerkstadt am Harz gehört ihr staunenswert reiches Musikleben, das auch in der DDR lebte und nun umso mehr auflebt: mit Musikschule, einem Landesgymnasium für Musik, einem Rundfunkjugendorchester, einem Kammerorchester, mit Konzerten und Förderungen junger Musiker.

Dass eine wiedergeborene Berliner Traditionsfirma eines ihrer Klaviere ausgerechnet an Marike in Wernigerode ausliefert, ist also kein Wunder.

»Einen schönen Ton« habe sie gewollt, sagt sie, »laut und warm«. Mit beinahe den gleichen Worten hat Leonardo Duricic den Bechstein-Klang beschrieben. »Was wir herstellen, ist immer stark geprägt vom Gesang, dazu gehört auch der Streicher, das muss harmonieren. Das Metallische stört – das Instrument muss singen.«

Was das Bürgerliche heute sei, ist eine schwer zu beantwortende Frage. Eines lässt sich jedoch sagen: Das Klavier ist ein Indiz. Allein schon, weil es eine Anschaffung fürs Leben ist – und darüber hinaus.

Ein meisterlich gebautes und gut gewartetes Klavier hält ohne Weiteres zwei, drei Generationen aus. In solcher Dimension zu denken und nicht nur zu stammeln: Ich, ich, ich; jetzt, jetzt, jetzt – vielleicht ist das bürgerlich.

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Leser-Kommentare
    • 1414
    • 21.03.2010 um 16:46 Uhr

    Sie erwaehnen "Peter und der Wolf" und kurz darauf ist die Geige ploetzlich das Maedchen?
    Nun muss sich der arme Peter wieder bei seinem lieben Grossvater, dem Fagott, ausweinen. Dass man ihn auch dauernd wegen seiner hohen Stimme mit einem Maedchen verwechselt...
    Aber der Grossvater kann ihn troesten, er kennt diese Gefuehle. Schliesslich kennt man ihn auch kaum ausserhalb des Musikerdorfs. Und oft genug verwechselt man ihn mit seiner verhassten Stiefschwester, der Bassblockfloete.

  1. Zitat:„Dass die Verkaufszahlen so konstant geblieben sind, ist erstaunlich angesichts der zunehmenden Verbreitung von Digitalpianos, der Digitalisierung der Musikwelt überhaupt, in der schon billigste Keyboards Tausende verschiedener Sounds hervorzubringen vermögen.“

    Zum Üben ist das vor dem Hintergrund der verstellbaren Lautstärke bzw. Nutzung von Kopfhörern natürlich eine gute, teils (bei vergleichsweise engem Kontakt zu Nachbarn) unverzichtbare Alternative.

    Früher oder später kann man sich allerdings nur schwer mit dem Klang eines Digitalpianos zufrieden geben.

    Das erklärt (zumindest zum Teil) die konstant gebliebenen Verkaufszahlen.

  2. Die Vielzahl der Sounds bei einem Digitalpiano interessiert einen Klavierspieler nicht. Die Vorteile sind die Lautstärkeregelung, Kopfhöher, keine Ausgaben fürs Stimmen.

    Dennoch, ein Klavier wird immer einen besseren Klang haben.

  3. Wir haben unseres echt verkauft! An sehr nette Leute, Künstler, deren Tochter eine Instrumentenbauerlehre anfing. Trozdem spielen wir Klavier. Auf einem digitalen.

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