Um Punkt acht Uhr am Morgen betreten zwei große, breitschultrige und für diese frühe Stunde erstaunlich gut gelaunte Männer die Räume der Firma Bechstein an der Berliner Kantstraße.

"Das da?"

Ja, das da.

Ein bisschen wirken die zwei wie Großwildfänger bei dem, was nun folgt. Dem pantherschwarzen "Das da" werden graue Filzdecken übergeworfen, dann eine Plastikfolie, dann wird es mit Klebestreifen gefesselt. Zuletzt zurren die beiden eine schwere, abermals filzgefütterte Thermodecke über das hilflose Ding. Ein Brett auf Rollen wird ihm untergeschoben, und ab geht’s in den Lift und parterre durch den Lieferausgang hinaus in den kalten Wintertag. Der Lastwagen wartet. Die Heizung im Laderaum läuft. Das Instrument wird festgeschnallt, Klappe zu, Motor an. Um halb neun verlässt das Klavier die Stadt, es ist nun unterwegs zu einem Mädchen, dessen Leben es verändern wird.

Für die Transporteure, die eine gut dreistündige Fahrt vor sich haben, ist es ein alltäglicher Vorgang. Und doch ein kleines Wunder, wenn man bedenkt, dass es mit dem Hause Bechstein lange bergab ging. 1853 gegründet und im 19. Jahrhundert überaus erfolgreich, ja geliebt von Pianisten wie Komponisten (Claude Debussy: "Man sollte Klaviermusik nur für Bechstein schreiben"), geriet die Berliner Traditionsmarke in die Abgründe und Krisen des 20. Jahrhunderts: Eine angeheiratete Mitinhaberin verfiel Adolf Hitler und förderte ihn. Erst Jahre nach dem Krieg fasste Bechstein wieder Tritt, geriet aber in den siebziger Jahren erneut in wirtschaftliche Turbulenzen und wurde von einem US-Konzern übernommen. Die Wiedergeburt begann 1986, als der Klavierbaumeister und Unternehmer Karl Schulze die Firma von ihren amerikanischen Eignern kaufte und neu aufbaute.

Sein Technik-Vorstand Leonardo Duricic erklärt den Wiederaufstieg der Marke so: "Im Grundbau kaufen wir uns mit intelligenten Maschinen die Zeit, die wir dann im Ausbau des Instruments von Hand haben." Jeder Pianist will seinen Klang, sein Instrument. Bis zuletzt arbeiten Fachleute mit ihren Spezialwerkzeugen daran. "Für einen Konzertpianisten", sagt Duricic, "ist es wie für einen Rennfahrer, da wird gefeilt und geschraubt, bis er sagt: Schluss!"

So viel zum Spitzenprodukt. Bechstein sei aber nur lebensfähig, der japanischen Konkurrenz sei nur beizukommen, wenn man auch einer mittleren Käuferschicht ein Angebot mache. "Dieses mittlere Segment ist lebenswichtig für die Firma", sagt Duricic. Gemeint ist die 1988 zugekaufte Marke Hoffmann – auch eine alte Berliner Klavierfirma, 300 Hersteller gab es dort um 1900. Bechstein wird heute in Sachsen gebaut, Hoffmann in Tschechien bei Bechstein Europe. Kein Qualitätsabfall, betont Duricic, allein ein Kostenunterschied. Man baue in Tschechien "zu 45 bis 50 Prozent der Kosten in Deutschland". Das Klavier hinten im Laderaum ist ein Hoffmann.

Bei der Fahrt über die Autobahn steht es immer noch stabil – aber wie steht es generell um das Klavier? Ist es den Deutschen noch wichtig? Ordern sie noch? Fragt man den Bundesverband Klavier danach, erhält man genau die gleiche Auskunft: "Stabil!" Der Vorsitzende des Verbandes, Burkhard Stein, hat Zahlen: "Rund 12.500 Instrumente wurden im Jahr 2008 in Deutschland hergestellt, davon 2500 bis 3000 Flügel, der Rest Klaviere." Verkauft wurden in Deutschland sogar noch mehr: "Rund 18.000, darunter etwa 13.500 Klaviere, der Rest Flügel." Diese Zahlen seien in den vergangenen zehn Jahren etwa gleich geblieben, mit Ausnahme des Krisenjahres 2009, "das haben auch die Klavierbauer gespürt".