Musikinstrumente Ein Klavier, ein Klavier!Seite 4/4
Eine Geige trägt man heim, leicht unterm Arm, eine Gitarre lehnt beiläufig an der Wand. Das Klavier zieht ein. Man werde die Bilder später umhängen, murmelt Herr Hardam und schaut sich im Wohnzimmer um. Jetzt, wo es da ist, ist der Raum nicht mehr derselbe. Er hat ein neues Zentrum, die Dinge, die sonst noch hier wohnen, werden sich danach richten müssen. Und die Menschen auch. Wochen später wird Herr Hardam am Telefon sagen, er höre jetzt immer das Klavier, wenn er im Garten zu tun habe. Nein, leise ist es nicht, es hat einen vollen, lauten Klang.
Marike hatte erwartet, dass das Klavier erst ein paar Tage vom Transport ausruhen müsse, bevor sie darauf spielen könne. »Nein, nein«, sagen die Transporteure und nicken ihr zu, doch gleich loszuspielen. In ein paar Monaten komme jemand vorbei, um nachzustimmen. Und Marike spielt los, Tonleitern erst, ein paar Läufe, dann schälen sich Melodien heraus. He’s a Pirate aus dem Film Fluch der Karibik . Dann Für Elise .
Sie habe sich dieses Klavier selbst ausgesucht, sagt sie. Bisher spielte sie auf einem E-Piano, seit sie knapp fünf war. »Das klang grauenhaft zuletzt, das Pedal hat geklappert.«
Inzwischen nimmt sie an Wettbewerben teil und spielt Mendelssohn, Debussy, da müssen Noten lange gehalten werden, es muss moduliert werden – mit dem alten Yamaha ging es nicht weiter. Man fuhr nach Berlin, einmal, noch einmal. »Ich habe bei Bechstein auf jedem Klavier, auf jedem Flügel gespielt, nur nicht auf dem Konzertflügel für 120.000 Euro.« Sie spielte sich durch die ganze lackglänzende Versammlung der Flügel und Klaviere, bis sie ihres gefunden hatte. Am Schluss stand ein Bechstein gegen ein Hoffmann, das wurde es dann, mittleres Segment, aber immer noch eine Investition im Wert eines neuen Kleinwagens. Sie habe ihren Vater überredet, es zu kaufen, sagt Marike, und der sagt: »Na, man musste ja auch auf das Geld gucken.«
Ihr Vater ist Betriebsingenieur bei einem Zulieferer für deutsche Autobauer, ihre Mutter Lehrerin für Deutsch und Geschichte. Und im Gespräch am Küchentisch tritt anlässlich des Klavierkaufs wieder mal eine Wahrheit über den Osten zutage, die vielleicht banal ist, sich aber noch nicht überall herumgesprochen hat: Es ist nicht mehr alles Zone, was DDR war. Man muss schon hinschauen.
Städte und Landschaften haben sich seit 1989 wiedergefunden, ihre Eigenarten und Stärken, manche mehr, manche weniger – Wernigerode definitiv mehr. Und zur Eigenart der Fachwerkstadt am Harz gehört ihr staunenswert reiches Musikleben, das auch in der DDR lebte und nun umso mehr auflebt: mit Musikschule, einem Landesgymnasium für Musik, einem Rundfunkjugendorchester, einem Kammerorchester, mit Konzerten und Förderungen junger Musiker.
Dass eine wiedergeborene Berliner Traditionsfirma eines ihrer Klaviere ausgerechnet an Marike in Wernigerode ausliefert, ist also kein Wunder.
»Einen schönen Ton« habe sie gewollt, sagt sie, »laut und warm«. Mit beinahe den gleichen Worten hat Leonardo Duricic den Bechstein-Klang beschrieben. »Was wir herstellen, ist immer stark geprägt vom Gesang, dazu gehört auch der Streicher, das muss harmonieren. Das Metallische stört – das Instrument muss singen.«
Was das Bürgerliche heute sei, ist eine schwer zu beantwortende Frage. Eines lässt sich jedoch sagen: Das Klavier ist ein Indiz. Allein schon, weil es eine Anschaffung fürs Leben ist – und darüber hinaus.
Ein meisterlich gebautes und gut gewartetes Klavier hält ohne Weiteres zwei, drei Generationen aus. In solcher Dimension zu denken und nicht nur zu stammeln: Ich, ich, ich; jetzt, jetzt, jetzt – vielleicht ist das bürgerlich.
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- Datum 17.03.2010 - 18:54 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 18.03.2010 Nr. 12
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Sie erwaehnen "Peter und der Wolf" und kurz darauf ist die Geige ploetzlich das Maedchen?
Nun muss sich der arme Peter wieder bei seinem lieben Grossvater, dem Fagott, ausweinen. Dass man ihn auch dauernd wegen seiner hohen Stimme mit einem Maedchen verwechselt...
Aber der Grossvater kann ihn troesten, er kennt diese Gefuehle. Schliesslich kennt man ihn auch kaum ausserhalb des Musikerdorfs. Und oft genug verwechselt man ihn mit seiner verhassten Stiefschwester, der Bassblockfloete.
Zitat:„Dass die Verkaufszahlen so konstant geblieben sind, ist erstaunlich angesichts der zunehmenden Verbreitung von Digitalpianos, der Digitalisierung der Musikwelt überhaupt, in der schon billigste Keyboards Tausende verschiedener Sounds hervorzubringen vermögen.“
Zum Üben ist das vor dem Hintergrund der verstellbaren Lautstärke bzw. Nutzung von Kopfhörern natürlich eine gute, teils (bei vergleichsweise engem Kontakt zu Nachbarn) unverzichtbare Alternative.
Früher oder später kann man sich allerdings nur schwer mit dem Klang eines Digitalpianos zufrieden geben.
Das erklärt (zumindest zum Teil) die konstant gebliebenen Verkaufszahlen.
Die Vielzahl der Sounds bei einem Digitalpiano interessiert einen Klavierspieler nicht. Die Vorteile sind die Lautstärkeregelung, Kopfhöher, keine Ausgaben fürs Stimmen.
Dennoch, ein Klavier wird immer einen besseren Klang haben.
Wir haben unseres echt verkauft! An sehr nette Leute, Künstler, deren Tochter eine Instrumentenbauerlehre anfing. Trozdem spielen wir Klavier. Auf einem digitalen.
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