Antonio NegriSchnulzen zum Kompott

Die Starintellektuellen Michael Hardt und Antonio Negri wollen mit ihrem Buch »Common Wealth« eine neue Utopie liefern. von 

Sexbetrug: Wissenschaftler fanden heraus, dass sich männliche Wespen von einer bestimmten Art der Orchidee verlocken lassen – denn diese duftet wie eine weibliche Wespe

Sexbetrug: Wissenschaftler fanden heraus, dass sich männliche Wespen von einer bestimmten Art der Orchidee verlocken lassen – denn diese duftet wie eine weibliche Wespe  |  © Thomas K./photocase.com

Da gibt es eine Orchidee, die verströmt Duftstoffe, die jenen der weiblichen Wespe ähneln. Auf die Verlockung fallen vorbeifliegende Männchen natürlich herein: Sie machen sich an die Blüten heran, fliegen von einer zur anderen und tragen absichtslos Pollen zur Bestäubung weiter. Die Autoren Michael Hardt und Antonio Negri sind von der »Pseudokopulation« nicht etwa wegen deren Frivolität so angetan. Sie fasziniert, dass dabei einander fremde, gänzlich verschiedene Wesen zusammenkommen, und beide haben etwas davon: die Wespe Sex – die Orchidee Nachwuchs. In der Fabel finden Insekt und Pflanze zum »Gemeinsamen«.

Genau davon handelt das neue Buch der eingespielten Schreibkooperative Hardt/Negri: von der – mithilfe der Liebe – politischen Vereinigung verschiedener Lebensformen, von der Überwindung des kapitalistischen Eigentums und vom Reichtum, den die gemeinschaftliche Produktion hervorbringen kann. Vom Common Wealth also, so der Titel des Buches, mit dem die Autoren erneut Witterung für aufkeimende Debatten zeigen.

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Über den Stellenwert der commons machen sich ja derzeit viele ihre Gedanken, weil die Politik der Liberalisierung und Privatisierung die Gemeingüter seit drei Jahrzehnten strapaziert. Raubbau zerstört natürliche Ressourcen wie Wasser und Boden; immaterielle Gemeingüter wie Wissen, Bildung oder Codes drohen kontrolliert, eingehegt, ungerecht verteilt zu werden. Von der Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom bis zur Piratenpartei suchen daher immer mehr Menschen nach Räumen für gemeinschaftliches Wirtschaften, über Wikipedia- oder Saatgut-Communities hinaus. Gegen, neben oder mit Markt und Staat.

Auch deshalb wird das neue Buch der Starintellektuellen mit Spannung erwartet, die im Jahr 2000 mit Empire, ihrer neo-neomarxistischen Theorie des globalisierten Kapitalismus, Furore machten. Darin analysierten Hardt/Negri eine neue Form der weltweiten Herrschaft, die kein Außen mehr kennt und auch keine Zentrale mehr wie Rom oder Washington. Allgegenwärtig, durchdringt ihre – Foucault entlehnte – »Biomacht« das gesamte Leben der Menge: der »Multitude«.

In dieser Vielheit aus Arbeitern, Arbeitslosen, Migranten, Bauern, Wissenschaftlern oder Callcenterbeschäftigten, für die sich Privatheit und Arbeit, Lokales und Globales vermischt haben, erkannten sich viele linke Globalisierungskritiker wieder. Die Multitude, der Hardt/Negri 2004 auch noch ein eigenes Buch widmeten, spielt im Empire die Rolle eines gewandelten Proletariats.

Die einen zelebrierten das Buch als »Kommunistisches Manifest für das 21. Jahrhundert«, andere konnten darin nur »pseudowissenschaftliches Gedröhne« entdecken. Jedenfalls wurden die beiden von der Rosa-Luxemburg-Stiftung bis zur Deutschen Bank durchgereicht: Michael Hardt, der postmodern durchdrungene amerikanische Literaturprofessor von der Duke University. Und Antonio Negri, marxistischer Soziologe und Philosoph aus Padua, der allerdings, da Freigänger, nur virtuell präsent sein konnte: Verurteilt wegen Unterstützung der Roten Brigaden, saß er nach jahrelangem französischem Exil noch die letzten Jahre ab.

Leserkommentare
  1. Der Kapitalismus funktioniert doch so: Du machst mir ein Angebot über jegliche Dienstleistung oder Ware und ich suche mir das passende Angebot aus all den Angeboten aus.
    Die Gier des Käufers wird gegen die Gier des Verkäufers ausgespielt. Jeder Mensch muss sich überlegen, wie er seine Talenten und Fähigkeiten am besten einsetzt, damit die Dinge die er den Tag über tut möglichst vielen Menschen maximal von Nutzen ist. Dabei ist es egal ob wir angestellt oder selbständig sind. Als Angestellter hat man einen Kunden (seinen Chef) den man ein Dienstleistung erbringt und man bekommt sein Geld ohne eine Rechnung schreiben zu müssen. Als Selbstständiger muss man sich Kunden suchen und Rechnungen schreiben.
    Wie viel man verdient hängt letztlich nur davon ab, wie hoch der Nutzen der Dienstleistung oder Ware für andere ist, die dann bereit sind, ein wenig von ihrem sauer verdienten Geld dafür abzugeben.
    Alle strengen sich an, alle profitieren von den Anstrengungen. Ich denke nicht, dass es zu diesem System eine funktionierende Alternative gibt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Ich denke nicht, dass es zu diesem System eine funktionierende Alternative gibt."

    grienpies, du hast den Kapitalismus gar nicht beschrieben, sondern den Markt. Der Kapitalismus hat was mit Kapital zu tun. Und es gibt dazu durchaus funktionierende Alternativen, wie z.B. Feudalismus und Mercantilismus, je nachdem, was man unter "funktionierend" versteht.

    Vor allem aber wäre es falsch, den heutigen Kapitalismus 1) als Einheit (es gibt schon Unterschiede zwischen USA und D, z.B.) und 2) als Krönung der Geschichte, quasi als Endpunkt anzusehen. Wenn du oben gedacht hast, wer will zum Feudalismus oder Mercantilismus zurück, dann warte doch ab, was in 100 Jahren kommt.

    Zur Definition, siehe:
    http://de.wikipedia.org/w...

    • ezoo
    • 02. April 2010 15:14 Uhr

    Ach so ist das: Manager lesen Marx (das Original) und bei der Deutschen Bank stehen Empire und Multitude im Bücherregal. Pfff!

  2. "Ich denke nicht, dass es zu diesem System eine funktionierende Alternative gibt."

    grienpies, du hast den Kapitalismus gar nicht beschrieben, sondern den Markt. Der Kapitalismus hat was mit Kapital zu tun. Und es gibt dazu durchaus funktionierende Alternativen, wie z.B. Feudalismus und Mercantilismus, je nachdem, was man unter "funktionierend" versteht.

    Vor allem aber wäre es falsch, den heutigen Kapitalismus 1) als Einheit (es gibt schon Unterschiede zwischen USA und D, z.B.) und 2) als Krönung der Geschichte, quasi als Endpunkt anzusehen. Wenn du oben gedacht hast, wer will zum Feudalismus oder Mercantilismus zurück, dann warte doch ab, was in 100 Jahren kommt.

    Zur Definition, siehe:
    http://de.wikipedia.org/w...

    • iDog
    • 12. April 2011 2:15 Uhr

    seine sie doch froh, dass sich auch ein paar helle köpfe ueber was anderes gedanken machen als über das naechste geschaeftsmodell für ein untergehendes traditionsmodell.

    und dass mr gray hier etwas unrecht getan wird, würde ich zumindest ohne weiterführende quellenagabe vermuten, denn der ist auch kein neoliberaler hardliner.

    wie immer kann man hier wieder feststellen, dass mangels sachlicher argumentation mit dumpfer redikülisierung opperiert wird. oder sollten wir lieber schließen, dass ein medium wie die zeit natürlich über so eine publikation nicht hinweg gehen darf, weil ihr dann mit recht ingnoranz vorzuwerfen wäre, die inhalte dabei aber aus politischer präpositionierung als monthy python stil zu verunglimpfen versucht, ohne zu merken, dass es eine hoehere auszeichnung kaum geben kann, und dass sie ihre ignoranz nun anhand der unkenntnis der nicht minder anarchistischen mothy python orintierung weitlich veranschaulicht hat.

    man fragt sich, ob die rezensentin das buch gelesen hat ... und jemals monthy pythons flying circus gesehen hat?

  3. mehr und besser verteilte Bildung, ein Grundeinkommen, das der Schaffung einer Überschußbevölkerung (mit Marx: der Schaffung eines permanenten Drucks auf Löhne, Gehälter und Renten) entgegenwirkt, und was ist, werte surorin, bitte gegen eine offene Staatsbürgerschaft einzuwenden? Da bleibt die Autorin jede Antwort schuldig - und outet gleichzeitig die Ecke, aus der ihre Kritik kommt, als tiefsitzende Furcht vor jedem grundsätzlichen Zweifel am gegenwärtigen Primat des noeliberalen Homo Oeconomicus. Das alte Lied ist längst bekannt, verehrte Autorin (Zitat):
    Diese Vorhaben stehen allerdings auch in den Papieren vieler angeblich eigentumskorrumpierter Demokraten, und die kommen ganz ohne marxistische Schnulzen aus wie der von der Kreativität der Armut oder jener von der »neuen Menschheit«, die so verdächtig nach dem »neuen Menschen« klingt.
    Huch, wie kritisch!
    Nur zum Beispiel: Schon mal darüber nachgedacht, warum die attische Demokratie geistig und auch in ökonomischer Hinsicht so fruchtbar war? Weil es sich dabei um eine funktionierende Demokratie gehandelt hat, die die kreativen Kräfte einzubinden wußte und sie nicht, wie heute, von der Teilhabe auszuschließen suchte.

    • GeorgT
    • 13. April 2011 3:38 Uhr
    6. @iDog

    Meiner bescheidenen Einschaetzung nach ist John Gray ein Ex Neoliberaler, der maechtig auf den Bauch gefallen ist und sich seitdem dem Nihilismus zugewendet hat. Aber das ist nur mein persoenlicher Eindruck nach etwas Beschaeftigung mit dieser schillernden Figur.
    http://www.spiegel.de/spi...

    • iDog
    • 13. April 2011 17:24 Uhr

    wenn das so sein sollte , dann hat der mann monthy python nicht verstanden. liesst man dann noch mal bei wikipedia nach, kommt man nur zu einem ambivalenten und oberflaechlichen bild - er scheint den neoliberalismus, den globalismus und den humanismus gleichermaßen zu kritisieren wie die gesellschaftkritischen arbeiten der linken scene. vielleicht wird er hier opportun zitiert, weil er als passe par tout gegen alles funktioniert ?

    • Vagant
    • 14. April 2011 0:39 Uhr

    Lieber Georg,und iDog,
    ich erlebe John Gray im Spiegel-Interview und im Wiki (ich “kenne” ihn nur von dort) durchaus als konsequenten, skeptischen Agnostiker, der aber auch an “gute” Werte glaubt! Eine Absicht, Andere zu verletzen kann ich bisher nicht sehen; mir scheint, dass er nur schonungslos konsequent ist, hart genug! Daher mag ich ihn nicht Zyniker nennen. Seine Skepsis und gar Ablehnung gegenüber dem Humanismus wie auch der Vernunft, damit der ganzen Aufklärung(!) stellt in unserem Kulturkreis eine schwere Kränkung dar. Ich denke aber, dass ein Philosoph alle Fragen stellen darf und muss. Schauen wir die schmerzhaft lange Liste der Kriege an, so kann man schon seine Zweifel hegen, ob uns der Humanismus denn auch moralisch retten kann oder jemals wird. Etwas spitzfindig kann man dann argumentieren, dass die ganze Aufklärungsutopie letztlich nur einen netten Zuckerguss mit Sahnehäubchen auf unserer unverändert primitiven menschlichen Natur darstellt. Noch schlimmer: Das Sahnehäubchen beruhigt das verlogene Gewissen der Pharisäer, während sie sich mit Gottes Segen dem “business as usual” ergehen. Steile These?!
    Dagegen bleibt uns m.M.n. nur den Imperativ: Wir müssen – das ist das primäre sittliche Gebot – dennoch so tun als ob! Ein Spiel mit todernstem Hintergrund, weil uns immer wieder die Utopien, ähnlich wie Leuchttürme, auf den besseren Weg führen könnten...

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