DDR-Volkskammerwahl Wir haben frei gewählt

Heute vor zwanzig Jahren: Der 18. März 1990 ist das Schlüsseldatum der Wende

Anfang 1990: Bundesrepublikanische Politprominenz zieht werbend durch die DDR. Im Bild: Anhänger der "Vereinigten Linken" und der "Nelken", die den Wahlkampf ohne Hilfe aus dem Westen bestreiten.

Anfang 1990: Bundesrepublikanische Politprominenz zieht werbend durch die DDR. Im Bild: Anhänger der "Vereinigten Linken" und der "Nelken", die den Wahlkampf ohne Hilfe aus dem Westen bestreiten.

Und dann kam der Bananenmann. Er zog aus dem Jackett die ostzonale Sehnsuchtsfrucht und hielt sie mit eifriger Süffisanz in die Kamera. Dies war Otto Schilys Kommentar zum Ergebnis der ersten freien Wahlen in der DDR vor genau zwanzig Jahren. Zur Erinnerung: An jenem 18. März 1990 triumphierte die christdemokratische Allianz für Deutschland lawinenhaft mit 48,2 Prozent. Die siegesgewisse SPD verröchelte bei 21,8 Prozent, die tot geglaubte SED-PDS holte 16,3 Prozent, die Liberalen endeten bei 5,3. Das Bündnis 90, die Vorhut der friedlichen Revolution, errang 2,9 Prozent, worauf die tapfere Ulrike Poppe gestand, sie habe allseits Sympathie gespürt, aber Misstrauen ob der politischen Kompetenz der Wendehelden.

Am klarsten redete der alte Stefan Heym. Er gratulierte dem Herrn Doktor Kohl, der nominell doch gar nicht zur Wahl gestanden hatte. Freilich wünsche er nicht, in des Herrn Doktor Kohls Hosen zu sitzen. Denn nun, sprach Heym, werde er zu liefern haben, was er alles den DDR-Bürgern versprochen habe. Helmut Kohl beschwor die Noch-DDRler, im Lande zu bleiben. Die Kameras bedrängten den Wahlsieger, einen erschrockenen kleinen Mann: Lothar de Maizière. Viel später bekannte er, in Kohls Gegenwart habe ihn stets Atemnot gepackt.

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Die Zeitenwende 1989/90 lebt in zwei Datenpaaren. Der 9. November 1989 gehört zum 3. Oktober 1990, der 4. November 1989 zum 18. März 1990. Mauerfall und Staatsverschraubung werden gesamtdeutsch gefeiert. Das zweite Datenpaar blieb ostdeutsche Binnengeschichte, nahezu ignoriert vom Großen Gedenken. Der 4. November 1989, die Halbmillionen-Demo auf dem Berliner Alexanderplatz, war das Wunschkonzert eines emanzipatorischen Aufbruchs. Die Playlist ist erhalten: zwei Dutzend hochherzige Reden zur verbesserlichen DDR. Traum und Forderung Nummer eins: freie Wahlen.

Waren sie frei? Nicht freier als die Wähler. Die chaotischen Verhältnisse von Anfang 1990 sind unvergessen. Bundesrepublikanische Politprominenz beschallte die Märkte des maroden Lands. Ein demoralisiertes Volk strömte herzu, dürstend nach Zukunft und West-Autorität, und unterwarf sich gläubig den Heilszusagen, die vom Geschichtsmantelträger Kohl freigiebig gespendet wurden. Drei Sätze, dringend nötig, blieben ungesagt. Erstens: Der Bundeskanzler und die parlamentarische Demokratie haben keinerlei Kommandogewalt über die Wirtschaft. Zweitens: Es wird keine deutsch-deutsche Stunde null geben, sondern einen Anschluss der kaputten DDR an die intakte Mehrheitsgesellschaft der BRD, zu deren Bedingungen. Drittens, mit Heiner Müller: »Was für Eliten Geschichte ist, ist für die Massen noch immer Arbeit gewesen.« Oder Arbeitslosigkeit.

Und dennoch: Die Wahlen waren frei. Die Selbstachtung gebietet diesen Befund. Ob Kopf, Bauch oder Ideologie entschied – die ostdeutschen Wähler legitimierten ihre Regierung, ihr Parlament und somit das Kommende. Da mag man von Kolonialisierung reden, da wird man die strukturelle Verödung und Entvölkerung des Ostens beklagen, da kann man verzweifeln, wie dämlich die westmediale Erinnerungsmaschinerie die DDR-Geschichte zu Stasi-Mauer-SED-Briketts verpresst. Sämtlicher Ostzorn ändert nichts daran: Der Anschluss war mehrheitlich gewählt, die Reduktion zum Drittelland und Fünftelvolk vom Osten frei entschieden. Die Wahlbeteiligung lag bei 93 Prozent.

Mitunter fragt es aus dem Westen: Wann endlich wird die Ostjugend ihre Eltern ähnlich radikal zur Diktaturvergangenheit befragen wie die bundesdeutschen 68er ihre Nazi-Väter? Die Antwort lautet: nie. Es gibt keine ostdeutsche Generationsaussprache. Die Kinder verteidigen die Eltern als gesamtdeutsche Minderheit und aus Einsicht in die Lebenszumutungen der DDR. Es liegt ja alles zutage. Die DDR war keine rassistisch-kriegsverbrecherische Massenmörder-Diktatur. Ein unwürdiges Staatsgebilde ist sie gewesen, zugleich ein logisches und legitimes Pfand der sowjetischen Siegermacht. Die Widerwärtigkeiten der SED-Herrschaft sind Unterparagrafen dieser kriegsbedingten Legitimität, die 1989/90 gottlob ein Ende fand.

Leser-Kommentare
  1. 1. jaja,

    Damals glaubten wir auch noch an den Weihnachtsman und, dass der Klapperstorch die kleinen babys bringt. Heute wissen wir es besser, leider noch nicht alle.

  2. Seit wann sind 48,2% denn die Mehrheit?

  3. Die Demonstration vom 4. 11.89 auf dem Alexanderplatz, offiziell von der sozialistischen Theatergewerkschaft veranstaltet, war von ungewohnter Meinungs- und Redefreiheit, lief aber nach einer Choreografie, die es auch Stasi-General Wolf und ZK-Chefpropagandist Schabowski ermöglichte, sich live im DDR-Fernsehen als Revolutionsredner zu versuchen. Gregor Gysi durfte ausgiebig seinen neuen Chef Egon Krenz loben und die Botschaft des Tages war, dass sich einiges im Lande ändern müsse, das wichtigste jedoch der Erhalt des Sozialismus’ sei. Der Berliner Historiker I. S. Kowalczuk hat nachgewiesen, dass die Teilnehmerzahl keineswegs eine halbe Million betrug, sondern unter 200 000 lag (Endspiel – die Revolution von 1989, C.H. Beck, München 2009, S. 452)! Die Entscheidung über das Ende der DDR fiel am 9. Oktober in Leipzig, als 70 000 Demonstranten die SED unter Lebensgefahr zwangen, auf militärische Gewalt zu verzichten und sie als Dialogpartner und nicht als Kriminelle zu behandeln. So wurde ermöglichte, dass man in Berlin schließlich ohne Todesangst auch einmal demonstrieren konnte. In Leipzig waren es schon am 16. Oktober etwa 100 000 SED-Gegner, jeweils 300 000 am 23. und 30. Oktober und fast 500 000 am 6. November 1989! Die freien Wahlen sind Ergebnis der Leipziger Demonstrationen. Der 4.11.89 hat damit herzlich wenig zu tun, auch wenn er für Berliner Verhältnisse durchaus revolutionär war und deshalb manchem aus der Bauchnabelperspektive als epochal erscheint.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • NoG
    • 19.03.2010 um 8:16 Uhr

    genau so sieht es naemlich aus.
    vergessen sie den 4.11.89

    • NoG
    • 19.03.2010 um 8:16 Uhr

    genau so sieht es naemlich aus.
    vergessen sie den 4.11.89

  4. daß Sie zu diesem wichtigen Jahrestag einen Kommentar geschrieben haben. An dem 'lebhaften Echo' können Sie erkennen
    wie weit sich die Geschichtsvergessenheit und Geschichtsgleichgültigkeit im ZEIT-Umfeld ausgebreitet hat.
    Wenn Sie mich fragen, suchen Sie sich bitte ein anderes Umfeld. Ich habe die ZEIT nach knapp 20 Jahren im vergangenen
    Jahr abbestellt.

    • NoG
    • 19.03.2010 um 8:16 Uhr
    5. danke!

    genau so sieht es naemlich aus.
    vergessen sie den 4.11.89

  5. Ok, bischen sehr reißerische Überschrift. Gebe ich ja zu.
    Aber meine Einschätzung von gestern war offensichtlich zutreffend. Persönlich habe ich meine Entscheidung betreff wöchentlicher Lektüre längst getroffen.
    Ich habe zur Jungen Freiheit gewechselt. Da hat z.B. Thorsten Hinz alle Freiräume, die für einen Qualitätsjournalismus erforderlich sind. Die Kommentare von Herrn Dieckmann werden mir allerdings fehlen.

  6. Von der Diktatur des Proletariats zur "Bananenrepublik" - ein kleiner Schritt an die Wahlurne, der zu einem großen "Bauchklatscher" für viele Ostdeutsche wurde.

    • Liman
    • 20.03.2010 um 16:13 Uhr

    Warum ist die SPD verröchelt? Weil Oskar Lafontaine die Ostbüreger damals hasste, weil sie seinem Lieblingsziel, dem Sozialismus nicht mehr treu waren! Er war gegen die Einheit und später auch gegen die polnischen Fremdarbeiter.

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