Adolf Hitler Pro Nacht ein Buch

Timothy W. Ryback hat untersucht, was der Autodidakt Hitler alles las.

Mai 1940: Adolf Hitler in seinem Hauptquartier in Bruly de Peche, Belgien

Mai 1940: Adolf Hitler in seinem Hauptquartier in Bruly de Peche, Belgien

Schon August Kubizek, dem Jugendfreund aus Linzer und Wiener Tagen, fiel Hitlers Leidenschaft für Bücher auf: »Bücher, immer wieder Bücher! Ich kann mir Adolf gar nicht ohne Bücher vorstellen. Bücher waren seine Welt.« Das autodidaktische Studium half dem abgebrochenen Realgymnasisten, seine Bildungsdefizite zu kompensieren. Aus den Büchern bezog er das Wissen, mit dem er später immer wieder verblüffen konnte. Auch als Reichskanzler blieb Hitler ein eifriger Leser. Mindestens ein Buch pro Nacht, behauptete er, habe er sich vorgenommen.

Auf über 16000 Bände wird Hitlers Bibliothek geschätzt. Nur einen Teil, etwa 3000 Bände, entdeckten US-Soldaten im Frühjahr 1945 in einer Salzmine in der Nähe von Berchtesgaden, davon gelangten 1200 in den fünfziger Jahren in die Library of Congress in Washington. Dort hat sie der amerikanische Historiker und Journalist Timothy W. Ryback hinsichtlich der Frage durchgesehen, welche Spuren Hitler in den Überresten seiner Sammlung hinterlassen hat.

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Dem Autor sind einige interessante Funde gelungen. So stieß er auf eine Architekturgeschichte Berlins, die der Meldegänger Hitler im November 1915 an der Westfront erstand. Sie diente ihm während seiner Urlaube im Oktober 1917 und September 1918 als Führer durch die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt. Noch wichtiger ist eine andere Entdeckung. Dass der Autor von Mein Kampf sich bei antisemitischen Autoren wie Houston Stewart Chamberlain oder Hans F. K. Günther bediente, ist bekannt. Neu aber ist der Nachweis Rybacks, welchen großen Einfluss das 1925 auf Deutsch erschienene Buch des Amerikaners Madison Grant Der Untergang der grossen Rasse – eine krude Mischung aus sozialdarwinistischen, rassistischen und eugenischen Theorien – auf Hitler ausübte.

Ryback interessiert sich nicht nur für die Frage, was Hitler las, sondern wie er las. Als Beispiel hierfür zieht er vor allem die 1934 neu aufgelegten Deutschen Schriften des Judenhassers Paul de Lagarde heran. In seinem Exemplar versah Hitler über hundert Seiten mit Unterstreichungen, senkrechten Strichen am Rand, Ausrufe- und nur seltenen Fragezeichen. Die Lektüre sollte Hitler nicht zu neuen Erkenntnissen verhelfen, sondern ihn in seinen Überzeugungen bestärken. Er suchte nach »Mosaiksteinchen, die in ein vorgegebenes Muster eingefügt werden« konnten. So markierte Hitler etwa die Passage: »Die Juden bleiben Juden«, deshalb liege es an den Deutschen, die »Judenfrage« zu beantworten.

Nach 1933 wuchs Hitlers Bibliothek rasch an. Bewunderer sahen sich nun bemüßigt, dem neuen Reichskanzler Bücher zum Geschenk zu machen. Die wenigsten dürfte Hitler gelesen haben. Sie verraten denn auch in der Regel mehr über die Absender als über den Empfänger. Aufschlussreich sind die Widmungen, die Ryback immer wieder genüsslich zitiert. Leni Riefenstahl etwa schenkte im Juni 1933 ihrem »lieben Führer in tiefster Verehrung« eine Ausgabe der gesammelten Werke des Philosophen Johann Gottlieb Fichte. Und Bischof Alois Hudal widmete sein Machwerk Die Grundlagen des Nationalsozialismus aus dem Jahr 1936 »dem Führer der deutschen Erhebung« und »Siegfried deutscher Hoffnung und Größe«.

Rybacks Buch fügt dem Hitler-Bild keine grundlegend neuen Erkenntnisse, wohl aber unbekannte Facetten hinzu. Es bestätigt Walter Benjamins Diktum, dass eine private Bibliothek auch etwas über ihren Besitzer aussagt. Im Falle Hitlers betrifft das vor allem die Verfertigung seiner »Weltanschauung«, die sich aus vielen obskuren Quellen speiste.

 
Leser-Kommentare
  1. Dieser Artikel bestätigt die Ansicht Hitlers als weltfremden Versager, der persönliches Versagen mit radikaler Literatur zu kompensieren versucht.Wichtig ist die Aussage, Hitler hätte diese Literatur benutzt um seine verrückten Ideen zu rechtfertigen und sei nicht wie oft gesagt erst durch seine Bücher radikalisiert worden.

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    für hitlers "radikale literatur" (zumindest die erwähnte) gilt, was auch für seine "verrückten ideen" gilt: sie war lange vor ihm unter den deutschen verbreitet. lagardes 'deutsche schriften' waren ein bestseller, der sich ende des 19.jh.'s im bücherschrank jedes zweiten bürgerhaushalts fand. rassen- und volkstumsideologie, (vernichtungs-)antisemitismus, apokalyptischer irrationalismus, ultranationalismus und imperialer größenwahn hatten sich schon im kaiserreich zu elementaren bestandteilen der deutschen kultur verfestigt. in hitler fanden diese "verrückten ideen" der deutschen den organisator ihrer praktischen umsetzung.

    für hitlers "radikale literatur" (zumindest die erwähnte) gilt, was auch für seine "verrückten ideen" gilt: sie war lange vor ihm unter den deutschen verbreitet. lagardes 'deutsche schriften' waren ein bestseller, der sich ende des 19.jh.'s im bücherschrank jedes zweiten bürgerhaushalts fand. rassen- und volkstumsideologie, (vernichtungs-)antisemitismus, apokalyptischer irrationalismus, ultranationalismus und imperialer größenwahn hatten sich schon im kaiserreich zu elementaren bestandteilen der deutschen kultur verfestigt. in hitler fanden diese "verrückten ideen" der deutschen den organisator ihrer praktischen umsetzung.

    • SYD07
    • 03.04.2010 um 20:03 Uhr

    "Bücher sind Spiegel: Man sieht in ihnen nur das, was man schon in sich hat."

    (Der Schatten des Windes, Zafon)

    Das zum Rechtfertigen der Ideen..

  2. Wenn wir schon bei wunderbaren Zitaten zu dem Thema sind, möchte ich mich doch gerne anschließen. Es ähnelt dem Oberen, trifft es nur leider nicht gleichermaßen gut:

    "Ein Buch ist ein Spiegel. Wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel herausgucken." Georg Christoph Lichtenberg.

    Übrigens: Dass Hitler täglich ein Buch las, halte ich für ein Gerücht. Das hat er doch sicherlich in seiner immensen Hybris hinausposaunt, um sich selbst zu profilieren. Eine gewagte Theorie wäre doch, zu behaupten, Hitler konnte gar nicht lesen! Aber das ist de facto schwer zu beweisen. Aber das obere Photo wirkt doch ganz eindeutig nach einem Schauspieler. Der betrachtet die Buchstaben doch nur, sehen Sie die Skepsis in seinem Blick?
    Ihnen allen frohe Ostern.

  3. Wurde Hitler in der Vergangenheit stets als direkt der Hölle entstiegenes Monster dargestellt, ist es erfreulich zu sehen dass die ZEIT nun darlegt dass er, man glaubt es kaum, sogar lesen konnte. Und dass er viel las. Ganz so dumm wird er also nicht gewesen sein. Eine Versachlichung der Diskussion tut Not, die ZEIT macht den Anfang.

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    "Wurde Hitler in der Vergangenheit stets als direkt der Hölle entstiegenes Monster dargestellt, ist es erfreulich zu sehen dass die ZEIT nun darlegt dass er, man glaubt es kaum, sogar lesen konnte. Und dass er viel las. Ganz so dumm wird er also nicht gewesen sein."

    Sehr schöner Kommentar. Ich erinnere mich an meinen Geschichtsunterricht Mitte der 80er Jahre, Gymnasium Landsberg (genau, DIESES Landsberg): Hitler war ein Psychopath aus dem Obdachlosenasyl, Göring frech und feist, Goebbels ein teuflischer Demagoge mit Klumpfuß und trara, so hat das Dritte Reich funktioniert.
    Erstaunlicherweise schien diese schlichte Sicht der Dinge für fast alle meiner Klassenmitinsassen, die sonst jeden Blödsinn fünfmal hinterfragen mussten, vollkommen plausibel zu sein.
    Einen ganzen Staat samt Intelligenzia ,Industrie etc. für sich zu vereinnahmen und zu korrumpieren - dazu brauchte es nicht mehr als die Gerissenheit eines Jerry-Cotton-Bösewichts.

    • joG
    • 04.04.2010 um 10:22 Uhr

    Ich denke, Sie haben da recht. Ohne sie bleibt die Dynamik, die zu den Folgen seiner Zeit führte, verborgen. Weiß man aber nicht, wie es wirklich dazu kam und wie die Akteure wirklich waren und dachten, so ist man kaum gut gewappnet, eine ähnliche Situation und Entwicklung heute oder in Zukunft zu erkennen und die daraus möglichen Gefahren für uns abzuwenden.

    "Wurde Hitler in der Vergangenheit stets als direkt der Hölle entstiegenes Monster dargestellt, ist es erfreulich zu sehen dass die ZEIT nun darlegt dass er, man glaubt es kaum, sogar lesen konnte. Und dass er viel las. Ganz so dumm wird er also nicht gewesen sein."

    Sehr schöner Kommentar. Ich erinnere mich an meinen Geschichtsunterricht Mitte der 80er Jahre, Gymnasium Landsberg (genau, DIESES Landsberg): Hitler war ein Psychopath aus dem Obdachlosenasyl, Göring frech und feist, Goebbels ein teuflischer Demagoge mit Klumpfuß und trara, so hat das Dritte Reich funktioniert.
    Erstaunlicherweise schien diese schlichte Sicht der Dinge für fast alle meiner Klassenmitinsassen, die sonst jeden Blödsinn fünfmal hinterfragen mussten, vollkommen plausibel zu sein.
    Einen ganzen Staat samt Intelligenzia ,Industrie etc. für sich zu vereinnahmen und zu korrumpieren - dazu brauchte es nicht mehr als die Gerissenheit eines Jerry-Cotton-Bösewichts.

    • joG
    • 04.04.2010 um 10:22 Uhr

    Ich denke, Sie haben da recht. Ohne sie bleibt die Dynamik, die zu den Folgen seiner Zeit führte, verborgen. Weiß man aber nicht, wie es wirklich dazu kam und wie die Akteure wirklich waren und dachten, so ist man kaum gut gewappnet, eine ähnliche Situation und Entwicklung heute oder in Zukunft zu erkennen und die daraus möglichen Gefahren für uns abzuwenden.

  4. für hitlers "radikale literatur" (zumindest die erwähnte) gilt, was auch für seine "verrückten ideen" gilt: sie war lange vor ihm unter den deutschen verbreitet. lagardes 'deutsche schriften' waren ein bestseller, der sich ende des 19.jh.'s im bücherschrank jedes zweiten bürgerhaushalts fand. rassen- und volkstumsideologie, (vernichtungs-)antisemitismus, apokalyptischer irrationalismus, ultranationalismus und imperialer größenwahn hatten sich schon im kaiserreich zu elementaren bestandteilen der deutschen kultur verfestigt. in hitler fanden diese "verrückten ideen" der deutschen den organisator ihrer praktischen umsetzung.

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    ... ist es ja durchaus erstaunlich, dass er nur von einem Drittel der Bevölkerung gewählt wurde. Oder schliesst "Bürgerhaushalt" die eher bildungsfernen "Proletarier" aus?

    • Zapfen
    • 04.04.2010 um 10:56 Uhr

    Der ganze Rassismus stammt aus dem magisch- esoterischen Denken und damit aus dem Keltischen, das in GB und F seine magische Eigenart (Druiden) nie ablegte.
    Nach D.schwappte der ganze Dreck seit der ersten Globalisierung des Sachbuches ab 1890.
    Zwar gab es auch hier zuvor einige magische Traditionen (Calvinismus aus Burgund u.G.Fichte, diese wurden vor 1933 aber in D. nie dominant!!!
    Und das ist das Entscheidende!
    Erst mit 1933 gewann dieser magische Dreck die Oberhand!
    Die Politik der SPD etc. der 20er Jahre hatte sich von dem großen esoterischen Aufbrüchen der 20er Jahre mitgemacht, siehe diese irrat.Stadtplanung mit dem Primat des Baukörpers vor dem Strassenraum, die ab den 20ern von der SPD etc. betrieben wurde.
    Die dumme und boshafte Unterstellung, das Problem des Rassismus sei urdeutsch oder typisch für das 19. Jh. in D. sollte hier eine Grenze gesetzt werden.

    In der weiter gobaliserten Kultur in Weimar wurde das Esoterische- Magische auch von der offiz. Politik her nicht der bekämpft: Jetzt konnte sich jede Art wilden Spinnertums entfalten. Die bes.schlagkräftige Form kam dann besondes bei einigen ökonomisch enttäuschten Leuten, die die christliche Mahnung gegenüber der Gefahr der Magie ignorierten, gut an.Die Folgen daraus kennen wir.
    Nach 1949 klappte die Politik in D. sehr gut, weil sie an der alten d.Tradition ration.Vorgehens anknüpfte. Zwar gilt die pol.Kultur der 50er als kalt, aber entweder man ist erwachsen und rational oder ewig kindisch und magisch!

    ... ist es ja durchaus erstaunlich, dass er nur von einem Drittel der Bevölkerung gewählt wurde. Oder schliesst "Bürgerhaushalt" die eher bildungsfernen "Proletarier" aus?

    • Zapfen
    • 04.04.2010 um 10:56 Uhr

    Der ganze Rassismus stammt aus dem magisch- esoterischen Denken und damit aus dem Keltischen, das in GB und F seine magische Eigenart (Druiden) nie ablegte.
    Nach D.schwappte der ganze Dreck seit der ersten Globalisierung des Sachbuches ab 1890.
    Zwar gab es auch hier zuvor einige magische Traditionen (Calvinismus aus Burgund u.G.Fichte, diese wurden vor 1933 aber in D. nie dominant!!!
    Und das ist das Entscheidende!
    Erst mit 1933 gewann dieser magische Dreck die Oberhand!
    Die Politik der SPD etc. der 20er Jahre hatte sich von dem großen esoterischen Aufbrüchen der 20er Jahre mitgemacht, siehe diese irrat.Stadtplanung mit dem Primat des Baukörpers vor dem Strassenraum, die ab den 20ern von der SPD etc. betrieben wurde.
    Die dumme und boshafte Unterstellung, das Problem des Rassismus sei urdeutsch oder typisch für das 19. Jh. in D. sollte hier eine Grenze gesetzt werden.

    In der weiter gobaliserten Kultur in Weimar wurde das Esoterische- Magische auch von der offiz. Politik her nicht der bekämpft: Jetzt konnte sich jede Art wilden Spinnertums entfalten. Die bes.schlagkräftige Form kam dann besondes bei einigen ökonomisch enttäuschten Leuten, die die christliche Mahnung gegenüber der Gefahr der Magie ignorierten, gut an.Die Folgen daraus kennen wir.
    Nach 1949 klappte die Politik in D. sehr gut, weil sie an der alten d.Tradition ration.Vorgehens anknüpfte. Zwar gilt die pol.Kultur der 50er als kalt, aber entweder man ist erwachsen und rational oder ewig kindisch und magisch!

  5. ... ist es ja durchaus erstaunlich, dass er nur von einem Drittel der Bevölkerung gewählt wurde. Oder schliesst "Bürgerhaushalt" die eher bildungsfernen "Proletarier" aus?

    Antwort auf ""seine bücher""
  6. Dass der Mann nur Winnetou gelesen hat, habe ich nie recht geglaubt. War für die Intelektuellen des 20. Jh. natürlich bequem, Hitler als einen ungebildeten Tölpel zu darzustellen, der mit ihrer Welt nichts zu tun hat.
    Was mich aber doch interessieren würde, ist, inwiefern der Mann auch liberale, marxistische oder zionistische Literatur gelesen hat. Sprich: Entsprang sein Fanatismus einer einseitigen Lektüre, oder hat er auch ihm ideologisch feindliche Literatur umgedeutet?

  7. "Wurde Hitler in der Vergangenheit stets als direkt der Hölle entstiegenes Monster dargestellt, ist es erfreulich zu sehen dass die ZEIT nun darlegt dass er, man glaubt es kaum, sogar lesen konnte. Und dass er viel las. Ganz so dumm wird er also nicht gewesen sein."

    Sehr schöner Kommentar. Ich erinnere mich an meinen Geschichtsunterricht Mitte der 80er Jahre, Gymnasium Landsberg (genau, DIESES Landsberg): Hitler war ein Psychopath aus dem Obdachlosenasyl, Göring frech und feist, Goebbels ein teuflischer Demagoge mit Klumpfuß und trara, so hat das Dritte Reich funktioniert.
    Erstaunlicherweise schien diese schlichte Sicht der Dinge für fast alle meiner Klassenmitinsassen, die sonst jeden Blödsinn fünfmal hinterfragen mussten, vollkommen plausibel zu sein.
    Einen ganzen Staat samt Intelligenzia ,Industrie etc. für sich zu vereinnahmen und zu korrumpieren - dazu brauchte es nicht mehr als die Gerissenheit eines Jerry-Cotton-Bösewichts.

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