Ein Entsetzen rollt durch das Land. Hunderte von Jungen sind in den renommiertesten Schulen, im Herzen der Kirche, inmitten engelhaft singender Knabenchöre befingert, zu Oralverkehr genötigt, zu Sexspielen benutzt, brutal gezüchtigt, sadistisch, ja systematisch gedemütigt worden, der Schrecken kennt kein Ende. Verflechtungen von Tätern zeichnen sich ab, Mitwisserschaft wird ruchbar, bis hinauf zum Papst in Rom. Auch der Heilige Vater – einfach geschwiegen?

Männer haben Jungen missbraucht, Männer haben das gedeckt. Inmitten dieser Gesellschaft, die Frauen als eine Bastion von Männermacht zu sehen gewohnt sind, in der Männlichkeit als Conditio sine qua non für Aufstieg gilt, für Erfolg, Durchsetzungskraft, Verdienst, haben Männer darin versagt, das männliche Kind zu beschützen. Sie haben pädophile Missbraucher geschützt. Männer haben die Missbraucher abgeschirmt, ihnen neue Posten verschafft, so neue Opfer zugeführt. Kann man das verstehen?

Die Ungeheuerlichkeit ist so groß, dass sie vielleicht deshalb übersehen wird in der tumulthaften Debatte. Es gibt weiße Flecken der Wahrnehmung. Bemerkenswertes Desinteresse besteht an der Tat des Missbrauchs selbst, an dem, was er im Kind anrichtet. Erstaunlich in einer Gesellschaft, die so viel und gerne über Sex und ihre Seelenlage plappert. Kein Interesse? Es lohnt sich aber, die weißen Flecken unserer Wahrnehmung zu betrachten, denn in ihnen zeigt sich eine Verflechtung von Macht und Begierde, Patriarchat und Sexualität.

Das Thema Missbrauch bricht nicht so überraschend über uns herein, wie es das Erstaunen in den Feuilletons suggeriert. Missbrauch ist ein im Gefolge der 68er-Diskussionen über Sexualität und Selbstbestimmung ad nauseam diskutiertes Thema. Vielleicht war es zu sehr von Frauen besetzt, um in einer Männergesellschaft ernst genommen zu werden. Vielleicht konzentrierten sich Frauen zu sehr auf weibliche Opfer, um missbrauchte Jungen wahrnehmen zu können, die ein Viertel aller rund 15.000 im Jahr gemeldeten Opfer ausmachen. Dass es epidemischen Missbrauch in katholischen Schulen gibt, ist bekannt, seit vor weniger als zehn Jahren die ersten Fälle aus Irland, dann aus Amerika ruchbar wurden, eine Lawine losbrach, 11.000 missbrauchte Kinder in Amerika, 35.000 missbrauchte Kinder in den Internaten und Heimen des kleinen Irlands. Man hätte Runde Tische bilden können, damals und nicht erst heute, um zu untersuchen, wie es bei uns ist. Warum hörte niemand hin, als missbrauchte Schüler von ihrer Qual erzählten, was ist heute anders? Die Antwort: Heute sind diese Kinder erwachsen. An der Aufmerksamkeit für die Aussagen missbrauchter Erwachsener erkennt man wie im Spiegelbild, wie skandalös gering der Status von Kindern ist.

Der geringe Status der Kinder hat, wie der Zugriff auf ihren Körper, eine Tradition, von der sich die Gesellschaft nur schwer lösen kann. Philippe Ariès hat in seiner Geschichte der Kindheit gezeigt, dass der Sinn für die Besonderheit der Kindheit, ihre Abgrenzung von der Sphäre der Erwachsenen, sich über die demütigende Züchtigung konstituierte, "es wird dieses Merkmal der Erniedrigung geradezu ein Merkmal der neuen Einstellung zur Kindheit", heißt es über die Vorstellung vom Kind des 15. Jahrhunderts. Das Kind wird Kind im Status des Untertanen. Die Spuren finden sich noch in den sadistischen Prügeln, die heute diskutiert werden, in den Flugbahnen der Schlüsselbunde, die genervte Lehrer gerne mal durch die Klasse auf ihre Schüler schleudern, was viele normal finden. Das Kind gehörte, wie Domestiken oder die Frau, zu den Körpern, an denen sich männliche Macht schon immer exerzierte. Welch ein Kampf, bis das ungesetzlich wurde! War es nicht erst gestern, dass die Ohrfeige für das Dienstmädchen, die Vergewaltigung der Ehefrau, der Stock für den Schüler verboten wurden? Legen nicht viele Gerichtsprotokolle Zeugnis ab, wie darum gerungen werden muss?

Der Missbrauch der Kinder vollzog sich auf großer Bühne – in Schulen, Internaten, Heimen, deren Zöglinge gemeinhin darüber klagen, dass es dort so wenig Privatsphäre gebe. Der Missbrauch war, ja, öffentlich. Wo Hunderte von Schülern missbraucht wurden, waren sie umgeben von Aberhunderten von Schülern, eingebettet in Institutionen, in denen Hausmeister wirkten und Putzfrauen, Köchinnen, Lehrer. Was trieb sie zur gemeinschaftlichen Deckung der Täter?

Es fehlt in diesen Tagen nicht an der Umwälzung gewichtiger Fragen in den Feuilletons. War es der Zölibat? Oder die sexuelle Revolution? Haben Familien versagt, deren Kinder sich den Eltern nicht anvertrauen? Allen Fragen ist gemein, dass sie den Kern des Missbrauchs, die Tat, umsteuern. Der Diskurs streift kurz den Griff ans Genital, und schon ist man weiter im Text, auf anderer Ebene. Auch so funktioniert Verdrängung. Oder so, dass eben unerwähnt bleibt, was auch offenkundig ist – dass Opfer und Täter das Geschlecht gemein haben, dass Opfer wie Täter männlich sind.