Reformpädagogik : Fatale Kameradschaft

Hat die Reformpädagogik von jeher ein Milieu kultiviert, das Missbrauch begünstigt? In jedem Fall schuf sie neue Autoritäten, die ihrem eigenen Sittenkodex folgten.
Reformpädagogik unter Generalverdacht: Gerold Becker, ehemaliger Schulleiter der Odenwaldschule und angesehener Reformpädagoge, steht im Zentrum der Missbrauchsvorwürfe. © Alex Grimm/Getty Images

Nun weiß wohl fast jeder, dass Gerold Becker, der ehemalige Leiter der Odenwaldschule, schwere Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Schülern auf sich zieht, und dem angesehenen Pädagogen Hartmut von Hentig fällt dazu ein, nach den Verführungsabsichten der Becker anvertrauten Jugendlichen zu fragen. Jetzt wird die Reformpädagogik, zu deren führenden Repräsentanten Becker und Hentig zählen, unter eine Art Generalverdacht gestellt: Hat diese Erziehungsbewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts entstand, von jeher ein Bildungsmilieu kultiviert, das Missbrauch begünstigt? Zieht die Reformpädagogik etwa seit ihren Anfängen solche Erzieher an, die für Eingriffe in die Intimsphäre der Schüler anfällig sind?

Antworten auf diese Fragen bietet vielleicht ein Blick in die wilhelminische Ära, in der die Reformpädagogik unter eigentümlichen Bedingungen entwickelt und erstmals erprobt wurde. Und dabei zeigt sich ein Bild, in dem reformorientierte Pädagogen gegen den Drill einer militarisierten Obrigkeitsgesellschaft ihrerseits eine charismatische Autorität von Erziehern einsetzten, die auch illiberal und antibürgerlich geprägt waren. Das wilhelminische Kaiserreich war ein Staat, der rückständig war und zugleich modern, und in dieser Mischung glich ihm paradoxerweise sein Gegenprogramm: die Reformpädagogik.

Das Kaiserreich war, wie der Reichskanzler, Fürst Otto von Bismarck , stolz sagte, in der Dekade vor 1871 »durch Eisen und Blut« in Kriegen gegen Dänemark , Österreich und Frankreich erkämpft worden. Nicht die Liberalen, nicht die demokratisch gewählten Repräsentanten des deutschen Volkes hatten nach dem hoffnungsvollen Auftakt der 1848er-Revolution im Parlament der Frankfurter Paulskirche den Deutschen Bund reformiert, sondern das schon 1849 zur Unterdrückung sächsischer oder badischer Bürger aufgebotene preußische Heer schmiedete in den 1860er Jahren ein Deutschland, in dem das Militär eine entscheidende Macht war. Es war im wilhelminischen Kaiserreich in jedem Fall geboten, ein gehorsamer und Drill akzeptierender Untertan zu sein.

Erzogen wurden die in dieses Reich hineingeborenen Deutschen nun in Schulen, die ein wesentlicher Bestandteil der politisch-sozialen Ordnung waren. Das Kaiserreich war ein regelrechter Schulstaat, denn der von Preußen geprägte Obrigkeitsstaat setzte im Bildungswesen die Rahmenbedingungen, definierte die Lerninhalte, prüfte das Lehrpersonal. Die Schulbehörden auch der anderen deutschen Länder hielten daran fest, in der Volksschule nur ein sehr begrenztes Wissen und rigorose Disziplin zu vermitteln.

Dementsprechend waren die Lehrer in erster Linie Unterrichtsbeamte, die ständig behördlichem Zweifel an ihrer Kompetenz und ihrer konservativ-monarchischen Staatsloyalität unterworfen blieben. Selbst die Gymnasien waren trotz ihres viel umfangreicheren Fächerkanons, der neben der humanistischen Bildung zunehmend naturwissenschaftlich-technische Wissensgebiete beinhaltete, pflichtbewusste Staatsschulen. Die Freiheit der staatlichen Anstalten, neue pädagogische Wege zu erkunden, war stark eingeschränkt. Das prägte die Mentalität der Lehrer nachhaltig: Eindrücklich haben Autoren wie Hermann Hesse oder Heinrich Mann beschrieben, wie hart, taktlos oder pedantisch allzu viele Lehrer der wilhelminischen Welt waren, ohne Sympathie oder Sinn für die Nöte und Interessen ihrer Schüler, nur Examensweisheit abfragend, niemals die erwachende Selbstständigkeit der Jugend berücksichtigend.

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Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Erziehung ...

.. ist immer auch Ausübung von Macht durch den Erzieher - legitimiert dadurch, dass der Lehrer notwendig schon mehr weiss als der Schüler.
Autoritär angelegte Erziehungsmethoden werden daher autoritäre Persönlichkeiten anziehen, die sie umsetzen.
Notwendigerweise müssen Reformpädagogen anders konstituiert sein - mit den jetzt offenbar werdenden Folgen. Das ist unvermeidlich, da der erzieherische Anspruch auf Persönlichkeitsbildung zielt.
Bei reiner Wissensvermittlung endet die Autorität des Lehrers, wenn der Schüler sein Wissensniveau erreicht hat, die Persönlichkeit des Schülers bleibt unangetastet - meiner Meinung nach die humanere Methode.

Also bitte ...

... verehrte Redaktion!
Ich hatte die Gelegenheit den gelöschten Beitrag noch zu lesen, bevor er Ihnen zum Opfer fiel.
Der Schreiber wollte wohl zum Ausdruck bringen, dass die Reformpädagogik durch ihren Ansatz Freiräume schafft, die durch entsprechend konstituierte Persönlichkeiten missbraucht werden können.
Die Anzahl der Taten und Täter deutet darauf hin, dass reformpädagogische Bildungseinrichtungen eine Sammelwirkung für perverse [...] haben - Entschuldigung, aber jetzt haben Sie eine Begründung zum Streichen des Beitrags.
[Bitte bedienen Sie sich trotz aller Kritik einem angemessenen Sprachstil. Danke, die Redaktion/vv]

Schule ist kein Ersatz für Familie, Ehe und Lebenspartnerschaft

Da, wo Lehrer plötzlich Väter sind (oder eben Patres), läuft etwas schief. Auch, weil Eltern nicht mehr Eltern sein wollen, sondern ihre Kinder pseudo-elitären Kasernen übergeben, in denen sie nicht mehr autonome junge Persönlichkeiten sind, sondern im Kollektiv aufgehen sollen. Auch die Lehrer sind nicht mehr Wissensvermittler und Amtspersonen, sie sollen plötzlich ihre Schüler bis in den Intimbereich (entweder katholisch-repressiv oder reformpädagogisch-libertär) kontrollieren. Die Schülerinnen und Schüler gewinnen andererseits in entlegen gelegenen Internaten ein Gewicht im Lehrerleben, das ihnen nicht zukommt. Jenseits des Pädophilie-Problems: Auch eine 17jährige oder ein 17jähriger ist kein Lebenspartner, aber im Biotop des Internats verwischt da so manches. Das ganze System ist fragwürdig.

Ein öffentl. Schulsystem unter Beteiligung der Eltern, denen auch der Hauptteil der Erziehung obliegt, ist emotional gesünder. Überdies sollte die staatl. Schulaufsicht ohne übertriebene Rücksicht auf angemaßte säkulare und klerikale 'Eliten' genau hinschauen, was in entsprechenden Einrichtungen abläuft...

die reformpädagogik kann nichts dafür..

sie ist nur eine zwangsläufige entwicklung nach allzu langer unterdrückung. schulen ziehen autoritäre persönlichkeiten an??
leider gibt es viel zu wenig lehrer mit authentischer persönlich- pädagogischer autorität. eltern wissen nur zu gut was sich dort alles an schulen tummelt. da muss sich noch mehr entwickeln, hin zu selbstverantwortlichen, selbstständigen jungen menschen, die kritisch denken können.
die zeit der duckmäuser geht dem ende zu.
aber die eltern sind auch gefordert. sie entziehen sich heutzutage gern der verantwortung. üben aber lauthals kritik an allen und jeden denen sie die verantwortung ansonsten nur allzu gern überlassen. ein zusammenspiel von schülern,eltern und lehrern ist dringend notwendig!