Norbert Bisky "Ich sagte: Ich trete in den Hungerstreik"
Der Maler Norbert Bisky wurde kurz vor dem Mauerfall in der DDR wegen Fahnenflucht festgenommen. Im Gespräch erzählt er, wie er wieder in Freiheit gelangte.
ZEITmagazin: Herr Bisky, Sie haben kurz vor dem Ende der DDR noch schlechte Erfahrungen mit dem alten System gemacht.
Norbert Bisky: Ja, der Staat zerfiel, aber die ostdeutsche Armee funktionierte weiter. Ich war im Herbst 1989 zur NVA eingezogen worden und hatte meine Vereidigung am 11. November – zwei Tage nach dem Mauerfall. Eine völlig bizarre, surreale Situation! Wir nuschelten unser Gelöbnis auf die Deutsche Demokratische Republik, während am Rand die Familien mit McDonald’s-Fähnchen winkten, die sie aus dem Westen mitgebracht hatten. Kurze Zeit später gab es dann ein neues Gesetz, das den Zivildienst erlaubte. Ich schrieb sofort einen Antrag, nahm den ganzen Jahresurlaub, der mir als Soldat zustand, und fuhr nach Amsterdam.
ZEITmagazin: Und der Antrag wurde bewilligt?
Bisky: Ich dachte, das ginge ganz einfach. Ich war gerade 19 und wirklich doof und grün und hatte von nichts eine Ahnung. Nach meiner Rückkehr aus Amsterdam fuhr ich in die Kaserne in Steffenshagen, um meine Sachen abzuholen, doch die wollten, dass ich bleibe und zum Wachdienst antrete. Ich sagte: "Seid ihr bekloppt?" Dann bin ich nach Berlin gefahren, wo ich bei meinen Eltern ein Zimmer hatte.
ZEITmagazin: So einfach konnten Sie der NVA aber nicht entkommen?
39, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Maler Deutschlands. Er studierte bei Georg Baselitz und gilt als Vertreter eines neuen Realismus. Bisky wurde in Leipzig geboren und wuchs in der DDR auf. Er ist der Sohn von Lothar Bisky (Die Linke)
Bisky: Am nächsten Tag klingelte es, und draußen stand die Polizei. "Kommen Sie bitte mit. Wir haben ein Papier im Auto. Das müssten Sie unterschreiben." Und ich arroganter kleiner Schnösel, der sich für so schlau hielt, dass ihn keiner austricksen könnte, bin natürlich mitgegangen. Sie drehten mir den Arm auf den Rücken, schubsten mich ins Auto und fuhren mich zum Polizeipräsidium in der Keibelstraße. Dort habe ich auf der Straße wie wild gestrampelt und geschrien, um Aufmerksamkeit zu erregen. Das war Anfang März 1990, da haben die Menschen eigentlich aufeinander achtgegeben. Aber es hat keinen interessiert, was die mit mir machten. "Sie haben sich unerlaubt von der Truppe entfernt", hieß es dann. "Das ist Fahnenflucht." Anschließend brachten sie mich in ein Militärgefängnis in der Friedrich-Engels-Kaserne.
ZEITmagazin: Was geschah dort?
Bisky: Ich wurde furchtbar angeschrien von so einem blöden Schwein in Uniform, wie man sie heute zu Recht in diesen ganzen DDR-Mauerfilmen sieht. Und ich musste mit ansehen, wie andere Leute gegen die Heizung geschmissen wurden, was auf mich eine sehr abschreckende Wirkung hatte. Mir ist nichts Besseres eingefallen, als zu sagen: "Ich esse nichts, ich trete jetzt in den Hungerstreik!" Das war natürlich komplett lächerlich, aber es hat dazu geführt, dass ich zwei Tage später wieder draußen war. Sie riefen meine Kaserne in Steffenshagen an: "Wir haben hier einen komischen Soldaten, der nur Ärger macht. Könnt ihr den abholen?" In meiner Kaserne habe ich darauf bestanden zu telefonieren und durfte endlich meine Familie anrufen, die bis dahin keine Ahnung hatte, wo ich abgeblieben war. Dann habe ich mit einem Offizier gesprochen: "Hören Sie mal, das Gesetz muss eingehalten werden, sonst werden Sie eine Menge Ärger bekommen!" Tatsächlich wurde ich zwei Tage später entlassen und konnte den Zivildienst antreten.
- Herlinde Koelbl
gehört neben dem Coach Louis Lewitan und dem ZEIT-Redakteur Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe »Das war meine Rettung«. Die renommierte Fotografin wurde in Deutschland auch durch ihre Interviews berühmt
ZEITmagazin: Sie haben sich durch Ihr mutiges Auftreten also selbst gerettet?
Bisky: Ich merkte, dass ich selbst aktiv werden musste, sonst wäre die übliche Entscheidungsmaschinerie abgelaufen. Aber ich habe noch mehrere Monate gebraucht, um mich von dem Schock zu erholen. Es war das erste Mal, dass ich die fiese Fratze der DDR kennenlernte, sozusagen im Schnelldurchlauf – diese ganz harte, menschenverachtende Seite mit Zuckerbrot und Peitsche. Mal drohend und gewalttätig, dann wieder kumpelhaft: "Wollen Sie eine Zigarette?" Ich war in diesem kleinbürgerlichen Land DDR groß geworden, die Gesellschaft funktionierte ganz hübsch, ich fühlte mich sehr behütet – und dann musste ich plötzlich erleben, wie schmal der Grat ist: Kaum weichst du ein bisschen von der Linie ab, steckst du richtig in der Scheiße.
ZEITmagazin: Diese Erfahrung hat Sie geprägt?
Bisky: Ja, ich habe erlebt, dass das Staatswesen eine menschenverachtende Seite haben kann, weshalb ich noch heute ein tiefes Misstrauen gegenüber allem Staatlichen hege. Die wichtigste Erkenntnis aus diesem Erlebnis war, dass ich selbst für mich verantwortlich bin und selbst für mich sprechen muss, damit nicht andere über mich entscheiden. Dieser Gedanke wird sogar immer extremer. Ich bin davon besessen, Kontrolle über mein Leben zu haben. Ich bin ein richtiger Kontrollfreak geworden.
Das Gespräch führte Herlinde Koelbl
- Datum 20.03.2010 - 17:29 Uhr
- Serie Das war meine Rettung
- Quelle ZEITmagazin, 18.03.2010 Nr. 12
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Wer schreibt in einer ernsthaften (?) Zeitung denn solchen Quatsch?
Im November 89 war der Staat DDR noch voll in Takt, da war nichts zu sehen vom Zerfall. Der junge "Künstler" ist immer hin vom Armeedienst abgehauen- das ist wohl überall in der Welt Fahnenflucht.
Vielleicht kann er seine Fantasie und seine Hang zum Fabulieren anderswo nützlicher einsetzen.
Wenn ich solche Artikel lese und erfahre, wie neuere Geschichte trotz vieler lebender Zeitzeugen verfälscht wird, frage ich mich, ob andere geschichtliche Ereignisse wie der Bauernkrieg oder die bürgerlichen Revolutionen wirklich staatgefunden haben oder ob sich das nicht irgendwelche Spinner ausgedacht haben.
Aber Sie widersprechen Ihrem Vorschreiber mitnichten. Etwas kann intakt sein und trotzdem zutiefst verrottet. Ich habe diese Zeit zwar so erlebt, die Strukturen in der DDR waren im Wandel begriffen, doch zeugt gerade das von Ihnen herangeführte Dokument davon, wie stark die Strukturen wirkten. Insbesondere in Repressionsapparaten wirken solche Strukturen im Übrigen länger nach, wie die anderen beiden Unrechtsstaaten auf hiesigem Boden im 20. Jahrhundert eindrucksvoll zeigten.
Norbert Bisky ist eben so ein Maler, bei dem der bunte Ringelpullover farblich zum gerade gemalten Bild passt. (Siehe Foto.) Das macht ihn für mich schon unglaubwürdig.
die Wende erlebt haben, aber ich habe im Jahre 1989 nichts vom Zerfall des Staates erlebt. Soldaten bei der NVa haben ihren Dienst gemacht wie immer- wer sich vom Armeeddienst unerlaubt entfernt wird überall bestraft.
Ich denke der Wahrheitsanteil in dem Artikel ist verschwindend gering.
P.S. Mothers finest: Haben sie inzwischen etwas Nachhilfe in Geschichte genommen?
Ich glaube, wenn die gleichen Leute heute den Schuldenstand der BRD analysieren würden, wäre ihr Urteil auch "bankrott"- aber Staaten sind nicht so schnell bankrott.
als geborener wiener im dritten reich und beim militär
in österreich ohne alternative, kein zivildienst, die wehrdienstverweigerer gingen ins gefängnis und wurden bei der strafentlassung von der militärpolizei abgeholt in die kaserne gebracht und aufgefordert die waffe anzunehmen, nachdem wieder eine verweigerung erfolgte war eine weitere verurteilung und haft die folge, und in ewigkeit amen, diese leute waren die vorkämpfer für den zivildienst den wir jetzt in österreich haben, also norbert, schwarzenneger hat seine ausreise nach USA begründet da er die russen fürchten lernte, der war in der steiermark und dort waren die engländer und als er laufen lernte hatten wir den staatsvertrag und die vier waren weg, Deine geschichte verdient keinen cent, spende für die roten nasen und schäme Dich, helmut wöhrer
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