Als der Wettbewerb "Schönste Bücher aus aller Welt" und seine höchste Auszeichnung, die "Goldene Letter", 1963 in Leipzig erfunden wurden, waren Elisabeth Hinrichs, Aileen Ittner und Daniel Rother noch nicht geboren. Aber bereits damals strahlte Leipzigs internationaler Ruf als Buchstadt heller als die Wirklichkeit. 47 Jahre später kommt das schönste Buch der Welt, das sich in der Konkurrenz gegen 634 Einreichungen aus 32 Ländern behauptet hat, aus Leipzig: erdacht und gestaltet von drei Studenten der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB).

Der Band XX – Die SS-Rune als Sonderzeichen auf Schreibmaschinen ist alles andere als gefällig und mutet mit eingelegten Pappstreifen und Registerkarten, eingeschlagen in orangefarbenem Karton, wie ein sperriges Aktenstück an. Für ihr Buchprojekt haben die Studenten zweieinhalb Jahre lang recherchiert. Ausgangspunkt der Reise zu den Gespenstern der Zeit- und Typografiegeschichte ist eine Schreibmaschinentaste. Auf ihrer Spur befragten sie Sammler und betagte Büromechaniker, trugen Hunderte Briefe und Fotos aus Bundesarchiv-Kellern zusammen und brachten sie in eine neue, suggestive Dramaturgie. Das Buch, in kleiner Auflage erschienen, ist von keinem Verlag beauftragt worden; es entzieht sich der üblichen Klassifikation von Markt und Vertrieb. Seine Gestalter, die sich im Biotop ihrer Hochschule als Forscher, Autoren und Herausgeber erproben konnten, gehören zum wachsenden Kreis junger Leipziger Büchermacher, die Tradition nicht länger als Fluchtpunkt gegen eine als krisenhaft empfundene Gegenwart begreifen. Statt sich an den Phantomschmerzen der Stadt abzuarbeiten, docken sie pragmatisch an ihren Ressourcen an; statt alte Antworten zu konservieren, stellen sie neue Fragen.

Begreifbar wird die Katerstimmung, die nach der Schließung von Traditionshäusern wie Gustav Kiepenheuer, Reclam, Brockhaus oder Insel in Leipzig herrschte, erst mit Blick auf die Vergangenheit: Über fünf Jahrhunderte hinweg war die Stadt unangefochtene Weltkapitale des gedruckten Wortes; in den 1930er Jahren arbeitete hier jeder Zehnte rund ums Buch. Die Machtübernahme der Nazis markierte den Anfang vom Ende, mit der deutschen Teilung verlor Leipzig seine Stellung als Buchhandelszentralplatz endgültig.

Vieles von dem, was die Bomben des Zweiten Weltkriegs verschont hatten, fiel dem realsozialistischen Alltag zum Opfer. Die Produktion in den großen Druckhäusern fuhr auf Verschleiß, manchem Lektor tropfte es durchs marode Dach auf den Schreibtisch. Nach der Wende wich anfängliche Euphorie rasch nüchternem Pragmatismus; was folgte, war ein Abschied auf Raten. 20 Jahre später ist der Traum, an glanzvolle Vorkriegszeiten anzuknüpfen und im Konzert deutscher Buchstandorte tonangebend mitzuspielen, definitiv ausgeträumt. Macht das den Blick frei für Neues?

Als Markus Dreßen Anfang der neunziger Jahre sein Studium an der HGB begann, gaben die zu Brachflächen verkommenen Reste grafischer Betriebe zwischen Reudnitz und der Innenstadt noch eine vage Vorstellung von dem, was gewesen war. Mit Jan Wenzel und Anne König gründete Dreßen im Jahr 2000 "Spector" – gespensterhaft seine Bedeutung wechselnd, taucht der Labelname seitdem auf: als Büro, Titel einer Zeitschrift, temporäres Lokal, immer wieder als Buchlabor für renommierte Kunstverlage. Nun schließen die drei mit dem eigenen Verlag Spector Books die Lücke in der Wertschöpfungskette. "Es geht um eine bestimmte Art zu arbeiten", erklärt Wenzel, "letztlich auch um eine bestimmte Art zu leben."

Das Buch als Tool, das Netzwerke begründet.

Im Umfeld der Hochschule, an der Dreßen nun selbst als Professor lehrt, sind neben "Spector" weitere kreative Inseln entstanden – ob die Büros in den Plattenbauten der Leipziger Kolonadenstraße oder in London sitzen, ist fast egal. "Eigentlich", so Anne König, "sind wir Global Player. 90 Prozent unserer Arbeit könnten wir in jeder anderen Stadt erledigen. Aber vielleicht machen gerade die restlichen zehn Prozent die Differenz aus."