Alfred BrendelAbschied vom Adrenalinkick

Der Pianist Alfred Brendel tritt ab von der großen Bühne und zeigt sich in seinen Essays als Virtuose der leisen Töne.

Der Pianist Alfred Brendel bei seinem Abschiedskonzert 2008 im Wiener Musikverein

Der Pianist Alfred Brendel bei seinem Abschiedskonzert 2008 im Wiener Musikverein

Im Jahre 2003 nimmt der französische Pianist François-René Duchâble auf spektakuläre Weise Abschied von der Bühne, indem er mit einem Hubschrauber seinen Flügel in einen See versenkt. Alfred Brendel gibt einer weniger aufwendigen Abschiedsversion den Vorzug, er begnügt sich mit einer Sammlung von Gesprächen, Gedichten und Essays aus den letzten Jahren. »Heute bin ich eine Maus«, so beginnt eines der Vier Klaviergedichte. Die Zeile trifft den übermütigen Ton des Buches, der dessen melancholischen Titel Lügen straft.

Martin Meyer, Chefredakteur der Neuen Zürcher Zeitung, entlockt dem Pianisten mit der Frage nach dessen Wunschbiografie die Antwort, er hätte seinen Vater gern als Tierausstopfer gesehen, die Mutter als Diseuse und sich selbst als zuständig für die Filmmusik bei Woody Allen. Die surreale Tonlage setzt neue Akzente, mit denen man nach dem vor neun Jahren erschienenen Gesprächsband, Ausgerechnet ich, ebenfalls mit Martin Meyer, nicht rechnen konnte. Dort wird die Aufgabe des Pianisten so beschrieben: »Es muß alles innerhalb von Grenzen stattfinden«, eine Programmatik, welche die ausgewogen harmonische Interpretation zum Ideal erklärt. Diese Vorstellung hat Alfred Brendel zu einem rigorosen Kritiker Glenn Goulds und Svjatoslav Richters gemacht: der eine ein enthemmter Exzentriker, der andere ein werkgetreuer Lethargiker.

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Brendel dagegen sieht den Interpreten als ein Medium, das »zu lehren«, »zu rühren« und »zu unterhalten« versteht. Peter Hamm, ein Freund des Pianisten, hält in seinem Nachwort fest, dass Brendel sich entschieden hatte, die im NS-Staat in Dienst genommene Romantik nicht auf die Müllhalde der Geschichte zu werfen. Anders als viele seiner Altersgenossen konnte er ihr mehr als »Verträumt-Utopisches« abgewinnen. Er hat dies mit der Vehemenz seiner Schubert-Interpretationen unter Beweis gestellt, auch mit seinem Spiel, das Charakter und Spirit des Musikstücks freilegt. Mit Gedichten und Lesungen nun bricht er auf in eine von Kritikern und Konkurrenten befreite Zone, man spürt das Erholsame, das darin liegt.

 
Leserkommentare
  1. Seltsam, ich mag "klassische Klaviermusik" und schätze all die großen Namen (und ein paar der weniger "großen"). Einzig mit Brendel kann ich nix anfangen und ich hab's wahrlich versucht: Hab so manche CD von ihm inm Regal und hab sogar eins seiner Bücher gelesen um ihn zu verstehen. Allein, sei Spiel läßt mich immer noch kalt, es bewegt mich nicht.

  2. Mir geht es ähnlich. Als großer Fan von Friedrich Gulda ließ mich Brendel auch immer ziemlich unberührt ... aber vielleicht habe ich nur noch nicht den richtigen Zugang zu seinem Spiel gefunden.

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  • Quelle DIE ZEIT, 18.03.2010 Nr. 12
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  • Schlagworte Alfred Brendel | Bühne | Charakter | Essay | Exzentriker | Filmmusik
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