Patti SmithKinder des Glücks

"Just Kids", die Lebenserinnerungen Patti Smiths, erzählen die Geschichte einer Initiation und zugleich ein Künstlermärchen.

Kunst erfordert Demut, lernt der Leser von Patti Smith

Kunst erfordert Demut, lernt der Leser von Patti Smith

Gewöhnliche Rockstar-Memoiren sind das nicht: keine Egotrips, keine Hotelzimmerverwüstungen. In Just Kids spielen der Starruhm und seine Begleiterscheinungen eine derart untergeordnete Rolle, dass man manchmal glaubt, im falschen Buch zu sein. Stattdessen werden wir Zeuge, wie eine junge Frau im New York der Sechziger anlandet, im Gepäck ein paar Dollar und ein geklautes Bändchen Rimbaud. Immerhin, es gibt Ideen. »Ich ersehnte den Einlass in die Bruderschaft der Künstler: den Hunger, ihren Kleidungsstil, ihre Arbeitsweisen und Gebete.« Es ist nicht die Suche nach Ruhm, die diesen Text vorantreibt, es ist der Kontakt mit den Geistern.

Gelegenheit dazu gibt es genug auf den Straßen New Yorks. Hier das Birdland, »das mit der Gegenwart John Coltranes gesegnet gewesen war«, dort das Five Spot, wo schon Billie Holiday gesungen hat. Das Manhattan der Sechziger ist bei Patti Smith geweihter Boden, auf dem andere vorangegangen sind. Und es sind nicht nur die Toten, die über der Szene wachen, der Funke ist noch wach. In einem fensterlosen Kellerloch drunten in der Bowery haust William Burroughs, der Aristokrat unter den Beat-Literaten, und an manchen Abenden kriegt man Andy Warhol zu Gesicht, wie er in einem Hinterzimmer Hof hält. Später werden wir erfahren, was dort gespielt wird, unter Dichtern, Transen und selbst ernannten Superstars. Und doch ist Just Kids nicht einfach ein Schlüsselroman.

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Es ist die Geschichte einer Initiation, die erzählt wird, mit allem, was seit dem 19. Jahrhundert dazugehört: dem leeren Magen beim Umherirren durch Parks und Avenuen, den Gelegenheitsjobs zur Sicherung der Miete, dem Selbstgenuss, den die Heldin daraus zieht, nicht zum Amerika der Satten und Rechtschaffenen zu gehören. Kunst, so die romantische Lektion, erfordert Demut, man kommt ihr nur unter Opfern nahe. Der ideale Bündnisgenosse dafür findet sich in Robert Mapplethorpe, Smiths erster und größter New Yorker Liebe, mit dem sie das Apartment teilt. In nächtlichen Séancen fiebern beide bei Rockmusik, LSD und Kerzenschein ihrer Berufung entgegen, dass einem lesend bang wird um dieses Paar, das sich da aneinander wärmt, »als wären wir die einzigen beiden Menschen auf der Welt«. In die Irre gehen allerdings, das können sie nicht.

Just Kids ist nämlich auch ein modernes Künstlermärchen: Zwei verwandte Seelen ziehen hinaus, um ihr Publikum das Staunen zu lehren. Nach bürgerlichen Maßstäben handelt es sich um Verlorene: eine dürre Ballerina im Beatnik-Look und einen Pan in Schaffellweste und Schlaghosen. Doch sie wandeln durch eine Welt der Zeichen und der Wunder. Immer wenn sie nicht weiterwissen, finden sie irgendwo einen halben Dollar für ein Käsesandwich, und wenn Robert erschöpft von seinen Ausflügen in die 42nd Street zurückkehrt, wo er sich als Gelegenheitsstricher verdingt, wacht Patti über seinem Schlaf. Als einmal gar nichts mehr zu gehen scheint, erscheint ihnen auf den Fluren ihrer Absteige ein Morphiumengel mit der Weissagung: Kehret ein im Chelsea Hotel, denn dort nimmt der Besitzer Gedichte in Zahlung! Und so landen die beiden Kinder des Glücks in der berühmtesten Künstlerklause des 20. Jahrhunderts.

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