Die Suite in der neunten Etage des Trump-Hotels ist mit ihren dichten Teppichen und dicken Fensterscheiben so abgeschirmt vom Lärm New Yorks wie das Sprechzimmer eines Psychiaters an der Park Avenue. In der gedämpften Atmosphäre empfängt Gabourey Sidibe schon den ganzen Tag lang einen Journalisten nach dem anderen, wie zu dicht gebuchte Patienten. Sie kehrt der exklusiven Aussicht auf den verschneiten Central Park den Rücken, im schnell schwindenden Gegenlicht des späten Nachmittags ist ihr Gesicht kaum zu erkennen, bald verschwimmt es ganz in der Dämmerung. Aber niemand macht Licht. Stoisch bis auf ein ungeduldig zappelndes Bein bleibt Sidibe in ihrem Ledersessel sitzen: eine monolithische Gestalt in Jeans und smaragdgrünem T-Shirt. So wie Precious, das 300 Pfund schwere, sexuell missbrauchte und geprügelte Mädchen im gleichnamigen Film. So überzeugend spielte Sidibe, dass sie sich immer wieder von ihrer Rolle distanzieren muss: »Ich bin nicht Precious!«, sagt sie, »ich bin glücklich!«

Also malen die Medien unermüdlich das Gegenbild, das einer Selbstsicheren und Fröhlichen, die wie ein weißer Teenager aus einer kalifornischen Vorstadt spricht. In der leisen Stimme aus dem Zwielicht in der neunten Etage klingt jedoch eher chronische Nachdenklichkeit und eine Spur von Harlem. Dort ist Gabourey Sidibe, genannt Gabby, als Tochter eines senegalesischen Taxifahrers und der R-&-B-Sängerin Alice Tan Riddley aufgewachsen. Ein Harlem allerdings, das auf einem anderen Kontinent zu liegen scheint als der Slum in Sapphires Roman Push, der dem Film zugrunde liegt.

Precious spielt im Jahr 1987, als eine HIV-Diagnose noch ein Todesurteil bedeutete, als es in Harlem weder Banken noch Supermärkte gab, als Crack wie ein wütender Sturm durch die amerikanischen Armenviertel fegte und Ronald Reagan die »welfare queen« zum Symbol des schlimmsten Parasitentums stempelte. Precious lebt unter dem Terrorregime ihrer von Sozialhilfe abhängigen Mutter in einem hermetisch von der Außenwelt abgeschotteten Apartment. Als sie drei Jahre alt ist, vergeht sich ihr Vater zum ersten Mal an ihr, zweimal wird er sie schwängern, das erste Kind ist geistig behindert. Die Darstellung dieses ebenso brutalen wie sexualisierten Milieus trug dem Regisseur Lee Daniels den Vorwurf ein, rassistische Stereotypen zu verfestigen. Aber genau um die ehrliche, politisch inkorrekte Untersuchung von Vorurteilen, auch seiner eigenen, sei es ihm gegangen, sagt Daniels, insbesondere um die geradezu automatische Verachtung der Fettleibigkeit.

Wenn sich ein Schauspieler für eine Rolle extra Kilos anfrisst, gilt das als heroisches Opfer im Dienste der Kunst. Sidibe hingegen schleppt ihr drastisches Übergewicht unfreiwillig durch die Welt – was den Erfolg des Films fast verhindert hätte. Erst als sich Oprah Winfrey, Schutzheilige der Dicken, und der schwarze Hollywood-Mogul Tyler Perry als Ausführende Produzenten hinter den Film stellten, kaufte der Verleih Lionsgate Precious für 5,5 Millionen Dollar an. Bereits am ersten Wochenende spielte er ein Viertel der Summe ein, obwohl er in nur 18 amerikanischen Kinos gezeigt wurde – ein sensationeller Erfolg. Aber wie ist er zu erklären?

Tatsächlich weckt Sidibes raumgreifende Erscheinung im Film zunächst Feindseligkeit. Precious lädt die Zuschauer ein zum hemmungslosen Voyeurismus – und dazu, sich an die Ausmaße der Heldin zu gewöhnen. Sidibes große schauspielerische Leistung besteht darin, die tapfere, liebenswerte Person unter all dem Fleisch freizulegen.

Daniels hatte bei McDonald’s und Macy’s, in Detroit und Chicago sowie in den Schulzeitungen der Nation nach seiner Precious gesucht. Unter 500 Kandidatinnen wählte er schließlich Sidibe, damals 24 Jahre alt und Psychologiestudentin am Mercy College in New York. »Ich wollte eigentlich nur Geschichten hören und das menschliche Verhalten unter die Lupe nehmen«, sagt sie. Ihre Darstellung eines jungen Mädchens, das über Inzest, Armut, Aids und den steten Schmerz angesichts der eigenen Fettleibigkeit triumphiert, habe ihr jedoch die Gelegenheit gegeben, »mehr Leute zu erreichen, als es mir als Therapeutin jemals möglich gewesen wäre, und zwar ohne allzu viel in ihre Heilung zu investieren«.

Die große Heilung hat auch ihre Nebenwirkungen. Die Außenaufnahmen in Precious wirken nahezu dokumentarisch, was es für das Publikum noch schwerer macht, zwischen Rolle und Schauspielerin zu unterscheiden – zum Leidwesen der Darstellerin. »Ich muss sagen, dass mir recht unbehaglich zumute ist, wenn mir wildfremde Menschen auf einer Party oder bei Starbucks ihre eigenen Erfahrungen erzählen«, sagt sie mit einer gewissen Schärfe. Kein mit allen Wassern der Hollywood-PR-Maschinerie gewaschener Hollywoodstar würde sich so offen über die »jähe Intimität« des Publikums beklagen.