Siebeck Die hohe Kunst des Plagiats

Wolfram Siebeck findet nichts dabei, wenn Köche Rezepte klauen. Dadurch bleibt die Kochkunst lebendig.

Von diesem Hummer-Rezept ließ sich schon Alain Ducasse inspirieren

Von diesem Hummer-Rezept ließ sich schon Alain Ducasse inspirieren

Es war einmal ein kleines Mädchen, das hatte den sehnlichen Wunsch, Köchin zu werden. Nicht eine kochende Hausfrau mit eingemachtem Kürbis im Weckglas wollte es werden, sondern berühmt. So wie Johanna Maier, Cornelia Poletto oder Sarah Wiener. Leider war das Mädchen noch zu jung, um viel über Kochkunst zu wissen.

Da ging es zu seinem Vater und weinte bitterlich. »Was ist mit dir, mein Kind?«, fragte er, und sie berichtete von ihrem Kummer. Da sagte der Herr Papa: »Weißt du was? In meiner Bibliothek stehen viele Kochbücher. Aus ihnen kannst du lernen, wie du eine berühmte Köchin wirst.«

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Da herzte und küsste sie ihn und lief in die Bibliothek. Sehr bald schon fand sie ein Buch von Alain Ducasse, der seit Langem ein berühmter Koch war. Darin fand das Mädchen ein Rezept, so kunstfertig und aufwendig, dass es vor Freude tanzte.

Denn sie musste nur kochen, was dort geschrieben stand: 1 Hummer und 4 Hummerköpfe ohne Schale in Scheiben schneiden, in Öl anbraten, danach mit Butter karamellisieren, 400 g Tomaten hinzufügen und noch dies und das, zum Beispiel Corail und Sherry, mit scharfen Gewürzen nicht sparen. Es gelang ihr gut, und Papa hatte viele Gäste eingeladen. Prompt berichteten die Fachzeitschriften von einer neuen Starköchin.

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Alle Restaurantkritiken und Kolumnen von Wolfram Siebeck im Überblick

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»So jung und schon so kreativ!«, jubelten Kritiker. »Ein Wunder!«, stimmten andere zu. Und niemand warf – wie in der Literatur erst kürzlich geschehen – der Anfängerin vor, das Rezept abgeschrieben zu haben. Auch wenn Experten sofort nachwiesen, dass es tatsächlich im Grand Livre de Cuisine d’Alain Ducasse steht, das bereits erschienen war, als unsere Jungköchin noch nicht lesen konnte (hundert Jahre früher stand es als Homard à la Newburg in anderen Kochbüchern). Als man ihr vorwarf, dass es sich bei dem Rezept um ein Plagiat handele, gab sie dies sofort zu. Es blieb ihr ja nichts anderes übrig, wenn sie eine berühmte Köchin werden wollte.

Rezepte, ob neu oder alt, sind immer abgeschrieben. Weil es nur ein halbes Hundert Originalrezepte gibt, welche von Küche zu Küche weitergegeben und dabei natürlich verändert werden. Weil nicht zwei Köchinnen, und seien es Mutter und Tochter, dieselbe Vorstellung von einem Hummergericht haben. Folgerichtig ist heute jedes neue Gericht nur eine Weiterentwicklung eines bereits bestehenden Gerichts. Es sei denn, ein Avantgardist wie Ferran Adrià geht hin und zerlegt eine Currywurst in ihre Moleküle, um sie als Currywurstsorbet wiederauferstehen zu lassen. Das ist dann originell. Womit nichts darüber gesagt ist, ob dieses Sorbet tatsächlich essbar ist.

Leser-Kommentare
  1. Das Plagiat ist immer auch eine Form der Ehrerbietung.
    Macht jemand meine Produkt nach oder benutzt Teile davon, bedeutet es doch das ich alles richtig gemacht habe.
    Leider steht oft die Eitelkeit im Vordergrund.
    Auch kann man Rezepte und technische Erfindungen nicht gleichsetzen.
    Dennoch ist der Artikel interessant und ein Denkanstoß.
    Danke!

  2. ich würde ganz weit davon abstand nehmen, dem kochen einen stellenwert beizumessen nahe anderer gebiete, in denen plagiatismus verwerflich wäre.

    strassenfegen, autowaschen, abtrocknen, spülen, kochen..all dies sind natürlich ernstzunehmende tätigkeiten. mehr aber auch nicht. gerade eben habe ich unsere putzfrau dabei erwischt, wie sie das wohnzimmer in meiner art und weise geputzt hat! ja das ist geradezu skandalös, wenn sie darüber jetzt noch ein buch schreiben würde. nur, wer würde das buch überhaupt lesen?

  3. Mit Verlaub, captainmic, Sie können doch Kochen nicht in eine Reihe mit Straßen fegen, Auto waschen etc. stellen; mag ja sein, dass Sie anderen Künsten eher zugetan sind (ich im Übrigen auch), aber Kochen ist mehr als ein bloßes, handwerkliches Geschäft. Nur, weil das Resultat im Magen landet und verwertet wird, heißt das nicht, das es der Idee, die für das Resultat verantwortlich ist, ebenso ergeht.
    Man muss die Kochkunst für sich nicht als Kunst aktiv oder passiv praktizieren, das hindert aber nicht, sie als Kunst anzuerkennen. Und wenn Sie einem 5-Sterne Koch nach seinen Rezepten fragen, wird er sie Ihnen auch nicht einfach so aushändigen, als wären die Ausflüsse seiner Kreativität praktisch Allgemeingut. Mindestens wird er Ihnen dabei ein oder zwei Details verschweigen, die den Unterschied zwischen ihm als 5-Sterne Koch und anderen Köchen ausmachen, wenn es darum geht, das erfragte Gericht zu kochen.
    Das ist übrigens auch ein Kritikpunkt an dem Artikel... es mag sein, dass viele Ideen mittlerweile en gros Allgemeingut geworden sind, Rezepte können einfach nachgekocht werden, nur: Auch mit Rezepten kann man Geld verdienen, auch auf bestimmte Zusammensetzungen in Getränken und Lebensmitteln gibt es Patente und Urheberrechte. Auch Köche geben nicht immer alles von sich preis und wenn sie es tun, sichern sie sich auch nicht viel anders ab als ein Musiker, der ein besonders tolles Musikstück kreiert hat. So heil ist die Kochwelt dann doch nicht.

  4. Köche sind in den meisten Fällen GsD keine Künstler. Es sind fast immer solide, ehrliche Handwerker(innen) und das ist auch gut so.Diese Spinnereien (Molekularküche) sind sinnlos

    • Hoeckt
    • 22.03.2010 um 13:19 Uhr

    Mir kommt ein furchtbarer Verdacht: Mit diesem Beitrag möchte uns S. darauf vorbereiten, dass er seine Rezeptideen, seit nunmehr 40 (?) Jahren in der Zeit veröffentlicht, nun offiziell recyclen möchte. Einmal habe ich ihn schon erwischt, als er seine Trippes al a Nicoise nach Portugal "verlegt" hat. Wenn er nun alles noch einmal aufbereitet, ist das für uns Leser sicher nicht sehr amüsant.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... ist die seit nunmehr Jahren andauernde Selbstdemontage eines einstmals ganz Großen schon geraume Zeit nicht mehr amüsant, sondern höchsten noch Anlaß zu wöchentlichem Fremdschämen. Es ist eine Schande, daß die Redaktionen von ZEIT und Feinschmecker diesem autodestruktiven Tun Vorschub leisten und dem je länger, desto mehr am Biedenkopf-Syndrom leidenden W.S. nicht endlich aus der Schußlinie nehmen – zu "sagen" hat er ausweislich seiner jüngeren Opera schon lange eher wenig.

    ... ist die seit nunmehr Jahren andauernde Selbstdemontage eines einstmals ganz Großen schon geraume Zeit nicht mehr amüsant, sondern höchsten noch Anlaß zu wöchentlichem Fremdschämen. Es ist eine Schande, daß die Redaktionen von ZEIT und Feinschmecker diesem autodestruktiven Tun Vorschub leisten und dem je länger, desto mehr am Biedenkopf-Syndrom leidenden W.S. nicht endlich aus der Schußlinie nehmen – zu "sagen" hat er ausweislich seiner jüngeren Opera schon lange eher wenig.

  5. Ich habe noch nie von einem 5-Sterne Koch, wohl aber von einem 5-Sterne Hotel gehört. Können SIe mir weiterhelfen?

  6. eine selbst gemachte Brühe bleibt eine Brühe bleibt eine Brühe

    Also her mit Ihren neuen Rezepten Sie Held.

    schlechtreden kann jeder

  7. ... ist die seit nunmehr Jahren andauernde Selbstdemontage eines einstmals ganz Großen schon geraume Zeit nicht mehr amüsant, sondern höchsten noch Anlaß zu wöchentlichem Fremdschämen. Es ist eine Schande, daß die Redaktionen von ZEIT und Feinschmecker diesem autodestruktiven Tun Vorschub leisten und dem je länger, desto mehr am Biedenkopf-Syndrom leidenden W.S. nicht endlich aus der Schußlinie nehmen – zu "sagen" hat er ausweislich seiner jüngeren Opera schon lange eher wenig.

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