Tagebücher Alibi der Wirrköpfe oder Heimat der Wahrhaftigen?

Im Frühjahr der Tagebücher: Martin Walser, Max Frisch, Susan Sontag und Roland Barthes schreiben nieder, was sie bewegt. Ist es deshalb auch wahr? Zu einem besonderen Genre und einer besonderen Ausgabe von ZEITLiteratur

Notizen, Reflexionen und literarische Skizzen finden sich in Schriftstellertagebüchern

Notizen, Reflexionen und literarische Skizzen finden sich in Schriftstellertagebüchern

Das Grün bricht aus den Zweigen, und das Tagebuch bricht sich Bahn. In diesem Frühjahr beherrscht es die literarische Szene: Von Martin Walser erscheinen die Tagebücher aus den Siebzigern, von Susan Sontag die Notizbücher 1947 bis 1963, von Roland Barthes das Tagebuch über den Tod der Mutter, von Clemens Meyer sein Tagebuch des Jahres 2009. Wir stellen sie in Rezensionen vor, wir drucken Auszüge aus den Entwürfen zu einem dritten Tagebuch von Max Frisch aus den Jahren 1982/83. Und schließlich antworten acht Schriftsteller auf unsere Umfrage, was das Tagebuch für sie bedeutet.

Aber was bedeutet es, das Tagebuch? »Ich beginne ein Unternehmen«, so lautet der Anfang der Bekenntnisse (1712) von Jean-Jacques Rousseau, »welches beispiellos dasteht und bei dem ich keinen Nachahmer finden werde. Ich will der Welt einen Menschen in seiner ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich selber sein.« Ein solcher Vorsatz weckt unsere Neugier, verspricht er doch die unverhüllte Wahrheit, im Gegensatz zur Poesie und ihrer schönen Täuschung. Das Tagebuch gilt als der Ort des Authentischen, in ihm, so glauben wir, offenbare sich das wahre Leben. Deshalb wird es oft mit dem Zusatz »intim« versehen. Der Tagebuchschreiber begibt sich in den Schutz eines privaten Raums, um dort, unbehindert von Rücksichten, seine wahren Gefühle niederzuschreiben. Und deshalb sind Tagebücher von der Aura eines Geheimnisses umgeben, das mit ihrer Veröffentlichung endlich gelüftet wird. Hier, anders als in der zur Kunst gewordenen Form, wollen wir erfahren, was wirklich der Fall gewesen ist. Ist das so? Am 26. September 1990 notiert Peter Rühmkorf (es treten auf die Schriftsteller Jürg Laederach und Ben Witter, von der ZEIT ihr Chefredakteur Theo Sommer sowie ihr Verleger Gerd Bucerius und die neue Magazin-Chefin Marie Hüllenkremer):

Anzeige

»Empfang ZEIT - Magazin. Paar alte Marokkobröckel in neues Gras gebettet, was früher unwiderstehliches Hebewerk war, heute half es mir grad in die Stiefel. Mindestens 3 x das Hemd gewechselt, weil mein Spiegelbild mich unter Einfluß allzu verwegen ansah, schließlich in Schwarzweiß als Geistlicher aus dem Haus. Im Zweifelsfall dann zügig als Geist verdunsten können. Empfang in Kunsthalle, aber zog den Mantel gar nicht erst aus und blieb im Zubringer hängen. Theo Sommers martialische Erfolgs-Metaphorik (hier spricht das Cockpit), Bucerius’ selbstgefällige Diminutive (wer sich selbst erniedrigt, der will erhöhet werden), dann die neue Magazinchefin Hüllenschäufel o.ä. mit dem zu erwartenden Quoten-Humor (Bitte um mehr weibliche Suchkandidatinnen bei Tratschkes ›Wer war’s?‹), alles nicht von dem Stoff, um mein klammes Puppeninneres zu erwärmen. Greiner vorbei – passantisches Geschäker – keine Glaubenssachen. Laederach, misanthropisch bekleistert und blicklos meinem Gruß ausweichend. Schließlich Ben Witter, der alte Krankbeter: ›Du siehst bleich aus! – bleicher als sonst!‹ und fixierte mich irrenärztlich, bis ich mich ennuyiert vom Tisch abstieß und dem Ausgang zudümpelte.«

Dieser Empfang, der sonst wohl längst vergessen wäre, ist hiermit der Nachwelt überliefert, aber nicht als Medienereignis, sondern als Selbstporträt Rühmkorfs, der sein Lampenfieber (was ziehe ich an?) und seine Empfindlichkeit (warum grüßt mich Laederach nicht?) ganz offen ausstellt, bis hin zu dem plastischen Bild vom »klammen Puppeninneren«. Zugleich wird dieses Selbstporträt in ein ironisches Licht gerückt: Der Dichter zeigt sich uns wie auf einer Bühne, wie der Darsteller seiner selbst (»als Geistlicher aus dem Haus«). Und der Schreibende beobachtet diesen Darsteller. Das Ganze ist eine subtile Inszenierung. Und dennoch: Da ich ja nun dabei war, kann ich sagen, Rühmkorf hat die Szene ziemlich gut getroffen.

Leser-Kommentare
  1. Auch ein Wirrkopf hat seine Wahrheit und kann wahrhaftig sein.
    Und ob etwas wahr ist oder nicht, wer will darüber entscheiden? Ist es schon Wahrheit, wenn einer etwas ebenso wahrnimmt und damit vielleicht für wahr nimmt wie ich, oder entscheidet erst eine qualifizierte oder auch weniger qualifizierte Mehrheit darüber, was wahr sein soll? Oder ist Wahrheit, wie ich glaube, in den meisten Fällen nur eine ungesicherte Fiktion? Und: Ist dies, was ich schreibe, bereits dadurch wahr, daß ich es glaube?

  2. Wege der Sprache kennen, die zur Wahrheit führen? Fallstricke der Sprache? Worum geht es da genau?
    Und wieso kann wahrheit immer nur allgemein sein, zählen zutiefst persönliche Wahrheiten denn nicht? Muss immer alles, was den Wahrheitsstatus beansprucht, universell sein?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service