Martensteins Tagebuch Soll ich mich beschweren? – Ach, forget it

Zehn Tage lang hat unser Kolumnist Tagebuch geführt: Ein Protokoll über Bischöfin Käßmann, Stasi, RAF und SS, über Gangsterautos, Schwarzarbeit und Internetprobleme. Plus: Beantwortung der Frage, wie viele Zigaretten geraucht werden müssen, bis ein Artikel fertig wird

Tagebuch schreiben, nichts Lustiges mehr. "Klingt verlockend", dachte sich Harald Martenstein

Tagebuch schreiben, nichts Lustiges mehr. "Klingt verlockend", dachte sich Harald Martenstein

Mittwoch, 17. Februar

Warum soll ausgerechnet ich Tagebuch führen? Ich beute doch sowieso schon mein ganzes Leben aus, das ist alles Stoff. Ich schreibe sowieso zu viel.

Was ist das für eine literarische Form? Eine pseudointime, letzten Endes veröffentlichen sie ja dann doch alle ihre Tagebücher. Da wird man die ganz großen Schweinereien und die Peinlichkeiten wohl aussparen. Ein ehrliches Tagebuch würde ich gern lesen, schreiben möchte ich es nicht unbedingt.

Man belügt sich auch selber ganz gern, man macht sich Illusionen, man ist selbstgerecht. Muss man das auch noch aufschreiben?

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Im Gegensatz zur Kolumne braucht man keine Pointe, kein Kreis muss sich schließen, es gibt keine formalen Vorgaben. Das immerhin.

Wie lange werde ich das überhaupt noch machen? A. sagt, dass ich jetzt ein paar Jahre lang nur noch Reportagen, Essays und literarische Texte veröffentlichen soll. Das Kolumnenzeug ganz lassen. Nichts Lustiges mehr. Klingt verlockend. Aber Roy Black hat ja auch immer weitergesungen.

Vielleicht hängt meine Negativstimmung mit der Berlinale zusammen, jeden Tag ein oder zwei lockere Texte, man kann niemandem, der das nicht kennt, begreiflich machen, wie sehr das auslaugt. Man hasst und liebt das wahrscheinlich auf die gleiche Weise, auf die ein Kumpel das Bergwerk hasst und liebt. Und dabei noch ein schlechtes Gewissen zu haben, weil andere viel mehr produzieren und man doch eigentlich, objektiv betrachtet, ein prima Leben hat. Vier, fünf Stunden am Schreibtisch, hey, mehr isses doch nicht, bloß dass die Energie abends nur noch zum Schlafen und zum Trinken reicht. War bei Roy Black sicher ähnlich.

Donnerstag, 18. Februar

Jud Süß von Oskar Roehler. Wurde beim Festival ausgebuht. Nach Inglourious Basterds geht so was gar nicht mehr – diese Naziklischeechargen, die böse mit den Augen rollen. Entweder macht man das richtig und macht das Klischee als Klischee kenntlich, wie Tarantino, oder man zeigt echte Menschen.

Dieser billige Pseudomoralismus solcher Filme. Leute, die in gestreiften Häftlingskostümen vor einem Ortsschild »Auschwitz« ihre eigenen Gräber ausheben müssen. Und zufällig kommt natürlich ein Ufa-Schauspieler, die Hauptfigur, spazieren gehend vorbei. Aus dramaturgischen Gründen. Damit man seine Verdrängungsleistung irgendwie ins Bild kriegt.

Ich würde gerne mal Leuten wie meinem Opa im Kino begegnen. Sympathischen, gutherzigen Leuten, keinen Monstern, die von Hitler begeistert sind, weil sie glauben, dass er ihnen ihre Würde zurückgibt. Bis 1939 war das noch eine Diktatur wie andere auch, dass »Auschwitz« kommt, konnte man 1939 tatsächlich nicht ahnen, so etwas hatte es ja noch nie gegeben (einerseits war der Nationalsozialismus »historisch einmalig«, andererseits soll jeder in der Lage gewesen sein, ihn von Anfang an zu durchschauen).

Ich habe in den Siebzigern so viele gekannt, die dafür waren, aus politischen Gründen Leute umzulegen. Das war eine völlig normale Position – revolutionäre Gewalt! Lenin! Ansonsten: nette Leute, Freunde. Hätten sie’s auch gemacht? Einige bestimmt.

Mir tun bei so etwas immer die Schauspieler leid, vor allem Martina Gedeck. So eine Sexszene, Intimität, Entblößung, in einem Scheißfilm, das muss wehtun.

Online haben sie die Radfahrerkolumne herausgenommen. Soll ich mich beschweren? Da ist ein Text mal ein bisschen kontrovers, und er wird, natürlich ohne dem Autor etwas zu sagen, aus dem Netz genommen. P. sagt, ich dürfe mir das nicht gefallen lassen, jeder merke außerdem, dass in der Abfolge der Kolumnen eine Lücke klafft, jeder frage sich: Wieso? Hat er zum Umsturz aufgerufen? Aber ich bin zu müde. Nächste Woche beschwere ich mich bei der ganzen Welt.

Leser-Kommentare
    • saurau
    • 19.03.2010 um 17:14 Uhr

    Ich bin begeistert von Ihrem Tagebuch, Herr Martenstein. Kaum mehr und nicht weniger.

  1. Das ist ja schrecklich, wenn Herr Martenstein
    im "ernsthaften" brainstorming zeigt, was er eigentlich so denkt. So zutiefst banales neubürgerliches Ressentiment. Was sich heute eigentlich die meisten sich als solche verstehenden "Gewinner" zurechtdenken, wenn sie eben nicht denken. Sowas schreibt man doch nicht in einen online-Artikel, wenn man was auf sich hält, tsts.
    Wenn Nazis in Filmen schlecht wegkommen, Empörung. "Aber Opa war doch in Ordnung!" Hingegen der gerechte Zorn gegen die unmenschliche Geschichtsverklittung all dieser DDR-Nostalgiker, 68er und anderen Chaoten. Ist doch Sonnenklar: Stasi war gleich SS. Den Ausgang von WWII hätte damals doch niemand überschauen können bei der liebreizenden Nazipropaganda und "Mein Kampf" als Pflichtlektüre. Aber damals, die Revoluzzer in der 60ern. Die hätten doch auch im Grunde das gleiche gemacht, hätte man sie gelassen. Sonnenklar!

    Geht "bürgerlich" eigentlich auch ohne solche perspektivischen Verzerrungen? Mal eben ein Feindbild als Popanz aufbauen und nur noch das eigene "Lager" pushen? Und dann immer wieder verkappt Geschichtsrevisionismus. Wozu eigentlich?

    Martenstein, bleiben Sie mal lieber lustig, geben Sie sich als Clown. In der Form fällt nicht so auf, was man zurecht unsympathisch finden kann. Unsympathisch geht für Diktatoren, für Wirtschaftskolumnisten, aber nicht für Satiriker. Sie sind doch gar nicht SOOO unsympathisch, oder? Fassen Sie sich doch "kognitiv-perzeptiv" mal wieder an die eigene Nase...

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    • 19.03.2010 um 18:47 Uhr

    Endlich ein authentischer Martenstein...

    zum Quatsch-Thema "Wurstform": wir sind alle nur kleine Würstchen.. uch Sie Marsfeld (kann ich als Marsianer beurteilen...) und hat man das mal akzeptiert, geht alles gleich viel viel leichter.
    Statt weiterhin auf Teufel komm raus witzig zu sein - das ist sicher anstrengend und trägt zum frust des M. bei - einfach mal loslassen und das Innere nach aussen abbilden, wie hier im Tagebuch. Das Selbst ist doch wesentlich interessanter als das Möchtesein!

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    • 19.03.2010 um 18:47 Uhr

    Endlich ein authentischer Martenstein...

    zum Quatsch-Thema "Wurstform": wir sind alle nur kleine Würstchen.. uch Sie Marsfeld (kann ich als Marsianer beurteilen...) und hat man das mal akzeptiert, geht alles gleich viel viel leichter.
    Statt weiterhin auf Teufel komm raus witzig zu sein - das ist sicher anstrengend und trägt zum frust des M. bei - einfach mal loslassen und das Innere nach aussen abbilden, wie hier im Tagebuch. Das Selbst ist doch wesentlich interessanter als das Möchtesein!

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    • 19.03.2010 um 18:47 Uhr

    Endlich ein authentischer Martenstein...

    zum Quatsch-Thema "Wurstform": wir sind alle nur kleine Würstchen.. uch Sie Marsfeld (kann ich als Marsianer beurteilen...) und hat man das mal akzeptiert, geht alles gleich viel viel leichter.
    Statt weiterhin auf Teufel komm raus witzig zu sein - das ist sicher anstrengend und trägt zum frust des M. bei - einfach mal loslassen und das Innere nach aussen abbilden, wie hier im Tagebuch. Das Selbst ist doch wesentlich interessanter als das Möchtesein!

    Antwort auf "Wurststorming"
  2. Naja, mein Opa war nicht in Ordnung, der war auch nach 45 noch ein Ar...loch!

  3. Hallo Herr Martenstein,

    ich lese Ihre Kolumnen ja ansonsten immer sehr gern, aber hier ist mir doch etwas sauer aufgestoßen: "Der größte Teil der Steuern fließt in den Schuldendienst."

    Das ist so nicht richtig, und wird auch nicht richtiger, wenn es in der Presse und anderswo in der Öffentlichkeit immer gern und oft wiederholt wird. Natürlich sind die Aufwendungen für die Zinszahlungen groß, aber erstens fällt der größte Teil des Bundeshaushalts dem Ressort Arbeit und Soziales zu, und hinter den Schulden stecken ja Investitionen aus früheren Zeiten (die sich inzwischen hoffentlich besser rentiert haben als die heutigen Zinsen), die besonderen Lasten der Deutschen Einheit und eine langfristig unkluge, weil prozyklische Konjunkturpolitik in der Vergangenheit.

    Wenn man an Westerwelles Kritik der Verhältnisse etwas richtig finden kann, dann nur, dass die Rolle des Steuerzahlers öffentlich als zu gering bewertet wird. Peter Bofinger schlägt in seinem Buch "Ist der Markt noch zu retten?" dazu vor, jedem Steuerzahler eine jährliche Abrechnung über die Verwendung seiner Steuern zu schicken, das halte ich auch für eine gute Idee. Alles andere ist reiner Populismus auf FDP- Niveau und bar jeder Kenntnis der realen Verhältnisse. Die Steuerlast ist im historischen und internationalen Vergleich nicht zu hoch, viel eher die Höhe der Abgaben, insbesondere im Gesundheitswesen.

    Wenn es Sie interessiert, schauen Sie doch mal bei den Kollegen vom Herdentrieb rein, die kennen sich da aus.

  4. "Ehrlichkeit muss man sich leisten können, der sozialdemokratische Staat hat Ehrlichkeit zu einem Privileg der Besserverdienenden gemacht."

    Die Verbindung aus "sozialdemokratisch" und "besserverdienend" gefällt mir. Hier wird ein Problem in drei Sätzen eines Tagebucheintrags den Punkt gebracht. Wobei zusätzlich zur Schwarzarbeit in Deutschland ja auch Selberwurschteln gross in Mode ist. Ich glaube, nirgends auf der Welt gibt es mehr Mitnahmemöbelmärkte, Baumärkte und Autoteileläden...

    Da mir leider keine ähnlich kurz gefasste Lösung dieses Problems einfällt, gehe ich jetzt erstmal wieder mein Auto reparieren :-)

  5. Sicherlich gibt es viele "Ost"algiker, die schon damals nur um einen Vorteil gerungen haben. Aber das MfS mit der SS zu vergleichen ist widerlich und ein Schlag ins Gesicht eines jeden Opfers der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Ich kann mich nicht entsinnen, dass die Staatssicherheit Exikutionen veranlasst hat und hunderttausendfach mordete, vertrieb und vergewaltigte. Die RAF in diesen Vergleich heranzuziehen ist vollkommen zusammenhangslos und Ihre Thesen zeugen doch eher von einem gut eindoktrinierten Antikommunismus. Manchmal schmerzt es, sich mit geschichtlichen Wahrheiten und Zusammenhängen auseinander zu setzen, aber der "AHA"-Effekt wirkt wahre Wunder. Wenn Sie schon vergleichen wollen, dann denken Sie mal über diese Schlussfolgerung nach:

    Sowohl im Dritten Reich, in der DDR und Westdeutschland, sowie der heutigen BRD gibt es immer Menschen die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Es waren jene Menschen die unter Adolf Hitler Sturmbannführer waren, welche unter Adenauer zu hohen Ämtern gelangten und es waren jene Menschen die nach ihrer überaus erfolgreichen SED-Karriere als erstes in die CDU wechselten und "Unrechtsstaat" schrien.

    Denken Sie darüber mal nach, bevor Sie sinnentleerte Stammtischparolen in Ihr öffentliches Tagebuch schreiben und RAF, MfS und SS auf eine Stufe setzen. Alle drei Gruppierungen sind bitte schön in ihrem Wirken auseinander zu halten!

  6. Sie reden aber schon ein wenig Unsinn. Oder wollen Sie absichtlich missverstehen? Das ist eine Art Tagebuch, da darf alles rein. Das erstens.
    Und wenn man mitten in der Sache steckt, fällt einem der Überblick schon schwer. Man müsste ein Machiavelli sein, um wie Tucholski zu erahnen, was von den Hitlerschen noch alles kommen sollte. Das zweitens.
    Und wenn ich mir die Lottozahlen von Lotto am Samstag am Sonntag anschau, dann denk ich auch: Das sind ja alles Zahlen zwischen 1 und 49, das wär ein leichtes gewesen darauf zu kommen! Dennoch bin ich komischerweise kein Lottomio.-när. Das drittens.
    Und mit welchen hehren menschlichen Ansprüchen laufen Sie denn? Und wohin? Seien Sie ehrlich. Das viertens.

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