Der deutsche Schriftsteller Helmut Krausser

Wenn der Ich-Erzähler in Helmut Kraussers Tagebüchern aus den Jahren 1992 bis 2004 ein Motto-T-Shirt tragen würde, dann stünde darauf: »Eure geistige Armut kotzt mich an«. Egal ob Botho Strauß oder Slavoj Žižek, ob Adorno oder Goethe, ob Thomas Bernhard oder Michel Houellebecq – er findet alle »scheiße«. Leider erachtet er die Leser seiner Tagebücher aber nicht wert, dass er ihnen auch nur an einer einzigen Stelle erklären würde, warum. So bleiben die Tagebücher immer da, wo sich interessante Klüfte auftun könnten, inhaltliche Abgrenzungen oder sprachliche Verdammungen im puren, kläffenden Ressentiment stecken. Ein einziges Mal, als er auf drei Seiten einen Satz von Kafka auseinandernimmt und redigiert und verbessert, scheint auf, wieso im begründeten Denkmalsturz eine eigene Größe gewonnen werden kann. Ansonsten: »Alle fünf Goethe-Gedichte scheiße« beziehungsweise »Sachen von Prada sehen so scheiße aus«. Die größten Flüche stößt Krausser allerdings alle paar Seiten auf die Literaturkritik aus – vor allem, weil sie sein Genie nicht erkennt, aber auch grundsätzlich: »Deshalb bin ich ja auch der Künstler und du nur ein popliger Redakteur«, schreibt er allen gewesenen und künftigen Kritikern seiner Werke ins Stammbuch. Helmut Krausser, so spürt man auf jeder zweiten Seite, will also von der Literaturkritik gehasst werden, um sein Selbstbild als verkanntes Genie nicht infrage stellen zu müssen. Wir haben uns deshalb bemüht, ihn ins Herz zu schließen. Sein Tagebuch mögen zu wollen. Damit er endlich mit dieser nervtötenden Noli-me-tangere-sonst-hau-ich-dir-in-die-Fresse-Pose aufhört. Und einfach weiter diese verrätselten, seltsamen, guten, schwierigen, schlechten, in jedem Fall: besonderen Bücher schreibt.

Aber es geht nicht.

Kraussers Das Beste aus den Tagebüchern ist ein Buch, das einem dazu viel zu sehr auf die Nerven geht. Und zwar gar nicht wegen all der schlechtgelaunten Vernichtungsfantasien. Sondern wegen all dem, was fehlt. Es gelingt Krausser auf erschreckende Weise, wochenlang durch Italien oder Frankreich zu reisen, ohne eine einzige strahlkräftige atmosphärische Schilderung zu notieren. Diese Sonne dreht sich so sehr um die eigene Erde, dass alles andere im Schatten bleibt. Zehn Jahre lang hat er jeweils einen Monat Tagebuch geführt – er hält das für formal revolutionär. Sein größter Wunsch ist deshalb: »Ich würde gern mal lesen, dass ich ein sehr ironiefähiger Autor bin.« Aber auch wir können ihm diesen Gefallen nicht tun. Zumindest auf den Tagebuchschreiber Krausser scheint diese Charaktereigenschaft nicht zuzutreffen – er ist stattdessen von großer Spießigkeit. Er regt sich auf über die »verfluchten Wixer, die vorne an der Kinokasse anfangen ihr Kleingeld zusammenzukratzen«, schreiende Kinder und Rucksackträger – außerdem prozessiert er empört gegen die Computerfirma, weil irgendetwas mit seinem Laptop nicht stimmt. Und das schlimmste Erlebnis auf dem Wochenmarkt in Avignon: »Auch fand sich kein Meerrettich für den Rote-Beete-Salat.« Doch dessen Schärfe fehlt leider tatsächlich den literarischen Bildern, die Krausser in seinen Tagebüchern zeichnet. Wenn er zu entscheiden habe, »welches Tandem verschwinden müsste, Joyce und Proust oder Reiser und Goscinny – die Entscheidung fiele so leicht wie eine halbe Entendaune.« Bitte wie? Warum wie eine halbe Daune? Warum vor allem ein so schwerfälliges gemästetes Wort wie »Ente«, wenn man etwas Leichtes symbolisieren will? Und vor allem: Nichts fällt langsamer zu Boden als eine Daune, dabei wollte Krausser doch offenbar gerade betonen, wie schnell er diese Entscheidung fallen könne. Da fehlt dann nicht nur der Meerrettich, sondern auch das Salz und das Öl.

Und doch: Es gibt diese Stellen in den Tagebüchern, die all das haben. Es sind jene Passagen, in denen die offenbar außergewöhnlich wunderbare Frau von Krausser mit Namen Beatrice beziehungsweise Bea auftritt. Kaum fällt ihr Name, da erhebt sich das Tagebuch sogleich zu seinen wahren Höhepunkten. Etwa hier: »Ich: Strahle ich Haltung aus? Bea: Sicher, aber welche halt.« Da fällt uns dann doch vor Erleichterung eine halbe, sehr ironiefähige Ente vom Herzen.