Ein Star. Eine Schönheit. Eine die Blicke bannende Frau, die uns erklärte, wie die Strömungen unserer Zeit zu verstehen seien, die über Schönheit, die Fotografie, über Mut und Widerstand dozierte und über den Film, die Kunst, die über Dostojewski und Borges schrieb, über Cioran, Nathalie Sarraute oder Oscar Wilde, die uns lehrte, dem Schrecken der Krankheit Krebs mit Vernunft zu begegnen und die Inszenierungen in den Bildern des Krieges zu erkennen. Eine Intellektuelle. Eine, die mit Frauen lebte. Lesbe. Aber Homosexualität war eines der wenigen Themen, die Susan Sontag nicht an den Hörnern packte und aus dem Wabern der gesellschaftlichen Tabus hervorzog. Damit ist es jetzt vorbei. Vier Jahre nach ihrem Tod sind nun ihre frühen Tagebücher erschienen: intime Notizen, die mit den Ergüssen einer 14-Jährigen aus dem Jahr 1947 beginnen, von der Schulzeit erzählen, den Studienjahren in Chicago und Boston, die zu Bekenntnissen einer entnervten Ehefrau und jungen Mutter werden, die durchbrennt, nach Paris, ausbricht aus dem bürgerlich vorgezeichneten Weg, hatte sie doch mit 17 Jahren ihren Professor geheiratet, den Soziologen Philip Rieff. Sie schlägt sich nach New York durch, wo eine neue Epoche im Begriff ist, sich zu formen, die Sixties Gestalt annehmen nicht zuletzt in ihr, in Susan Sontag. Glamouröses Girl der Szene. Die an der Seite Andy Warhols auf Partys fotografiert wurde. Oder war es umgekehrt?

Ein Enthüllungscoup, die Veröffentlichung dieser Tagebücher. Der Herausgeber verspricht nicht weniger als die Wahrheit über das Leben der Susan Sontag. Der Herausgeber ist David Rieff, und David Rieff ist der Sohn von Susan Sontag, und es ist ein wenig so, als sei nun die Mutter das Produkt ihres Sohnes – er präsentiert die Frau hinter dem Glamour. »Du weißt, wo die Tagebücher sind«, habe ihm seine Mutter auf dem Totenbett zugeflüstert. Er wusste. Über 100 kleine Bände. Verborgen im Innersten ihres Schrankes, versteckt in einer Höhle der Intimität, ein Schatz, den er gehoben hat, gesichtet, ans Licht der Öffentlichkeit gebracht, in hohen Auflagen nun verbreitet, was keinesfalls für die Öffentlichkeit geschrieben wurde, von der Mutter mit Sorgfalt verborgen wurde, selbst vor engen Freunden, und nun, von ihm, dem Sohn, für alle aufgeblättert wird.

»Du weißt, wo die Tagebücher sind.« War es das, was sie wollte? Nicht möglich, zu wissen, was Susan Sontag gewollt hätte. Alle Schriften waren an die University of California in Los Angeles verkauft. »Du weißt, wo die Tagebücher sind«, war das ein Flehen, sie vor der Übergabe schnell beiseitezuschaffen? Dann wäre Veröffentlichung ein Verrat. Oder vielleicht doch etwas, das Susan Sontag sich heimlich gewünscht hat, hätte sie nicht sonst ihre Tagebücher selber rechtzeitig in Sicherheit gebracht?

Der Sohn hat solche Fragen beiseitegewischt, jedenfalls für sich entschieden. Drei Bände Tagebücher sind geplant, dieses ist der erste. »Trotzdem ist mir nach wie vor nicht ganz wohl bei der Sache«, heißt es etwas kläglich im Vorwort. »Die Tagebücher als Selbstentblößung zu bezeichnen wäre eine drastische Untertreibung...« Seine Mutter sei eine Person der strengen Urteile gewesen – nach dieser Veröffentlichung werde sie nun selber beurteilt. Das klingt nicht wenig drohend, fast triumphierend. Ziemlich abgründig, diese Geschichte – und banal. »Man findet das Tagebuch in seinem Nachlaß. Seine Frau, seine Schwester, seine Kinder sind entsetzt, sie schließen das Tagebuch ein, sie fälschen es, bearbeiten es, sie schöpfen es aus, sie geben dem Geld und dem Drängen eines Verlegers nach. Das Tagebuch interessiert oder es interessiert nicht. Es wird heute oder nach hundert Jahren oder nie gelesen. Es regt zu Doktorarbeiten an, zu Sekundärliteratur, zu anderen Tagebüchern...«, so lästert der Schriftsteller Wolfgang Koeppen über das Faszinosum des veröffentlichten Tagebuchs einer Berühmtheit, zitiert bei Nicole Seifert, die sich in einer Doktorarbeit mit den Tagebüchern von Virginia Woolf, Katherine Mansfield, Sylvia Plath auseinandersetzt, die ihrerseits von den Ehemännern gefunden, redigiert, geschnitten wurden, was den Herren den Vorwurf eintrug, die Bilder ihrer Ehefrauen geprägt, verzerrt, beschnitten, kurz, vergewaltigt zu haben, keineswegs immer zu Recht (Von Tagebüchern und Trugbildern; Kadmos Verlag, Berlin 2008).

David Rieff, der Literaturkritiker, der sich gerade in so etwas wie einen hauptamtlichen Sohn einer berühmten Mutter verwandelt, hat schon einmal aus ihrem Leben viel preisgegeben. In Tod einer Untröstlichen schildert er die letzte Krebserkrankung von Susan Sontag, ihre Weigerung, das eigene Sterben zu akzeptieren, es ist die aus Ressentiment geplante Demontage einer Frau, die für ihren Geist berühmt war und nun entblößt wird in der Agonie, wie sie sprachlos, gerade sie, im Strudel der Schmerzen untergeht. Die Veröffentlichung dieses Bandes der Tagebücher setzt ein mit dem Jahr 1947 und endet im Jahr 1963, da steht sie, gerade mal 30 Jahre alt, an der Schwelle eines neuen Lebens. Ihr erster Roman ist erschienen, im kommenden Jahr wird ihr legendärer Essay Notes on Camp in dem Intellektuellenblatt Partisan Review veröffentlicht, dann ist sie berühmt. Das Buch zeigt eine Susan Sontag, bevor sie Susan Sontag wurde.

Die Lektüre ist oft quälend. Die ersten Tagebücher, die sie seit dem zwölften Lebensjahr führte, fehlen, ohne Erklärung. Das Jahr 1947 wird in einem Eintrag abgehandelt, das Jahr 1948 umfasst gerade mal zehn Seiten, und ob diese Buchseiten die Tagebücher abbilden, man erfährt es nicht. Die Texte wirken seltsam roh, bruchstückhaft, wie die New York Times irritiert schrieb, irritierend ist vor allem, dass man oft nicht weiß, ob oder wo etwas weggelassen wurde. Gelegentliche Einwürfe des Sohnes tragen aber Sorge, dass wir nicht vergessen, dass er im Tagebuch der Susan Sontag der master of ceremonies ist, der zeigt oder verbirgt. Der Text bekommt so die Anmutung einer doppelten Autorenschaft. Wenn eine Wahrheit abgebildet wird, dann liegt sie in der Dokumentation einer komplexen Mutter-Sohn-Beziehung.