Noch sind die Fäden sichtbar, die die deutsche Literatur der Gegenwart mit ihrer gerade mal eben vergangenen Geschichte verbinden. Und daher können wir auch noch jenes seltsame Schauspiel beobachten, das momentan auf diesen Fäden aufgeführt wird. Es tanzen dort Gestalten, zumeist jenseits des 80. Lebensjahres, die uns ihre Geschichte noch einmal virtuos präsentieren. Die Mission ist dabei klar: Sie wollen sich zum Herrscher über ihre Zukunft, ihr Nachleben aufschwingen – und zugleich das Hier und Jetzt wie eh und je lautstark dominieren. Denn leiser haben sie es nicht gelernt. Günter Grass organisiert seit Jahren gewohnt kraftvoll sein Nachleben in seinem eigenen Museum in Lübeck; Erinnerungen, Tagebücher, Briefe und Stasiakten erscheinen unablässig. Und während Hans Magnus Enzensberger seine Briefwechsel mit Peter Hacks und Uwe Johnson aus den Archiven herauslässt, polemisiert er als Weltbürger munter missvergnügt gegen die provinzielle Europäische Union.

Womöglich ist es ihr letzter großer Auftritt, den die begnadeten literarischen Selbstdarsteller dieser Generation aufführen, ein Gesamtkunstwerk der Gleichzeitigkeit: Geschichte werden noch zu Lebzeiten – und zugleich in der Gegenwart immer weiterleben. Es muss ein eigentümliches Gefühl sein, diesen Tanz zwischen den Zeiten zu vollführen. Im Mai 1955 hält Thomas Mann in Weimar seine große Rede zum Schiller-Gedenkjahr. Am gleichen Wochenende bekommt ein junger Rundfunkredakteur für eine Erzählung den Preis der Gruppe 47 bei deren Tagung in Berlin. Und im Januar 2010 steht er mit vielen anderen Menschen auf einem Hof im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, wo Suhrkamp, sein einstiger Verlag, feierlich ein neues Quartier neben Klamottenläden und Coffee-to-go-Shops bezieht: Martin Walser, der immer noch Buch um Buch schreibt, zuletzt die Novelle Mein Jenseits, dieser Schriftsteller Martin Walser wird Geschichte – und bleibt einer von uns.

Walser, der in wenigen Tagen seinen 83. Geburtstag feiert, gehört ebenfalls zu jenen Vergangenheitsinszenierern, die uns noch einmal vorführen wollen, wie sie wurden, was sie sind. Dafür hat er seit einigen Jahren einen speziellen Weg gewählt: Er veröffentlicht zu Lebzeiten seine – dafür naturgemäß leicht bereinigten – Tagebücher. Walter Kempowski und Peter Rühmkorf, die großen Diaristen der Bundesrepublik, haben das für ausgewählte Zeiträume ebenso getan. Und nun Walser: 2005 erschien der erste Band, der die Jahre 1951 bis 1962 umfasst; 2007 kamen dann die Tagebücher von 1963 bis 1973 heraus. Unzählige Blindbände hat Walser im Laufe der Jahrzehnte vollgeschrieben, mit Randzeichnungen und Kritzeleien versehen. Mitnichten ist dabei eine herkömmliche Lebenschronik entstanden; vielmehr sind Walsers Tagebücher ein Assoziationsraum für alles, was ihn umtreibt: Erlebnisse, Gedanken, der Literaturbetrieb, die Familie und die schwer erträglichen Kollegen, die eigenen Werke, Textentwürfe, Aphorismen, Intimes und Öffentliches. Tagebuchschreiben ist für Walser eine Übung im Schauen, Fühlen und Dafür-eine-Sprache-Finden. Impulsives "Hinschreiben" statt pedantisches "Aufschreiben": So charakterisiert er sein freies Verfahren, das ihn allerdings weniger von anderen Tagebuchschreibern unterscheidet, als er suggeriert.

Nun also präsentiert der Schriftsteller in der dritten Lieferung sein Leben zwischen 1974 und 1978. Beim Lesen dieses Bandes wird auch der größte Walser-Kenner aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Bewunderung und Fassungslosigkeit dürften sich zunächst die Waage halten angesichts der Selbstenthemmung, mit der da einer seine Haut zu Markte trägt. Einiges war man bislang vom Öffentlichkeitsarbeiter Walser gewohnt; Aufmerksamkeit zu erregen war nie das Problem des einstigen Reichsmeisters im Signalwinken bei der Marine-HJ. Doch dieses Tagebuch über seine siebziger Jahre hat eine stärkere Wirkung. Wir lernen Walser besser denn je kennen. Oder genauer gesagt: Wenn wir ihm, dem durchtriebenen Charmeur und versierten Verführer, folgen, glauben wir ihm am Ende, ihn nunmehr besser verstanden zu haben. Es ist zugleich weit mehr als "nur" ein Walser-Tagebuch oder ein anekdotensattes Kompendium zur Literaturgeschichte der siebziger Jahre. Hier werden die Leiden des Schriftstellerdaseins ausgestellt: Wann je hat man sie so präzise-minutiös studieren können wie in diesem Tagebuch?

Die siebziger Jahre sind Krisenjahre für Walser. Seit Längerem erfolglos mit seinen Büchern, gerät er, der Jungstar der Fünfziger und Sechziger, in schweres Gewässer. Politisch ist er weit nach links in DKP-Nähe gedriftet, sehr zum Verdruss seines Verlegers Siegfried Unseld, der ihm 1974 erklärt: "Da hat eben ein Teil der MW-Leser gesagt: Da machen wir nicht mehr mit. Und das sind ja jetzt immer mehr Leute, die da nicht mehr mitmachen." Walser fühlt sich als Außenseiter im Suhrkamp-Kosmos. 1975 notiert er: "Aber ich sage mir, dass ich von diesem Verlag weggehen werde, sobald ich es mir erlauben kann. Ich will in dieser Umgebung nicht bleiben. Die sollen unter sich sein. In ihrer Feierlichkeit auf Gegenseitigkeit. Eine Papiergemeinde, die sich zum Mittelpunkt der Welt erklärt." Das Verhältnis zu dem anderen schwer kriselnden Autor jener Jahre, Uwe Johnson, ist zerrüttet, auch wegen dessen "moralischem Narzissmus": "Der Clinch zwischen Uwe und mir ist jetzt ein Clinch von Zusammenbrechenden." Neid schärft ihm den Blick auf Kollegen – auf den in sich ruhenden Max Frisch ("Riesenerfolg macht ihn so elastisch. Ich bin das Gegenteil"), auf den "Chefkunstgewerbler" Enzensberger: "HME ist der eindringlichste, unwiderlegbarste, dauerhafteste Beweis, dass ein Intellektueller nie etwas ernst meint. Er meint nur immer wieder sich. Er hängt nicht sein Fähnchen nach dem Wind, sondern er ist das Fähnchen, und das hat bekanntlich keine Wahl zu wehen." Er meint nur immer wieder sich: Auch eine Selbsterkenntnis? Befreundet unter seinesgleichen fühlt er sich nur noch mit einem: "Ich finde außer Jürgen Habermas keinen mehr ganz erträglich. Mit Habermas in Amerika, das wär’s." Die Lage erscheint zunehmend ausweglos; auch das Haus kann kaum mehr finanziert werden. "Ich habe nichts anderes mehr zu tun, als das Versagen zu notieren. Aufmotzen notier ich auch. Aufmotzen und Versagen bzw. Versagen und Aufmotzen, das sind meine zwei Lebensinhalte." Der Gedanke an den Tod taucht auf; der Anblick eines Messers kann ihn auslösen: "Stundenlang, eigentlich schon den ganzen Tag von Mordgedanken, völlig ungerichteten, umhergetrieben. Dieser Druck kann sich gegen jeden richten, auch gegen mich selbst." All das könnte man noch unter Künstlerdepression oder Midlife-Crisis verbuchen. Doch was ihm dann widerfährt, steigert die Krise zum inneren Ausnahmezustand.