Durs Grünbein

Aus einem Buch der Schwächen. »Ich muss wieder Tagebuch führen. Wer nicht Buch führt über sein Leben, verblödet. Wer Buch führt, auch.«

So beginnt eine Notiz in einem der vielen Arbeitshefte, in die er, ganz diskontinuierlich und je nach Laune, seine Beobachtungen eintrug. Er würde es nicht mehr »Tagebuch« nennen, sondern lieber »verstreutes Aufschreiben«, seit er sich einmal, es ist lange her, sehr ausführlich dieser Übung unterworfen hatte und die damit einhergehenden Pflichten als Zwang empfand. Alles daran kann einem schließlich zuwider werden: die Regelmäßigkeit (die jene der Nahrungsaufnahme, Verdauung und Ausscheidung imitiert), das Buchhalterische (als könne man die Abenteuer seiner Majestät, des Ichs, in eine stetige Geschäftsbilanz fassen), aber auch der Makel der Wichtigtuerei, des Narzissmus und der peinlichen Selbstkontrolle, der einer solchen Praxis, nahm man sie wirklich ernst, anhaftete. Die Notiz aus dem Arbeitsheft aber fuhr dann wie folgt fort:

»Ein Tagebuch? Was ist das nur wieder für eine Wunschkonstruktion? Von einem lückenlosen Rekord aller Erdentage kann ja doch niemals die Rede sein. Ganze Jahre verschwinden im selben Orkus, in dem das Bewusstsein in jeder Nacht phasenweise versinkt. Ein schwaches Flimmern nur, stark gedimmtes Licht, dringt wie von einem inneren Meeresgrund von da in die Alltagsbewusstseinswelt herauf. Das ist nicht viel, aber allein um dieses Flimmerns willen lohnt es sich, ab und zu ein Signal heraufzusenden.« Und einige Tage darauf: »Man macht seine Einträge anfallsweise, immer dann, wenn einen die Furcht vor dem gedächtnislosen Zerrinnen der Lebenszeit besonders scharf durchzuckt. Das Tagebuch ist weiter nichts als der Versuch, Schritt zu halten mit dem immer vorauseilenden Vergessen. Es ist, so gesehen, ein geradezu heroisch komisches Unterfangen, eine tägliche Übung in Vergeblichkeit.«

Dies waren so seine Überlegungen. Der einzige Schluss daraus konnte nur sein, ein Buch der Schwächen zu führen. Das wäre es: eine Anthropologie der eigenen Schwächen, zum Nutzen der Leser, die sich in ihnen wiedererkennen würden. Ein radikaler, aus Tausenden täglichen Einzelbeobachtungen zusammengesetzter Bericht von der Misslichkeit des eigenen Seins. Eines Tages ereilte ihn die Einsicht, dass im Grunde nur mit den Schwächen zu rechnen war, mit denen der Mensch als Mensch überreichlich ausgestattet ist. Die Schwächen sind, mit einer gewissen Leidenschaft und Sympathie betrachtet, sein wahrer Reichtum. Sie sind das Kapital des Künstlers. Der Sinn des Tagebuchschreibens konnte also darin bestehen, in immer neuen Anekdoten Rechenschaft zu geben von den eigenen Schwächen, Unfällen und Fehlern.

Hier ein Beispiel (Tagebuchnotiz 8. Dezember 2008): »Gestern habe ich mich mit dem Fahrrad hingelegt, beinah Rippenbruch, nur wenige Meter von der großen goldenen Synagoge in der Oranienburger Straße entfernt. Bin in die Straßenbahnschienen geraten, beim Linksabbiegen in die Tucholskystraße, ein entgegenkommender Reisebus war zum Glück mit sightseeing beschäftigt und fuhr daher Schritt. Der Lenker blockierte, ich schlug hin und kam mit der linken Schläfe auf, die Brille flog weit davon. Sekundenlang war mir, als müsste ich mich dort, mitten auf der Kreuzung, schlafen legen, so müde und verzagt machte der Sturz (und dies am Vormittag). Ein Schutzengel tat offenbar Dienst in der Nähe. Er sah meinen Schwächeanfall und hielt für Momente den Verkehr auf. Mehrere Leute erkundigten sich nach meinem Wohlergehen. Ein junger Mann im schwarzen Mercedes-Jeep fuhr ganz dicht heran, ließ die Scheibe heruntergleiten und ging sogar so weit, die Sonnenbrille kurz abzusetzen. Ob mir was fehle? Danke, ich bin okay. Eine Frau im Mini Cooper, vor Besorgnis weit über den Beifahrersitz gebeugt, bot an, einen Krankenwagen zu rufen. Das brachte mich sofort auf die Beine, und humpelnd räumte ich die Kreuzung.

Ungläubige Blicke: Fehlt Ihnen auch wirklich nichts? Alles in Ordnung, erwidere ich, hastig wie Kleingeld mein verstreutes Selbstbewusstsein einsammelnd. Mir war zum Heulen zumute, und dies nicht wegen des Unfalls. Gegen Abend begannen überm Herzen die Rippen zu schmerzen, als hätte ich an einer Kneipenschlägerei teilgenommen. Äußerlich nichts zu sehen, doch bei jedem tiefen Atemzug sticht es, als würden da Splitter in der Lunge stecken. Das sei ganz normal, beruhigt mich der Arzt, den ich anderntags aufsuche. Die Knochenhaut sei traumatisiert und werde es nun für ein Weilchen bleiben. Das Gewebe scheint sein eigenes Gedächtnis zu haben, das uns an unsere Stürze erinnert. Was ist daraus zu lernen? Manches, sagt der Körper, der etwas schadenfroh für bewusstere Bewegungsabläufe plädiert. Nichts, sagt der Verstand, der für alle körperlichen Fehlschläge nur Verachtung übrig hat. Pass doch auf, zischte ich mich im Weitertrotten leise an, pass doch auf, du Idiot!«

Nur wenige Tage später findet sich dann dies in den Arbeitsheften. Die Euphorie war zurückgekehrt: »Jede Lebensgeschichte gibt es nur einmal. Deshalb ist jedes Menschenleben nur auf seine eigene, unwiederbringliche Weise erzählbar. Mit dieser Überlegung geht Aurora, die Morgenröte, über den Sätzen auf.«

Durs Grünbein, Jahrgang 1962, ist Büchnerpreisträger und lebt in Berlin. Gerade ist von ihm »Die Bars von Atlantis. Eine Erkundung in vierzehn Tauchgängen« erschienen