Schriftsteller Wer bin ich, und wenn ja, wie viel schreibe ich davon auf?

Dichter erzählen uns, wie sie es mit dem Tagebuchschreiben halten. Karen Duve beichtet uns eine Ungeheuerlichkeit: Ihr Tagebuch hat sie im Garten verbrannt. Martin Mosebach hebt seine Tage ohnehin lieber in Romanen auf. Und manch einer der Befragten ist nur noch bestürzt: Über das, was er einst über sich schrieb, als er noch ein ganz anderer war

Der Dichter, Übersetzer und Essayist Durs Grünbein

Der Dichter, Übersetzer und Essayist Durs Grünbein

Durs Grünbein

Aus einem Buch der Schwächen. »Ich muss wieder Tagebuch führen. Wer nicht Buch führt über sein Leben, verblödet. Wer Buch führt, auch.«

So beginnt eine Notiz in einem der vielen Arbeitshefte, in die er, ganz diskontinuierlich und je nach Laune, seine Beobachtungen eintrug. Er würde es nicht mehr »Tagebuch« nennen, sondern lieber »verstreutes Aufschreiben«, seit er sich einmal, es ist lange her, sehr ausführlich dieser Übung unterworfen hatte und die damit einhergehenden Pflichten als Zwang empfand. Alles daran kann einem schließlich zuwider werden: die Regelmäßigkeit (die jene der Nahrungsaufnahme, Verdauung und Ausscheidung imitiert), das Buchhalterische (als könne man die Abenteuer seiner Majestät, des Ichs, in eine stetige Geschäftsbilanz fassen), aber auch der Makel der Wichtigtuerei, des Narzissmus und der peinlichen Selbstkontrolle, der einer solchen Praxis, nahm man sie wirklich ernst, anhaftete. Die Notiz aus dem Arbeitsheft aber fuhr dann wie folgt fort:

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»Ein Tagebuch? Was ist das nur wieder für eine Wunschkonstruktion? Von einem lückenlosen Rekord aller Erdentage kann ja doch niemals die Rede sein. Ganze Jahre verschwinden im selben Orkus, in dem das Bewusstsein in jeder Nacht phasenweise versinkt. Ein schwaches Flimmern nur, stark gedimmtes Licht, dringt wie von einem inneren Meeresgrund von da in die Alltagsbewusstseinswelt herauf. Das ist nicht viel, aber allein um dieses Flimmerns willen lohnt es sich, ab und zu ein Signal heraufzusenden.« Und einige Tage darauf: »Man macht seine Einträge anfallsweise, immer dann, wenn einen die Furcht vor dem gedächtnislosen Zerrinnen der Lebenszeit besonders scharf durchzuckt. Das Tagebuch ist weiter nichts als der Versuch, Schritt zu halten mit dem immer vorauseilenden Vergessen. Es ist, so gesehen, ein geradezu heroisch komisches Unterfangen, eine tägliche Übung in Vergeblichkeit.«

Dies waren so seine Überlegungen. Der einzige Schluss daraus konnte nur sein, ein Buch der Schwächen zu führen. Das wäre es: eine Anthropologie der eigenen Schwächen, zum Nutzen der Leser, die sich in ihnen wiedererkennen würden. Ein radikaler, aus Tausenden täglichen Einzelbeobachtungen zusammengesetzter Bericht von der Misslichkeit des eigenen Seins. Eines Tages ereilte ihn die Einsicht, dass im Grunde nur mit den Schwächen zu rechnen war, mit denen der Mensch als Mensch überreichlich ausgestattet ist. Die Schwächen sind, mit einer gewissen Leidenschaft und Sympathie betrachtet, sein wahrer Reichtum. Sie sind das Kapital des Künstlers. Der Sinn des Tagebuchschreibens konnte also darin bestehen, in immer neuen Anekdoten Rechenschaft zu geben von den eigenen Schwächen, Unfällen und Fehlern.

Hier ein Beispiel (Tagebuchnotiz 8. Dezember 2008): »Gestern habe ich mich mit dem Fahrrad hingelegt, beinah Rippenbruch, nur wenige Meter von der großen goldenen Synagoge in der Oranienburger Straße entfernt. Bin in die Straßenbahnschienen geraten, beim Linksabbiegen in die Tucholskystraße, ein entgegenkommender Reisebus war zum Glück mit sightseeing beschäftigt und fuhr daher Schritt. Der Lenker blockierte, ich schlug hin und kam mit der linken Schläfe auf, die Brille flog weit davon. Sekundenlang war mir, als müsste ich mich dort, mitten auf der Kreuzung, schlafen legen, so müde und verzagt machte der Sturz (und dies am Vormittag). Ein Schutzengel tat offenbar Dienst in der Nähe. Er sah meinen Schwächeanfall und hielt für Momente den Verkehr auf. Mehrere Leute erkundigten sich nach meinem Wohlergehen. Ein junger Mann im schwarzen Mercedes-Jeep fuhr ganz dicht heran, ließ die Scheibe heruntergleiten und ging sogar so weit, die Sonnenbrille kurz abzusetzen. Ob mir was fehle? Danke, ich bin okay. Eine Frau im Mini Cooper, vor Besorgnis weit über den Beifahrersitz gebeugt, bot an, einen Krankenwagen zu rufen. Das brachte mich sofort auf die Beine, und humpelnd räumte ich die Kreuzung.

Ungläubige Blicke: Fehlt Ihnen auch wirklich nichts? Alles in Ordnung, erwidere ich, hastig wie Kleingeld mein verstreutes Selbstbewusstsein einsammelnd. Mir war zum Heulen zumute, und dies nicht wegen des Unfalls. Gegen Abend begannen überm Herzen die Rippen zu schmerzen, als hätte ich an einer Kneipenschlägerei teilgenommen. Äußerlich nichts zu sehen, doch bei jedem tiefen Atemzug sticht es, als würden da Splitter in der Lunge stecken. Das sei ganz normal, beruhigt mich der Arzt, den ich anderntags aufsuche. Die Knochenhaut sei traumatisiert und werde es nun für ein Weilchen bleiben. Das Gewebe scheint sein eigenes Gedächtnis zu haben, das uns an unsere Stürze erinnert. Was ist daraus zu lernen? Manches, sagt der Körper, der etwas schadenfroh für bewusstere Bewegungsabläufe plädiert. Nichts, sagt der Verstand, der für alle körperlichen Fehlschläge nur Verachtung übrig hat. Pass doch auf, zischte ich mich im Weitertrotten leise an, pass doch auf, du Idiot!«

Nur wenige Tage später findet sich dann dies in den Arbeitsheften. Die Euphorie war zurückgekehrt: »Jede Lebensgeschichte gibt es nur einmal. Deshalb ist jedes Menschenleben nur auf seine eigene, unwiederbringliche Weise erzählbar. Mit dieser Überlegung geht Aurora, die Morgenröte, über den Sätzen auf.«

Durs Grünbein, Jahrgang 1962, ist Büchnerpreisträger und lebt in Berlin. Gerade ist von ihm »Die Bars von Atlantis. Eine Erkundung in vierzehn Tauchgängen« erschienen

Karen Duve

Das Tagebuch ist eine vertrackte Angelegenheit. Bemüht man sich um Ehrlichkeit, so erfährt man mehr über sich, als einem lieb sein kann, und die schriftliche Fixierung der eigenen Unzulänglichkeit und Bedürftigkeit treibt einem die Schamesröte ins Gesicht. Beschönigt und verbessert man seine Erinnerungen und seine Motive, weil man eine posthume Veröffentlichung nicht ausschließt und die Nachwelt beeindrucken will, ekelt man sich ja schon beim Schreiben.

Zwei Tagebücher habe ich bisher vernichtet, eines im Alter von zehn Jahren, eines mit Anfang zwanzig.

Das erste habe ich in heller Panik im Garten meiner Eltern verbrannt, mich immer wieder umsehend, ob nicht doch noch im letzten Moment jemand herangeschlichen käme, um eine der Seiten an sich zu bringen. Das zweite habe ich in fingernagelgroße Stücke zerrissen. Die mischte ich durcheinander und verteilte sie dann auf fünf Plastiktüten, in die ich zusätzlich Abfall wie Kaffeesatz und Apfelsinenschalen füllte. Die Tüten brachte ich dann zu fünf verschiedenen Mülltonnen, wo ich sie unter anderen Tüten vergrub. Danach musste ich mir erst mal die Hände waschen.

Heute bereue ich das natürlich. Ich würde die Tagebücher gern noch einmal lesen und sie dann erst verbrennen. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich eine Episode meines Lebens, die ich in einem Roman benutzt, also für den Leser aufbereitet, also gnadenlos verfälscht habe, für ein getreues Abbild meiner Vergangenheit zu halten beginne. Dann muss ich mich selbst zur Ordnung rufen: Nein, nein, so ist es nicht gewesen. Ein Tagebuch wäre in einem solchen Moment sicher hilfreich, besonders das zweite, das ich mit Anfang zwanzig führte. Darin beschrieb ich nicht nur das Wetter, das politische Tagesgeschehen, meine körperlichen und seelischen Befindlichkeiten, meine Erlebnisse und den Inhalt der Bücher und Zeitschriften, die ich gerade las, sondern hatte zusätzlich den Ehrgeiz, jedes private Gespräch, das ich am Tag geführt hatte, in Dialogform, Wort für Wort wiederzugeben. An manchem Abend saß ich vier bis fünf Stunden über dem Tagebuch, sodass ich schließlich zu wünschen begann, der nächste Tag möge nur ja nichts Außergewöhnliches oder auch nur Erwähnenswertes für mich bereithalten, und Gespräche mied, um der Schreibtisch-Fron zu entgehen. Irgendwann fand ich, das könne ja nun auch nicht der Sinn der Sache sein, und seitdem habe ich kein Tagebuch mehr geführt.

Karen Duve, Jahrgang 1961, ist Schriftstellerin und lebt im Brandenburgischen. Zuletzt erschien ihr Roman »Taxi« (Eichborn Berlin)

Peter Kurzeck

DIE ZEIT: Herr Kurzeck, Sie wollen uns also keinen kurzen Text zum Thema Tagebuch schreiben. Sie nehmen, verstehe ich Sie richtig, generell keine Schreibaufträge entgegen, weil sie dann nämlich nicht mehr mit dem Schreiben aufhören können?

Peter Kurzeck: Ja, nach meiner Erfahrung ist es mir nicht möglich, nur zehn Sätze zu schreiben. Es entsteht immer sogleich etwas, das ich nicht mehr in der Hand habe. Dem ich sogleich verfallen bin. So wie jetzt mein 1000-Seiten-Buch. Natürlich wollte ich als vernünftiger Mensch kein 1000-Seiten-Buch schreiben, sondern ich habe einen Nebensatz für mein voriges Buch, Oktober und wer wir selbst sind, geschrieben und dann gedacht: Wenn es dir jetzt gelingen würde, einen Winter-Sonntagnachmittag-Moment, als du zwölf warst, aufzuschreiben! Und dann habe ich damit begonnen – und schon ist dieses Glücksgefühl da, dass da etwas ist, dem man nicht widerstehen kann. Und am Ende sind es 1000 Seiten. Ich wusste seit meiner Kindheit, dass ich der Schönheit nicht widerstehen kann. Das ist wunderbar, es ist aber auch beängstigend. Und so ist es auch mit dem Schreiben: Ich kann ihm nicht widerstehen.

ZEIT: Ist das auch der Grund, warum Sie kein Tagebuch führen?

Kurzeck: Ja, wenn ich Tagebuch schriebe, würde ich den Rest meines Lebens nichts anderes mehr machen können. Ich könnte am Ende gar nicht mehr aus dem Haus gehen, weil ja immer mehr Stoff dazukommt. Das geht mir jetzt schon so. Am liebsten würde ich manchmal fliehen, um diesen Prozess zu stoppen, aber die Gespenster holen einen immer ein. Ich finde es deshalb wunderbar, wenn ich ein Stipendium habe und nur das mitnehme, was zum Schreiben nötig ist – und die Gespenster brauchen dann manchmal wochenlang, bis sie einen wiederfinden, bis sie nachkommen. Wenn ich Tagebuch schriebe, könnte ich nichts anderes mehr schreiben. Ich habe aber bei meinen Büchern den Eindruck, die schulde ich wem auch immer: mir selbst oder der Welt oder den Büchern. Das heißt, ich wäre nicht berechtigt zu sagen: Diese Bücher schreibe ich jetzt nicht. Aber ich bin berechtigt zu sagen: Ich schreibe kein Tagebuch. Stattdessen habe ich diese Terminkalender, wo beispielsweise drinsteht, dass ich nächste Woche Lesungen und Rundfunkaufnahmen habe und so ein Zeug. Und da schreibe ich am Ende des Tages immer kurz dazu, wann ich aufgewacht bin, was ich gegessen habe, so die einfachsten Sachen.

ZEIT: Warum notieren Sie das?

Kurzeck: Weil es mir dann gelingt, den Tag zu rekonstruieren. Wenn ich meine Gefühle hinschreiben würde, würde ich erstens damit kein Ende finden, und es wäre zweitens nicht so genau wie diese einfachen Fakten. Da steht jetzt zum Beispiel für heute Mittag: Gehe essen in ein Restaurant. Das seltsamerweise (lacht) Bengali heißt, wo man vielleicht in der Sonne sitzen kann, obwohl es hier morgens unter null Grad sind, aber mittags wird es warm, und dann schreibe ich mir auf, was ich da gegessen habe, und hoffe, diesen Moment auch in zehn Jahren noch rekonstruieren zu können.

ZEIT: Aber warum ist es wichtig für Sie, diesen Moment in zehn Jahren zu rekonstruieren? Weil Sie das dann als Material verwenden?

Kurzeck: Nein, das verwende ich nach Möglichkeit gar nicht als Material. Ich weiß nicht. Ich schreibe es eben auf, weil ich 1985 angefangen habe, für die Lesungen diese ziemlich dicken Terminkalender zu kaufen, wo man für jeden Tag eine Seite hat. Und dann schreibe ich da halt meine Termine rein, und welche Post ich bekommen habe und wann ich aufgestanden bin. Aber ich schreibe das so schnell, dass ich meine Schrift eigentlich gar nicht mehr lesen kann. Wissen Sie, ich kann meine Handschrift sowieso nur mit Mühe lesen.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold

Peter Kurzeck, Jahrgang 1943, ist Schriftsteller und lebt in Frankfurt am Main. Zuletzt erschien von ihm »Oktober und wer wir selbst sind« (Stroemfeld Verlag)

Andreas Maier

Ich habe dreimal in meinem Leben Tagebuch geschrieben, und heute sehe ich diese völlig unterschiedlichen Abschnitte mit Entsetzen vor mir. Teils sehe ich da einen jungen Menschen (mich), der nicht einmal mehr nach Worten sucht, der gar nichts mehr ausdrücken will, sondern nur noch einen tauben Stumpfsinn beschreibt, der aus Herumliegen, Saufen und dem nicht mehr realisierten Impuls besteht, noch mit irgend einem Menschen zu sprechen. Dann aber sind da Begegnungen, urplötzlich … und es ist, als würde ein Vogel zu fliegen beginnen (meistens Begegnungen mit Mädchen natürlich), was anschließend in noch größerer Depression endet. Von außen betrachtet, ist das kompakt und hermetisch und wiederholt immer dasselbe, fast wie im Lehrbuch, geradezu analytisch. Und ich war so jung! Ein anderes Tagebuch kam durch eine Hunsrückerin zustande. Offenbar war diese Frau ein masochistischer Exzess von mir, ich muss zu dieser Zeit extrem untergangsbereit gewesen sein. Sie trieb mich auf ausgeklügelte Weise in den Wahnsinn, wirklich virtuos, und in unerhörtem Tempo. Übrigens sprach sie Dialekt und redete immerfort von einem Buch, das sie einstmals zu Hause im Hunsrück geschrieben habe, es hieß Stimmen aus dem Nichts.

Wenn ich das Tagebuch heute lese, schlage ich mir stets begeistert auf die Schenkel, es spielt ja dazu alles noch an der Frankfurter Universität zu einer Zeit, als es das Wort Bachelor noch gar nicht gab, sondern wir uns alle schon seit Jahren in endlos langen Studiengängen verloren hatten. Hans-Castorp-Existenzen. Dann gibt es noch ein grünes Tagebuch. (Die anderen beiden sind schwarz gewesen.) Es ist das schockierendste überhaupt. Es zeigt nämlich einen völlig aufgeräumten Menschen. Da bin ich 25, habe gerade mein Studienfach gewechselt und bin ausschließlich von Latein und Griechisch umgeben. Ich trinke kaum, dazu übe ich in diesen Jahren auch noch höllisch schwere Gitarrenliteratur. Das klingt dann so: »23.3.: 8.00 Aufstehen, bis 10.00 Dativ, anschließend Lukrez, 3. Buch Vers 200–380. Nachmittags Platon, dann von 16.00 bis 17.30 Kausalsätze, dann Britten.« Abends schreibe ich dann an irgend einer Erzählung oder lese Thomas Manns Josephsbücher. Das geht so tagein, tagaus. Zudem habe ich in dieser Zeit auch noch eine Unzahl Freunde. Auch solche Jahre gab es. Unglaublich!

Wenn ich diese drei Tagebücher – jeweils nur einige Monate – nebeneinanderhalte, dann sage ich mir immer zutiefst erschrocken, das alles bist ja du! Nicht linear, wie es die Zeit vorgaukelt. Sondern insgesamt. Dann bin ich regelmäßig beängstigt, weil alles das eigentlich unter überhaupt keinen Hut zusammenzubringen ist. Und so laufe ich durch die Welt.

Andreas Maier, Jahrgang 1967, lebt in Frankfurt am Main. Im vergangenen Jahr erschien sein Roman »Sanssouci« (Suhrkamp Verlag)

Brigitte Kronauer

Mit vierzehn und fünfzehn Jahren habe ich es versucht, allerdings die dekorative Kladde mit der einladenden Aufschrift Tagebuch jeweils nach einer Woche, von mir selbst gelangweilt, weggelegt. Faulheit? Inkonsequenz? Mangelnder Bekenntnisdrang? Schon damals schrieb ich wohl lieber gleich Geschichten oder notierte Einfälle dazu. »Ich blätterte nur selten, vielleicht zufällig alle paar Jahre einmal, rückwärts, und es blieb auch dann nur bei einem starken Missbehagen, von meinem Standpunkt aus schien ich mir nicht echt«, gestand sich Hans Erich Nossack ein, wenige Monate nachdem seine fast dreißig Jahre lang kontinuierlich geführten Tagebücher bei den Luftangriffen auf Hamburg verbrannt waren – und setzte trotz prinzipieller Skepsis gegenüber der Möglichkeit und seinem dringenden Wunsch, wenigstens hier »authentisch« zu sein, mit dieser Bemerkung die Gewohnheit vieler seiner großen Kollegen dann jahrzehntelang, teilweise exzellent, fort!

Sein Misstrauen teile ich, seine unverwüstliche Leidenschaft für das Journalschreiben nicht. »Echt« kann ein Autor nur durch entschiedene Form sein. Ist ein Text aber gut formuliert, zweifle ich an seiner ungeschützten Direktheit, um die es ja beim Tagebuch, laut Aura, gehen soll. Aber auch die anarchische Pose der Unmittelbarkeit, der stammelnde Gestus des Spontanen überzeugen mich nicht. Dann ist es besser, gar nicht erst auf unbedingte autobiografische Wahrhaftigkeit zu reflektieren. Fehlt nämlich aus lauter Redlichsein und -tun die stilistische Präzision, wird’s für andere schnell fade. Für andere? Man mache sich nichts vor: Schriftsteller hoffen, wenn sie »ganz für sich« über ihre Tagesverläufe berichten, nicht nur auf Selbsterforschung, sondern auf das Literaturarchiv Marbach und ein lüsternes Publikum. Für mich gilt nach wie vor: Notizen für aktuelle oder spätere Texte massenhaft, manchmal datiert und generell rund um die Uhr. Ansonsten besteht kein zusätzlicher Verbalisierungsdrang. Die innere Wortlosigkeit ist eine notwendige, krafterzeugende Pause beim Schreiben. Sie gelingt am besten beim Spazierengehen, Zettel und Stift natürlich immer dabei.

Brigitte Kronauer, Jahrgang 1940, ist Büchnerpreis-Trägerin. Im vergangenen Herbst erschien von ihr der Roman »Zwei schwarze Jäger« (Klett-Cotta Verlag)

Martin Mosebach

Bei meiner letzten Begegnung mit Walter Kempowski fragte mich der große Mann: »Führen Sie ein Tagebuch?«, und als ich das verneinte, wurde er streng. »Lassen Sie mal lieber das Romaneschreiben, und fangen Sie sofort mit dem Tagebuch an – Tagebuch muss sein!«

Das Wort Kempowskis hat Gewicht, ich schiebe es nicht leichtfertig zur Seite. Ist es nicht tatsächlich eine geradezu unsittliche Verschwendung der Lebensfülle, die unübersehbare Zahl von Ereignissen und Gedanken, von Gesprächen und Eindrücken, Fundstücken und Erfindungen, die jedenfalls den Alltag eines zur Wahrnehmung trainierten Menschen ausmachen, einfach verrauschen und versinken zu lassen, ohne wenigstens einen kleinen Teil davon schriftlich fixiert zu haben? Kann gerade der Schriftsteller es sich überhaupt leisten, seine Arbeit nur mit dem wenigen zu bestreiten, was im großmaschigen Netz des Gedächtnisses hängen bleibt – auch Gedächtniskünstler werden bestätigen, dass es nicht ungefährlich ist, der Zuverlässigkeit der Erinnerung zu vertrauen. Und kennt man nicht die Tagebücher der diaristischen Genies, die im Leser größere Teilnahme erregen als jeder Roman? Sehr gute Argumente muss ich da bemühen, um meinen tiefen Widerwillen gegen das Tagebuchschreiben einigermaßen würdig zu bemänteln.

Am Anfang steht die Faulheit. Meine Bewunderung für alle, die sich aus den Betten, in denen sie gelegen haben, und von den Tischen, an denen sie gegessen und konversiert haben, noch einmal erheben und brühwarm auf die Tagebuchseiten hinüberretten, was am nächsten Morgen schon erkaltet wäre, kennt keine Grenzen. Doderer nennt solche Tagebuchschreiber »Reporter des eigenen Lebens«, was nicht als Kompliment gemeint ist, aber es ist unbestreitbar: Solche Disziplin trägt Früchte, die im eigenen Garten zu ernten mir leider versagt ist.

Danach hält mich die Unlust ab, für die Schublade zu schreiben. Ein nicht gedrucktes Manuskript, das über viele Jahre still anwächst und im Dunkel ein golemartiges Leben führt, ist mir unheimlich. Ich habe kein wissenschaftliches Temperament, ich interessiere mich nicht für Experimente und für Selbstversuche schon gar nicht. Für die erhabene Formlosigkeit des Tagebuches bin ich nicht gemacht, mein Formbedürfnis sitzt tief in meinem Unbewussten und würde meine Tagebuchschreiberei sehr schnell verfälschen.

Außerdem vermute ich, dass ich keine Lösung für das Stilproblem des Tagebuchs fände. Wie hält man Prätention und Ambition aus dem Tagebuch heraus? Wie stellt man es an, die Möglichkeit, irgendein anderer könnte eines Tages dies Tagebuch lesen, zu vergessen? Wie entgeht man den Gefahren der Selbstzufriedenheit – wie den noch schlimmeren Versuchungen von Schamlosigkeit und Zerknirschung, die in Wahrheit mit den eingestandenen Schwächen prunken wollen? In den alten Heiligsprechungsprozessen der römischen Kirche galt es als schwarzer Fleck einer Biografie, wenn sich herausstellte, der Betreffende habe ein Tagebuch geführt: Die Selbstbespiegelung und das lustvolle Verweilen in der eigenen Vergangenheit galten als moralisch fragwürdig. Für mich entnehme ich diesem Verdacht, dass es mir fatal wäre, mich selbst als handelnde Figur meines Lebensromans zu inszenieren. Trotz leidenschaftlicher Lektüre der Gide-, Doderer-, Pepys- und Jünger-Tagebücher bin ich für mich davon überzeugt, dass das, was es wert ist, vom Tage aufgehoben zu werden, am besten im Roman untergebracht wird. Der Roman verfährt mit den Erinnerungen wie der Traum. Erst hier finden die Erinnerungen den Platz ihrer wirklichen Bedeutung, fern von der Selbstinterpretation, mit der das Tagebuch sie zu dressieren sucht.

Martin Mosebach, Jahrgang 1951, ist Büchnerpreis-Träger. Zuletzt erschien von ihm »Stadt der wilden Hunde. Nachrichten aus dem alltäglichen Indien« (Hanser Verlag)

Hanns-Josef Ortheil

Etwa im Alter von acht Jahren habe ich mit täglichen Aufzeichnungen begonnen. Tag für Tag habe ich aufgeschrieben, was ich an dem jeweiligen Tag getan, was ich Neues und Interessantes erfahren habe und was mir sonst noch alles durch den Kopf gegangen ist. Solche Aufzeichnungen wurden in schwarze Kladden eingetragen, von denen ich viele in den verschiedensten Formaten besaß. Die kleineren konnte ich auf Ausflüge und Reisen mitnehmen, in die größeren aber konnte ich auch noch Fotos oder Artikel aus Zeitungen einkleben. So entstand schon sehr früh ein breit angelegtes Aufzeichnungssystem, mit dem ich aus der Not heraus begonnen hatte: In den frühen Kinderjahren hatte ich nicht gesprochen, deshalb befürchtete ich, die Sprache jederzeit wieder verlieren zu können. Die täglichen Aufzeichnungen waren daher Versuche, alles, was ich sah und hörte, festzuhalten und zu speichern. Ab und zu las ich Teile meiner Aufzeichnungen durch und war jedes Mal etwas berauscht von der Fülle all dessen, was ich registriert hatte und ohne dieses Registrieren hoffnungslos für immer vergessen hätte.

Die Methodik dieser Aufzeichnungen habe ich bis heute beibehalten, wahrscheinlich handelt es sich inzwischen um eines der umfangreichsten Tagebuch-Konvolute, die es je gegeben hat. Es ist inzwischen auf über tausend Kladden gewachsen. Auch heute entstehen die täglichen Notizen fast alle mit der Hand und werden zunächst in die unterschiedlichsten Notizhefte eingetragen, um dann etwas später Eingang in ein großformatiges Skizzenbuch zu finden. Die täglichen Protokolle haben sich längst als das ideale Medium erwiesen, literarische Projekte zu orten, zu entwickeln und zu verfolgen. Anders als in klassischen Tagebüchern, in denen die Selbstaussprache des Schreibenden im Vordergrund steht, geht es in meinen Notizsystemen aber nicht um Protokolle der täglichen Emotionen, sondern um die zumindest bruchstückhafte Skizzierung des Meers an Gedanken und Ideen, die jeden Tag grundieren und formen.

Die Rückwirkung des Schreibens auf mich, den Schreiber, ist enorm, denn die täglichen Notizen lassen mich die Folge der Tage sehr bewusst und bis ins kleinste Detail erleben und wieder erleben. So sind die Aufzeichnungen nicht zuletzt produktive Elemente eines Projekts der biografischen Lebenskunst, das jeden Tag als eine Komposition aus Anregungen, Verarbeitungen von Anregungen und all diese Wahrnehmungsprozesse dann als gestaltende Lebensformen begreift. Ein solches Projekt bremst den flüchtigen Charakter von Zeit aus, es formt und verlangsamt sie, und es führt zu einer tiefen Verwurzelung in jenen Lebensthemen, die sich mit den Jahrzehnten als beständig und dauerhaft erwiesen haben.

In den letzten Jahren haben sich viele meiner Leser nach dem Aufbau und den Details dieses großen Projekts erkundigt, deshalb werde ich im Herbst 2010 eine meiner frühen Tagebuchkladden veröffentlichen. Es handelt sich um das Tagebuch einer Moselreise, die ich als Elfjähriger im Sommer 1963 zusammen mit meinem Vater zu Fuß unternommen habe.

Hanns-Josef Ortheil, Jahrgang 1951, ist Schriftsteller und lebt in Stuttgart. Im vergangenen Jahr erschien von ihm »Die Erfindung des Lebens« (Luchterhand Verlag)

Peter Stamm

»3. Juli. Erste fahrt nach Mathon mit dem neuen Auto. Wir essen in Buchs. Ankunft um 4 Uhr.« Mit diesem knappen Eintrag beginnt mein erstes Tagebuch, das ich mit acht Jahren während der Sommerferien 1971 führte. Vier Tage später heißt es: »Ich hate nichz zum lesen. Es war langweilig und blöd und uninteresant. Ich wuste nicht was ich tun sollte auser Essen. Zum ein Brief schreiben war ich zu faul.« Das Tagebuch endet zwei Wochen später noch vor den Ferien mit dem Eintrag »19. Juli. u.s.w.«.

In den vierzig Jahren seither habe ich immer wieder Anläufe gemacht, ein Tagebuch zu führen. Aber so gerne ich Tagebücher lese, so ungerne schreibe ich sie. Mir ist die Instanz nicht klar, an die sie sich wenden. Mir selbst brauche ich nichts zu erzählen, und wenn ich an einen anderen Leser, eine andere Leserin denke, fange ich sofort an, mich zu verstellen. Zumal ich diesen angenommenen Leser – im Gegensatz zum Empfänger eines Briefes – nicht kenne. Und da bin ich mit Johanna Spyri einig, die, als man sie bat, eine Autobiografie zu schreiben, gesagt haben soll, was sie erlebt hätte, sei nicht interessant, und was in ihrem Inneren vorgehe, gehe niemanden etwas an.

Ein literarischer Text steht als Kunstwerk für sich selbst, er ist an niemanden gerichtet, braucht zur Vollständigkeit weder den Autor noch den Leser. Bei einem Tagebuch stellt sich mir immer die Frage: Wer erzählt hier wem was und wozu? Ich habe nie um des Schreibens willen geschrieben, denn, wie es in einem anderen Tagebuch heißt, das ich 1991, zwanzig Jahre nach jenem ersten, begann: »Schreiben macht so schrecklich müde.«

Mein letzter Versuch eines Tagebuches ist ein Dokument auf meinem Computer, das ich in den letzten zehn Jahren sehr unregelmäßig ergänzt habe. Es beginnt: »Ein Tagebuch wird das nicht, zu oft habe ich versucht, Tagebücher zu schreiben … schon falsch.« In zehn Jahren machte ich weniger als hundert meist kurze Einträge. Der letzte vom November 09 enthält vielleicht den wahren Grund, weshalb ich kein fleißigerer Diarist bin: »Wie dumm man ist, merkt man immer erst, wenn man anfängt zu schreiben.«

Peter Stamm, Jahrgang 1963, ist Schriftsteller und lebt in Winterthur. Im vergangenen Herbst erschien von ihm der Roman »Sieben Jahre« (S. Fischer Verlag)

 
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