Hanns-Josef Ortheil

Etwa im Alter von acht Jahren habe ich mit täglichen Aufzeichnungen begonnen. Tag für Tag habe ich aufgeschrieben, was ich an dem jeweiligen Tag getan, was ich Neues und Interessantes erfahren habe und was mir sonst noch alles durch den Kopf gegangen ist. Solche Aufzeichnungen wurden in schwarze Kladden eingetragen, von denen ich viele in den verschiedensten Formaten besaß. Die kleineren konnte ich auf Ausflüge und Reisen mitnehmen, in die größeren aber konnte ich auch noch Fotos oder Artikel aus Zeitungen einkleben. So entstand schon sehr früh ein breit angelegtes Aufzeichnungssystem, mit dem ich aus der Not heraus begonnen hatte: In den frühen Kinderjahren hatte ich nicht gesprochen, deshalb befürchtete ich, die Sprache jederzeit wieder verlieren zu können. Die täglichen Aufzeichnungen waren daher Versuche, alles, was ich sah und hörte, festzuhalten und zu speichern. Ab und zu las ich Teile meiner Aufzeichnungen durch und war jedes Mal etwas berauscht von der Fülle all dessen, was ich registriert hatte und ohne dieses Registrieren hoffnungslos für immer vergessen hätte.

Die Methodik dieser Aufzeichnungen habe ich bis heute beibehalten, wahrscheinlich handelt es sich inzwischen um eines der umfangreichsten Tagebuch-Konvolute, die es je gegeben hat. Es ist inzwischen auf über tausend Kladden gewachsen. Auch heute entstehen die täglichen Notizen fast alle mit der Hand und werden zunächst in die unterschiedlichsten Notizhefte eingetragen, um dann etwas später Eingang in ein großformatiges Skizzenbuch zu finden. Die täglichen Protokolle haben sich längst als das ideale Medium erwiesen, literarische Projekte zu orten, zu entwickeln und zu verfolgen. Anders als in klassischen Tagebüchern, in denen die Selbstaussprache des Schreibenden im Vordergrund steht, geht es in meinen Notizsystemen aber nicht um Protokolle der täglichen Emotionen, sondern um die zumindest bruchstückhafte Skizzierung des Meers an Gedanken und Ideen, die jeden Tag grundieren und formen.

Die Rückwirkung des Schreibens auf mich, den Schreiber, ist enorm, denn die täglichen Notizen lassen mich die Folge der Tage sehr bewusst und bis ins kleinste Detail erleben und wieder erleben. So sind die Aufzeichnungen nicht zuletzt produktive Elemente eines Projekts der biografischen Lebenskunst, das jeden Tag als eine Komposition aus Anregungen, Verarbeitungen von Anregungen und all diese Wahrnehmungsprozesse dann als gestaltende Lebensformen begreift. Ein solches Projekt bremst den flüchtigen Charakter von Zeit aus, es formt und verlangsamt sie, und es führt zu einer tiefen Verwurzelung in jenen Lebensthemen, die sich mit den Jahrzehnten als beständig und dauerhaft erwiesen haben.

In den letzten Jahren haben sich viele meiner Leser nach dem Aufbau und den Details dieses großen Projekts erkundigt, deshalb werde ich im Herbst 2010 eine meiner frühen Tagebuchkladden veröffentlichen. Es handelt sich um das Tagebuch einer Moselreise, die ich als Elfjähriger im Sommer 1963 zusammen mit meinem Vater zu Fuß unternommen habe.

Hanns-Josef Ortheil, Jahrgang 1951, ist Schriftsteller und lebt in Stuttgart. Im vergangenen Jahr erschien von ihm "Die Erfindung des Lebens" (Luchterhand Verlag)