Peter Stamm
Peter Stamm
»3. Juli. Erste fahrt nach Mathon mit dem neuen Auto. Wir essen in Buchs. Ankunft um 4 Uhr.« Mit diesem knappen Eintrag beginnt mein erstes Tagebuch, das ich mit acht Jahren während der Sommerferien 1971 führte. Vier Tage später heißt es: »Ich hate nichz zum lesen. Es war langweilig und blöd und uninteresant. Ich wuste nicht was ich tun sollte auser Essen. Zum ein Brief schreiben war ich zu faul.« Das Tagebuch endet zwei Wochen später noch vor den Ferien mit dem Eintrag »19. Juli. u.s.w.«.
In den vierzig Jahren seither habe ich immer wieder Anläufe gemacht, ein Tagebuch zu führen. Aber so gerne ich Tagebücher lese, so ungerne schreibe ich sie. Mir ist die Instanz nicht klar, an die sie sich wenden. Mir selbst brauche ich nichts zu erzählen, und wenn ich an einen anderen Leser, eine andere Leserin denke, fange ich sofort an, mich zu verstellen. Zumal ich diesen angenommenen Leser – im Gegensatz zum Empfänger eines Briefes – nicht kenne. Und da bin ich mit Johanna Spyri einig, die, als man sie bat, eine Autobiografie zu schreiben, gesagt haben soll, was sie erlebt hätte, sei nicht interessant, und was in ihrem Inneren vorgehe, gehe niemanden etwas an.
Ein literarischer Text steht als Kunstwerk für sich selbst, er ist an niemanden gerichtet, braucht zur Vollständigkeit weder den Autor noch den Leser. Bei einem Tagebuch stellt sich mir immer die Frage: Wer erzählt hier wem was und wozu? Ich habe nie um des Schreibens willen geschrieben, denn, wie es in einem anderen Tagebuch heißt, das ich 1991, zwanzig Jahre nach jenem ersten, begann: »Schreiben macht so schrecklich müde.«
Mein letzter Versuch eines Tagebuches ist ein Dokument auf meinem Computer, das ich in den letzten zehn Jahren sehr unregelmäßig ergänzt habe. Es beginnt: »Ein Tagebuch wird das nicht, zu oft habe ich versucht, Tagebücher zu schreiben … schon falsch.« In zehn Jahren machte ich weniger als hundert meist kurze Einträge. Der letzte vom November 09 enthält vielleicht den wahren Grund, weshalb ich kein fleißigerer Diarist bin: »Wie dumm man ist, merkt man immer erst, wenn man anfängt zu schreiben.«
Peter Stamm, Jahrgang 1963, ist Schriftsteller und lebt in Winterthur. Im vergangenen Herbst erschien von ihm der Roman »Sieben Jahre« (S. Fischer Verlag)
- Datum 17.03.2010 - 15:45 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.03.2010 Nr. 12
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