Er hat nie verheimlicht, dass er an Größeres denkt. Dass er die Krise nutzen könnte, um etwas Neues zu schaffen. Und dass dieses Neue für ihn in Europa liegt. Es ist der 8. Februar 2010, ein Montagnachmittag, in Athen stemmt sich die griechische Regierung gegen den drohenden Staatsbankrott , und in Berlin hat der deutsche Finanzminister kurz Zeit für ein Gespräch. Wolfgang Schäuble sitzt am großen Konferenztisch seines Büros, beugt sich leicht nach vorn, beide Hände in den Schoß gelegt. Er spricht leise, fast monoton. Nur wenn ihm etwas wichtig ist, hebt er bei einzelnen Wörtern die Stimme. Schäuble redet über seine Rolle im Kabinett, über Loyalität und Unabhängigkeit, über sich. "Ich engagiere mich für ein starkes Europa", sagt er, "über den Kurs meiner Partei und meiner Regierung hinaus." Und: "In europäischen Fragen bin ich für manche ein visionärer Spinner." Die Wörter "über" und "visionär" schleudert er laut heraus.

Heute, sechs Wochen später, ist die Vision so konkret geworden, dass sie die Regierungen überall in Europa beschäftigt. Einen Europäischen Währungsfonds will Schäuble , was sich nur vordergründig so anhört, als ginge es um eine neue Institution oder Behörde. Tatsächlich würden die Länder der Euro-Zone noch enger zusammenrücken, aus der Währungsunion könnte eine Gemeinschaft werden, die einem Bundesstaat näher wäre als einem Staatenbund. Es ist weit mehr, als sich Schäubles CDU oder die Bundesregierung lange vorstellen konnten.

Schäuble definiert Europa neu. Und das hat einen Grund.

Wäre die weltweite Krise ein Computerspiel, eine virtuelle Wirtschaftsschlacht mit Schurken und Rettern, dann könnte man sagen: Wir haben die dritte Eskalationsstufe erreicht. Erst ging es darum, die Banken zu retten. Dann die Unternehmen. Jetzt aber drohen ganze Länder zu kippen. Zwei Jahre dauert die Krise bereits, doch ihre dritte Stufe lässt die ersten Retter zweifeln: Was, wenn es niemals endet? Bislang dachte man, die Staaten müssten nur genug Geld ausgeben, dann käme alles wieder ins Lot. Nun jedoch geht den ersten Staaten das Geld aus – und die Probleme bleiben.

So gefährlich ist die dritte Eskalationsstufe, so dramatisch, dass nun auch über grundlegend neue Regeln debattiert wird, speziell innerhalb der Euro-Zone. Wer muss künftig für wen einstehen? Wie müsste die Währungsgemeinschaft konstruiert sein, um Staatsbankrotte gar nicht erst aufkommen zu lassen? Schäubles Idee eines Europäischen Währungsfonds hat vor allem die Regierungen in Frankreich und Großbritannien verunsichert – und erstmals in der Krise sind sich nicht einmal mehr die deutschen Retter einig. Auch das ist ein Merkmal der dritten Phase.

Das Einzige, was rekordverdächtig wächst, ist der Schuldenberg

Unglaubliche 25 Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung hat die Staatengemeinschaft für die Rettung der Finanzwirtschaft aufs Spiel gesetzt – und doch stehen noch jede Menge Problemkredite in den Bilanzen, während die Investmentbanker schon wieder zocken, als sei nichts geschehen. Zig Milliarden Euro haben die Regierungen für die Konjunktur aufgewendet – und doch springt die Wirtschaft nur zögerlich an. Um schlappe 1,3 Prozent wird sie in den Industrieländern nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds ( IWF ) in diesem Jahr wachsen – das ist deutlich weniger als vor der Krise.

Das Einzige, was rekordverdächtig wächst, ist der Schuldenberg. Nach Berechnungen der Europäischen Zentralbank (EZB) werden die Staatsschulden in Europa ohne neue Sparpakete bis zum Jahr 2026 auf 150 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen ( siehe Grafik ). Erlaubt sind maximal 60 Prozent. Schon jetzt bekommt ein stark verschuldetes Land wie Griechenland von den internationalen Investoren nur noch gegen sehr hohe Zinsen Geld geliehen – was die griechische Verschuldung weiter ansteigen lässt. Und die amerikanische Rating-Agentur Moody’s schockierte jüngst die Märkte mit der Warnung, auch Großbritannien und die Vereinigten Staaten könnten weniger kreditwürdig sein, als man bislang annahm .