Seit vierzehn Monaten ist Barack Obama im Amt, und schon zweimal hat er Geschichte geschrieben. Gegen alle Widrigkeiten wurde er der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten. Jetzt verändert er gegen alle Widrigkeiten sein Land. Der Meister der Rede hat Wort gehalten und löst mit der Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung sein wichtigstes Wahlversprechen ein. Den Amerikanern und der ganzen Welt demonstriert Obama: Ich kann es doch!

Um ein Haar wäre die Gesundheitsreform erneut gescheitert, wie so oft schon in den vergangenen hundert Jahren. Der Widerstand war riesig und wird enorm bleiben, mindestens bis zu den Kongresswahlen im November. Für die einen ist das Bestreben, jedermann gegen Krankheit zu versichern, ein ökonomisches und moralisches Postulat; für die anderen hingegen ist es staatliche Bevormundung, die Freiheit und Selbstbestimmung zerstört. Der Disput trifft den Nerv des amerikanischen Selbstverständnisses.

Doch warum sollte sich außerhalb der Vereinigten Staaten irgendjemand dafür interessieren? Warum sollte der Erfolg dieser amerikanischen Jahrhundertreform irgendeinen Menschen in Berlin oder Moskau, in Jerusalem oder Peking beschäftigen?

Außenministerin Hillary Clinton hat auf der Jahresversammlung des israelisch-amerikanischen Lobbyvereins Aipac die Antwort darauf gegeben: Wer immer noch an Obamas Entschlossenheit zweifle, rief sie aus, der möge doch bitte auf die Gesundheitsreform schauen. Diese Botschaft richtet sich an die ganze Welt und lautet im Klartext: Nehmt euch in Acht, Obama ist ein starker Präsident!

Wer eigentlich ist Barack Obama? Diese Frage treibt die Menschen noch immer um. Rechte Amerikaner hätten vor Kurzem darauf geantwortet, er sei ein arroganter Intellektueller, ein verkappter Ideologe, ein gefährlicher Etatist, zu weich und zu kompromissbereit für die harten Probleme dieser Welt. Linke hätten gesagt: Ein Hoffnungsträger, aber zu biegsam, ohne rote Linie und ausreichenden Biss, außerdem viel zu nachsichtig gegenüber Quertreibern und Reformverweigerern. Für die einen hat er die politische Mitte verraten, die seinen Wahlsieg möglich gemacht habe; für die anderen ist er viel zu weit dorthin gerückt.

Beides ist falsch, und die erbitterte politische Schlacht in Washington vernebelt dies: Obama stand schon immer in der Mitte, und aus ihr heraus regiert er auch. Deshalb sind Rechte wie Linke oft ebenso begeistert wie enttäuscht, mal wegen der Gesundheitsreform, mal wegen der Afghanistanpolitik.

Im Grunde ist Barack Obama ein Paradox: Von unbedingtem Veränderungswillen, unzweideutig in seinen Zielen, aber pragmatisch und völlig unorthodox auf dem Weg dorthin, ist der junge Präsident ein Revolutionär der Mitte. Jetzt hat er bewiesen, dass er dafür auch den unbeugsamen Willen, die Nervenstärke und die nötige Durchsetzungskraft besitzt.