Immer wieder läutet das Telefon. Wie jedes Jahr, wenn der Schnee schmilzt und die Rauchfänge erkalten. Dann gehen in dem Kaminkehrerbetrieb am Wiener Stadtrand die Anfragen der Kunden im Minutentakt ein. Martin Hofstetter sitzt im pechschwarzen Arbeitsoverall am leer geräumten Küchentisch, den wuchtigen Kopf auf die schwieligen Hände gestützt. Im Büro nebenan sortieren zwei Mitarbeiter mit weißem Käppchen auf dem Scheitel die Aufträge. Daran, dass ihr 40-jähriger Chef freimütig erzählt, mit wem er ins Bett geht, nehmen sie längst keinen Anstoß mehr. Ein paar kollegiale Witzchen können sich die Handwerker dennoch nicht immer ganz verkneifen.

Seit 15 Jahren besitzt Hofstetter zwei Kaminkehrerbetriebe. Seit zehn Jahren weiß jeder im Gewerbe, dass er schwul ist. »Ich wollte die Kollegen einfach nicht mehr anlügen«, sagt der Wiener mit den kurzen schwarzen Haaren und dem Flinserl im linken Ohrläppchen. Einige klopften ihm nach dem Outing anerkennend auf die Schulter. Andere gingen ihm aus dem Weg. Und manche versuchten, ihn zu ruinieren. »Weil ein Kollege mich fachlich und geschäftlich nicht schlagen konnte, hat er mich wüst beschimpft. Danach ist er zu meinen Kunden in drei Wohnhausanlagen gerannt und hat allen dort erzählt, dass ich schwul bin«, erzählt Hofstetter. Seitdem bekommt er aus diesen Häusern keine Aufträge mehr.

Intolerante Chefs verlieren nicht nur gute Mitarbeiter, sondern viel Geld

Je nach Studie liegt der Anteil der Schwulen und Lesben an der Gesamtbevölkerung zwischen vier und 17 Prozent. Es wird davon ausgegangen, dass jede und jeder Zehnte in Österreich homosexuell ist, immerhin über 800.000 Menschen. Nicht wenige von ihnen sind angesehene Machertypen oder gehören zur Managerelite des Landes. Dass nach Dienstschluss nicht die Gattin, sondern der schwule Partner daheim auf sie wartet, ist dennoch ein Tabuthema. Schließlich haben Homosexuelle noch immer mit Ressentiments und offenen Anfeindungen zu kämpfen. Und das nicht nur bei Kunden, sondern auch im eigenen Unternehmen. Offen über die eigene Homosexualität zu sprechen kann in Österreich Aufträge, Karriere und Prestige kosten. Die Marktwirtschaft mag liberal sein, die Anschauungen der Wirtschaftstreibenden sind es häufig weniger. Ein teurer Fehler.

In einem Arbeitsklima, das nicht von Ressentiments belastet ist, seien die Mitarbeiter um bis zu 20 Prozent produktiver, besagt eine Studie der Universität Harvard. Es geht also um Milliarden Euro jährlich, die Unternehmen weltweit liegen lassen. Geld, das sich sparen ließe, wenn die Firmen gezielt auf Diversity Management setzten. Dabei nehmen sich spezialisierte Personalentwickler der Minderheiten im Unternehmen an. Jener, die anders sind – oder sich anders fühlen. Sei es wegen ihrer sexuellen Orientierung, aufgrund des Altersunterschieds, des ethnischen Hintergrunds, der Religion oder wegen einer körperlichen Behinderung.

Entstanden aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, setzen heute vor allem US-Multis auf betriebsinterne Integrationsmaßnahmen. Auch für europäische Konzerne gehört Diversity Management mittlerweile zur Unternehmenskultur: Die Deutsche Bank schuf vor Kurzem mit der Rainbow Group Germany eine Anlaufstelle für Schwule und Lesben, um so zielgerichtet Mitarbeiter und Kunden anzuwerben. Jeder Manager muss sich in korrektem Umgang schulen lassen. In Österreich schreiben zumindest einige international ausgerichtete Konzerne Antidiskriminierungsparagrafen in ihre Leitlinien.

Für Manfred Wondrak ist das erst der Anfang. Er weiß, dass trotz vieler Lippenbekenntnisse Homosexualität in den Chefetagen noch immer ein häufig verdrängtes Thema ist. »Können Sie mir einen bekannten schwulen Topmanager nennen?«, fragt der Unternehmer und lehnt sich lächelnd zurück. Er selbst kenne drei, die sich allerdings hüteten, im Kontext ihrer sexuellen Orientierung in den Medien aufzutauchen. »Das zeigt, dass es unter der Ebene der Führungskräfte noch immer eine rosa Decke gibt, die ein geouteter Schwuler nicht durchbrechen kann«, weiß der gebürtige Niederösterreicher. Für einen kurzen Moment verschwinden die selbstbewussten Züge aus seinem Gesicht. Es ist, als habe er sich an diesen Gedanken schon vor langer Zeit gewöhnen müssen.