Philipp Melanchthon Magister Philipps sanfte Kur

Philosoph, Bildungsreformer, Diplomat des Glaubens. Zum 450. Todestag Philipp Melanchthons ein Lebensbild des großen Reformators

Porträt von Philipp Melanchthon (1497 - 1560), um 1539

Porträt von Philipp Melanchthon (1497 - 1560), um 1539

Im Sommer des Jahres 1530 standen die Dinge für die Reformation wieder einmal Spitz auf Knopf. Zur selben Zeit wurde die Beziehung zwischen zwei ihrer Protagonisten arg geprüft. Denn während Philipp Melanchthon auf dem Augsburger Reichstag die Sache der Lutherischen vor Kaiser Karl V. zu vertreten hatte, musste Martin Luther selber in Coburg zurückbleiben. Schließlich lebte er seit dem Wormser Edikt von 1521 unter Reichsacht und konnte sich aus dem Gebiet seines Protektors, des Kurfürsten von Sachsen, nicht hinauswagen. Coburg war die südlichst und Augsburg am nächsten gelegene kursächsische Stadt – das immerhin erleichterte den zeitweilig heftigen Briefverkehr zwischen den beiden Reformatoren.

Die Stimmung war gereizt. Als Melanchthon Ende Juni 1530 einen Entwurf des späteren Augsburger Bekenntnisses nach Coburg schickte, antwortete Luther unwirsch, er wundere sich, »was Du wohl willst; Du fragst danach, was und wie viel den Päpstlichen nachgegeben werden solle […]. Für meine Person ist […] mehr als genug nachgegeben worden.« Doch schon wenige Tage später, in einem Brief vom 3. Juli, ist der Unmut verraucht. Er habe die Schrift »gestern ganz und gar sorgfältig von neuem gelesen, und sie gefällt mir ganz außerordentlich«.

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Diese jähen Schwankungen im Urteil Luthers rühren nicht nur aus der Unrast des vom unmittelbaren Geschehen Ausgeschlossenen her, sondern sie bilden wie in einer Miniatur all die Ambivalenzen in dem vertrauten Verhältnis zwischen den beiden Reformatoren ab. Ein Jahr vor dem Augsburger Reichstag schrieb Luther in einem Vorwort zu Melanchthons Kommentar des Kolosserbriefes: »Ich muss die Klötze und Stämme ausrotten, Dornen und Hecken weghauen, die Pfützen ausfüllen, und bin der grobe Waldrechter, der die Bahn brechen und zurichten muß. Aber Magister Philipps fähret säuberlich und stille daher, bauet und pflanzet, säet und begeußt mit Lust, nachdem Gott ihm hat gegeben seine Gaben reichlich.«

Während der Vorbereitungen für den Augsburger Reichstag würdigte Luther den Stand der Arbeiten mit dem wiederum leise zwiespältigen Lob, dies alles gefalle ihm sehr wohl, er habe nichts zu bessern, das würde sich auch »nicht schicken, denn ich so sanft und leise nicht treten kann«. Das Motto suaviter in modo, fortiter in re – hart in der Sache, sanft in der Form – war Luther geradezu kreatürlich fremd.

Melanchthon wiederum verschaffte seinem Herzen erst sehr spät, nach Luthers Tod, in einem Brief Luft: »Ich ertrug auch vordem eine fast entehrende Knechtschaft, da Luther oft mehr seinem Temperament folgte, in welchem eine nicht geringe philoneikia lag, als auf sein Ansehen und auf das Gemeinwohl achtete.« Immer wenn Melanchthon etwas Heikles, gar Verfängliches ausdrücken wollte, wechselte er ins Griechische – philoneikia steht für Streitsucht.

Das Erstaunliche ist nicht, dass es zwischen Luther und Melanchthon ständig Spannungen gab, sondern die Tatsache, dass die beiden dessen ungeachtet über 28 Jahre hinweg Freunde und Verbündete blieben. Hier Luther, der Geniale, der Rabiate (und zugleich doch so Zarte), der keinem theologischen Streit aus dem Weg geht (»Was kann denn der Teufel mehr tun, als dass er uns töte! Was mehr?«, schreibt er von der Veste Coburg an Melanchthon nach Augsburg) – dort Melanchthon, der überaus Gebildete, der Abwägende, der, wenn es unter Wahrung der gemeinsamen theologischen Hauptsache irgend geht, einen Religionskrieg vermeiden möchte.

Hier die Sprache Luthers voller Musik, dort die gemessenen Darlegungen Melanchthons, mit denen er dem Freund bei dessen Bibelübersetzung präzisierend zur Seite steht. Die stilistische und theologische Expressivität der deutschen Bibel indes bleiben allein Luthers Werk. »Die ganz großen Denker ragen wie erratische Blöcke aus ihrer Zeit und aus ihrer Tradition hervor […]. Vielleicht war Luther einer, Melanchthon gewiß nicht.« Solches schrieb sogar Heinz Scheible, der gründlichste der zeitgenössischen Melanchthon-Kenner, in seiner 1997 erschienenen Biografie.

Leser-Kommentare
    • bubu-1
    • 26.03.2010 um 15:13 Uhr

    Der kleine Nebensatz im Artikel über Melanchton zum "vermeintlichen Häretiker Michael Servet" bedarf einer Ergänzung. Servet lehnte die Trinitätslehre ab, verneinte also die göttliche Natur von Jesus und Heiligem Geist. Da aber die Trinität ein Grundpfeiler des Christentums ist, ist das Adjektiv "vermeintlich" wohl fehl am Platz. Dass man deswegen Servet in Genf verbrannte, ist ein anderes Kapitel - war aber 1553 die üblich unmenschliche Methode, sich der Ketzer zu entledigen. Mit dieser Feststellung soll das weder entschuldigt, noch Verständnis dafür geäussert werden.
    Karl Hotz, Beringen (Schweiz)

    • sdue
    • 29.03.2010 um 4:25 Uhr

    Sehr geehrter Herr Leicht,

    Seit über 20 Jahren verfolge ich Ihre Arbeiten in der Zeit und wenn immer ich gedanklich zurückkehre, ist meistens Ihr Name in der Autorenzeile. Vielen Dank dafür.

    sdue

  1. In der Tat: Servet war ein VERMEINTLICHER Häretiker. Er hat nicht etwa unbegründet das Trintitäsdogma geleugnet, sondern behauptet, dass es in der Bibel (i.e.: im Neuen Testament) keine Grundlage habe und da doch das Prinzip gelte sola scriptura... Und darin hatte er einfach recht - das Trinitätsdogma wurde erst auf den frühen Konzilien entwickelt. Man mochte und kann es durchaus für sinnvoll halten - aber der Hinweis darauf, dass es keine direkte Grundlage in der Schrift hat, ist einfach geboten und auch zu tolerieren, jedenfalls unter Anhängern des Schriftprinzipes. Übrigens hatte Calvin, einer der intensivsten Anstifter dieses Justizmordes, selber sich in Genf geweigert, die altkirchlichen Bekenntnisse undifferenziert zu unterschreiben. So ist das halt mit der Geschichte unserer Kirche(n)...
    Ansonsten erst einmal Dank für die Einwände und Zuschriften.
    R.L.

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