Deutschland hatte ab den fünfziger Jahren den Begriff der »Schönheit« komplett an die Provinz delegiert. Während sich die Architekten, Stadtplaner und Planungsdezernenten in ihrem »Pathos der Moderne« (Heinz Bude) in den Städten austobten und immer neue Verkehrswegeplanungen konzipierten, neue Stadtquartiere, neue Einkaufspassagen und Fußgängerzonen, gestattete man dem flachen Land herablassend weiter seine Romantik. »Unser Dorf soll schöner werden« hieß dieser Bundeswettbewerb, dank dessen zwar vor allem hässliche Feuerwehrgerätehäuser und viel zu viele Geranienkästen in Deutschlands Dörfer einzogen, dank dessen aber auch manches Fachwerkhaus wieder vom schändlichen Schiefer- oder Fliesenvorhang befreit wurde. Im Jahre 1997 war aber dann auch damit Schluss. Seit jenem Jahr trägt der Wettbewerb den sozialistisch-deprimierenden Titel »Unser Dorf hat Zukunft«. Nun endlich, nach dreizehn Jahren Verbannung, hat das Dortmunder Institut für Stadtbaukunst den Begriff der »Schönheit« reaktiviert und mit einem fulminanten Kongress zurück ins Bewusstsein der Öffentlichkeit geholt.

Wichtig war diese »Konferenz zur Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt« in den Düsseldorfer Rheinterrassen vor allem deshalb, weil es gelungen war, hochrangige Vertreter aller Berufsgruppen zusammenzubringen, die für das Stadtbild verantwortlich sind – also Oberbürgermeister und Planungsdezernenten ebenso wie Architekten und Architekturkritiker, Stadtplaner wie Philosophen, Traditionalisten und Modernisten. Der Architekt Christoph Mäckler, der gemeinsam mit Wolfgang Sonne vom Institut für Stadtbaukunst für die Tagung verantwortlich war, trieb mit seinem missionarischen Eifer für die Rückkehr von ästhetischen Maßstäben die Tagungsteilnehmer immer wieder eindringlich und humorvoll voran. Und wenn sich die Planungsdezernenten doch einmal zu einträchtig darüber unterhielten, wie gelungen die Verkehrsplanung in einer bestimmten »innerstädtischen Situation« gewesen sei, dann fragte Mäckler provozierend: »Warum gibt es keinen einzigen gelungenen Platz in der Architektur des 20. Jahrhunderts?«

Für den Feind von »Schönheit und Lebensfähigkeit« wurde in Düsseldorf ein sehr präzises Phantombild entworfen: Er tritt zu unterschiedlichen Zeiten, aber immer in Form eines Absolutheitsanspruches auf – eine Zeit lang wollten die modernistischen Stadtkonzepte vor allem Verkehrsprobleme lösen, dann soziale Probleme, heute Umweltprobleme. Die Diavorträge mit einst preisgekrönten Musterlösungen aus den sechziger, siebziger und achtziger Jahren waren eine Lehrstunde in zeitgenössischer Verblendung und ästhetischem Schaudern. Erhitzt wurde darum auch diskutiert, ob der gegenwärtige Hang zur »Branding-Architektur«, mit der Städte versuchen, ohne jeden städtebaulichen Bezug neue »urbane Symbole« von Stararchitekten zu schaffen, eher in den Bereich der zeitgenössischen Verblendung gehört oder in den des wohligen ästhetischen Schauderns.

In einem Sofortprogramm sollen die Diskussionen des Kongresses gebündelt werden – um die Reintegration des einst selbstverständlichen, dann ideologisch verdächtigen Schönheitsbegriffs in eine moderne Stadtplanung zu fordern. Natürlich wird man sich nie allgemein verbindlich darauf einigen können, was genau »schön« ist. Aber das Ringen darum wieder zu einem festen Bestandteil der Stadtbaukunst zu machen wäre Verheißung genug. Florian Illies