Arbeitsmarkt Guter Job, schlechter Job

Befristete Stellen und Leiharbeit sind sinnvoll, werden aber oft für unlautere Zwecke eingesetzt. Dagegen tut die Koalition zu wenig.

Die Drogeriekette Schlecker war in den vergangenen Monaten heftig in die Kritik geraten. Das Unternehmen hatte eine Leiharbeitsfirma gegründet, um die Löhne zu drücken

Die Drogeriekette Schlecker war in den vergangenen Monaten heftig in die Kritik geraten. Das Unternehmen hatte eine Leiharbeitsfirma gegründet, um die Löhne zu drücken

Man kann es sich ganz einfach machen und die Welt in Schwarz malen. Danach wird es auf Deutschlands Arbeitsmarkt seit Jahren immer düsterer. Immer mehr Menschen haben nur noch einen befristeten Vertrag, müssen sich als Leiharbeiter verdingen oder bekommen bloß einen Minijob. Immer mehr Menschen schlagen sich notgedrungen als Kleinst-Unternehmer durch, als Selbstständige ohne Angestellte und natürlich ohne den Schutz der Sozialversicherung. Nur eines wird immer seltener: die ganz normale Stelle – unbefristet, sozialversichert, Vollzeit und ohne Leiharbeitgeber. Zuletzt, 2008, zählte das Statistische Bundesamt bloß rund 23 Millionen dieser Stellen, zehn Jahre zuvor waren es dagegen fast 24 Millionen. Das »Normalarbeitsverhältnis« droht auszusterben. Die neoliberalen Agenda-Reformen der vergangenen Jahre haben sein Siechtum noch beschleunigt. Seither gedeiht nur noch das Prekariat. Das Leben in Unsicherheit (siehe Grafik).

Neue Zahlen schienen in der vergangenen Woche genau dieses Schreckensbild zu bestätigen. Danach ist inzwischen jede zweite Neueinstellung befristet. Und fast neun Prozent aller Arbeitnehmer haben bereits einen Vertrag mit eingetragenem Verfallsdatum. Für die einen ist das ein klarer Beleg für die finsteren Verhältnisse am Arbeitsmarkt. Andere, etwa Sprecher des Arbeitsministeriums, mühten sich im Weißmalen: Solche flexiblen Zugänge zum Arbeitsmarkt seien politisch gewollt und daher ein Erfolg, außerdem sei die Statistik umgestellt worden, auch deshalb würden heute mehr befristete Jobs gezählt als früher. Durchaus richtige Hinweise – und doch kann man es sich auch aus dieser Perspektive zu einfach machen. Den unbestreitbaren Trend zu mehr unsicherer Beschäftigung schönzureden ist genauso falsch wie ihn zu verteufeln. Tatsächlich drohen einige Sonderregeln am Arbeitsmarkt, die als sinnvolle Ergänzung zu herkömmlichen Beschäftigungsformen gedacht waren, zum Normalfall zu werden. Und das lässt sich weder ökonomisch rechtfertigen, noch ist es sozial gerecht.

Anzeige

Immerhin, die Befürworter der Flexibilisierung können auf einige Zahlen verweisen, die tatsächlich dagegen sprechen, alles schwarzzusehen. Trotz des Rückgangs traditioneller Arbeitsplätze sind unter dem Strich viele neue Jobs hinzugekommen. Ein Großteil der prekären Stellen sind also zusätzliche Arbeitsplätze. Sie haben nicht bloß die gewohnten, »guten« Stellen verdrängt. In den zehn Jahren zwischen 1998 und 2008 wuchs die Zahl der Erwerbstätigen um über zwei Millionen. Mehr Menschen als je zuvor in der Bundesrepublik hatten ihren eigenen Broterwerb. Und selbst jetzt, im Krisenjahr 2010, haben noch mehr eine Arbeit als auf dem Höhepunkt des New-Economy-Booms vor zehn Jahren. Stärker geschrumpft als die Gruppe der Normalbeschäftigten ist nämlich die der Gar-nicht-Beschäftigten – also der zur Untätigkeit Verdammten.

Schließlich bleibt von dem Rückgang der »guten« Arbeit selbst wenig übrig, wenn man Teilzeitjobs zu ihr hinzuzählt. Zumindest einige dieser Stellen sind genauso abgesichert wie Vollzeitjobs und werden von vielen Arbeitnehmern sogar händeringend gesucht. Erst mithilfe dieser »atypischen« Beschäftigung lassen sich Beruf und Familie für viele Frauen (und Männer) miteinander vereinbaren. In solchen Fällen handelt es sich also nicht um ein Krisenphänomen, sondern um die Lösung eines Problems.

Wer es sich einfach machen möchte, kann hier wiederum zu denken aufhören. Alles ist gut, viele neue Jobs sind zwar prekär, aber immerhin ist es Arbeit. Doch es gibt auch Fehlentwicklungen – und denen sollte die Koalition entgegentreten.

Das betrifft vor allem, erstens, die Leiharbeit. Gedacht ist sie, um vorübergehende Arbeitsspitzen abzudecken. Genutzt wird sie aber häufig, um Tariflöhne zu umgehen. So wie bei Schlecker, wo Verkäuferinnen in schlechtere Verträge mit einer konzernnahen Zeitarbeitsfirma gedrängt wurden. Inzwischen bemühen sich die Tarifverbände dieser Branche, derartigen Missbrauch zu unterbinden. Und die Löhne in der Zeitarbeit wurden auch angehoben. Dennoch muss die Bundesregierung hier dranbleiben. Wenn sich Fälle wie Schlecker wiederholen und Leiharbeit vor allem dazu dient, Lohnvereinbarungen zu unterlaufen (anstatt sich Tarifauseinandersetzungen zu stellen), dann müssen die Spielregeln für diese Branche eben wieder verschärft werden. Das Gesetz sieht als Normalfall ohnehin vor, dass Zeitarbeiter so bezahlt werden wie Festangestellte im Betrieb.

Zweitens gibt es bei befristeten Arbeitsverträgen ebenfalls Hinweise auf Missbrauch. Gegen sie ist nichts einzuwenden, wenn tatsächlich eine Schwangerschaftsvertretung gesucht wird oder ein Mitarbeiter für ein zeitlich klar begrenztes Projekt. Aber heute werden Zeitverträge auch genutzt, um den Arbeitsdruck hoch zu halten oder die gesetzlich vorgesehene Probezeit – sechs Monate – auszudehnen. Das muss der Gesetzgeber nicht erleichtern. Schwarz-Gelb sollte die Befristungsregeln, anders als im Koalitionsvertrag vereinbart, daher nicht lockern, sondern eher verschärfen. Spätestens wenn sich der Trend zur Befristung auch nach dem Abflauen der Krise fortsetzt.

Das größte Fragezeichen gehört, drittens, hinter die Minijobs: Kleinst-Beschäftigungsverhältnisse (bis zu 400 Euro im Monat), die der Staat durch verringerte Abgaben fördert und die die Koalition noch ausbauen will. Dabei dienen sie selten als Sprungbrett in normale Beschäftigung und dürften auch kaum geholfen haben, Schwarzarbeit in die (subventionierte) Legalität zu holen. Ökonomen kritisieren die Begünstigung der Minijobs daher seit Jahren. Wer wirklich mehr reguläre Stellen möchte, sollte hier zuallererst ansetzen. Durch mehr Schranken, durch Re-Regulierung. Nur nicht durch ideologischen Streit über Flexibilisierung oder Prekarisierung – dafür ist die Wirklichkeit zu kompliziert.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Mein Mann hat seinen jetzigen Job über Zeitarbeit gefunden. Während er über die Zeitarbeitsfirma beschäftigt war, hat er 1200 Euro bekommen, ab dem Monat der Übernahme durch die Firma in der er gearbeitet hat, waren es auf einmal 1750 Euro netto - für die gleiche Arbeit im selben Tarif! Die 550 Euro Differenz plus X hat sich die Zeitarbeitsfirma in die Tasche gesteckt. Von wegen gleicher Lohn für gleiche Arbeit, für mich sind diese Zeitarbeitsfirmen Verbrecher (steht schließlich im Gesetz, daß es den gleichen Lohn geben muss, aber wer prüft das schon nach?). Hundert Euro weniger ok, das würde ich ja noch akzeptieren, aber ein volles Drittel?

  2. ... wenigstens Arbeit zu haben, in einer Zeit, in der keine Arbeit da zu sein scheint.

    Ansonsten hat ein Leiharbeiterverhältnis in befristetem Vertrag nur Nachteile. Wir bekommen ja ständig unter die Nase gerieben: sei froh, dass Du überhaupt Arbeit hast. OK. Bin ich.

  3. Da kann man noch so viele, angeblich fundamental begründete, Lobgesänge auf immer flexiblere Arbeitsverhältnisssysteme singen. Dies alles soll aber nicht darüber hinwegtäuschen das flexibilität für abhängig Beschäftigte ( - 90% der Bevölkerung) generell negative Auswirkungen hat. Resultat sind nicht planbare Strukturen im täglichen Lebensumfeld und gerade die gilt es in modernen Sozialen Systemen eher zu vermeiden. Dies im Gegensatz zum kapitalbesitzer für dessen Einsatz es am positivsten ist wenn alles flexibel ist und sich run um sein geliebtes Kapital scharrt. Da man ja seit mehr als 20 Jahren konstant hört das es uns allen besser geht wenn auch nur überall flexible Strukturen geschaffen werden so das sich das ägnstliche Kapital nicht so fürchten muss... wo sind dann all die versprochenen positiven Effekte geblieben? Die explodierenden Bilanzen, Profite und Boni mal ausser acht gelassen...!?

  4. ... habe ich mich stets fassungslos gefragt, wie ein Vater oder eine Mutter zuerst seine oder ohre Kinder und dann sich selbst töten könne. Heute weiß ich, was zu solchen Wahnisnnstaten befähigt: es ist unsere gesellschaftliche Gegenwart.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...und ich kann bei dieser Gegenwart verstehen, warum immer weniger Menschen Kinder in die Welt setzen. Warum sollte man einem Menschen zumuten seine Existenz als jederzeit verfügbares Humankapital zu fristen, stets dem Willen irgendeines Unternehmers zu Diensten?
    Ein Leben ohne ein Hauch von materieller Sicherheit und Planbarkeit wünscht man niemandem.

    ...und ich kann bei dieser Gegenwart verstehen, warum immer weniger Menschen Kinder in die Welt setzen. Warum sollte man einem Menschen zumuten seine Existenz als jederzeit verfügbares Humankapital zu fristen, stets dem Willen irgendeines Unternehmers zu Diensten?
    Ein Leben ohne ein Hauch von materieller Sicherheit und Planbarkeit wünscht man niemandem.

  5. Eine solche sachliche Argumentation haette auch er Diskussion gestern Abend bei Anne Will gut getan.

  6. Ich bin 46 und hatte noch nie in meinem Leben einen festen Arbeitsvertrag. Seit ich 18 bin ernähre ich mich dennoch ausschliesslich von eigener Arbeit, bevor hier Zweifel aufkommen. Nach Studenten-Kellnerjobs und danach 14-jähriger freiberuflicher jeweils langjähriger Mitarbeit in 3 verschiedenen Medienbetrieben bin ich seit 2004 selbständig. Mich hat mein für Medienbetriebe "hohes" Alter und mein für meinen technischen Job als Sounddesignerin falsches Geschlecht dazu gezwungen. Wenn mir keiner einen Arbeitsplatz geben will, dann bastel ich mir eben einen selber, dachte ich. Der Beginn der Selbständigkeit waren zwei harte Jahre mit wenig Kunden und ca 1000€ Umsatz im Monat. Inzwischen habe ich ein kleines eigenes Tonstudio als Hauptgewerbe aufgebaut, mache Kranken- oder Urlaubsvertretungen in anderen Studios und gehe nebenbei auf Rechnung (als Nebengewerbe) kellnern. Ich habe ca. 20 verschiedene Kunden, einige mit monatlichen Aufträgen, andere sporadisch. Mich kann niemand aus meinem festen Job werfen, mir droht kein plötzlicher sozialer Abstieg. Wenn man in seinem Job gut ist, dann sind Kunden meist treue Kunden, und fällt doch mal einer weg ist man nicht gleich pleite. Für mich betrachtet war die Selbständigkeit aufgrund von "Keinen-Job-mehr-gekriegt" die Chance auf Unabhängigkeit, die Kunden freut es, dass sie meine Rechnungen absetzen dürfen und nicht für diese Arbeit einen festen Job schaffen müssen, und der Staat geht außer bei der Gewinnversteuerung leer aus. Bingo!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Lapje
    • 29.03.2010 um 11:34 Uhr

    Was passiert denn, wenn plötzlich keine Kunden mehr kommen? Und wenn dann - aus welchen Gründen auch immer - es mit dem Kellnern nichts mehr ist? Es sind genügend vor Ihnen mit dieser Einstellung abgerutscht. Ich bin auch selbstständig, aber ich bin mir da nicht so sicher...

    • Lapje
    • 29.03.2010 um 11:34 Uhr

    Was passiert denn, wenn plötzlich keine Kunden mehr kommen? Und wenn dann - aus welchen Gründen auch immer - es mit dem Kellnern nichts mehr ist? Es sind genügend vor Ihnen mit dieser Einstellung abgerutscht. Ich bin auch selbstständig, aber ich bin mir da nicht so sicher...

  7. ... und ich freue mich für Ihren positiven Lebensweg. Für mich jedoch ist es nicht möglich, Kunden zu aquirieren und so einfach und lässig, wie Sie es darstellen, ist es nicht. Das wissen Sie doch selbst. Wozu also diese (im Artikel beschriebene) Weißmalerei?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nur als Beispiel, um vielleicht dem ein oder anderen Schwarzmaler ein bisschen "positives Denken" unterzujubeln. Selbständigkeit ist zumindest mal einen Versuch wert, natürlich hätte auch ich scheitern können. Natürlich ist mein Jobmodell nicht vereinbar mit Familie, auch das weiß ich. OK, komme ich für Sie zu all den Nachteilen. Arbeitszeiten nicht geregelt, sondern buchungsbedingt kann es sein, dass ich von Montag bis Sonntag zwischen morgens um 7 bis abends um 23 Uhr arbeite. Einnahmen: eine Sinuskurve. Soziale Sicherung: nicht vorhanden. Private Verabredungen: können wegen häufig sehr kurzfristiger Buchungen nur mit einem Tag Vorlauf getroffen werden. Urlaub: Fehlanzeige. Trotzdem war es meine (einzige? weiß ich nicht.) Chance nicht zum Hartz-IV-Empfänger zu mutieren, vielleicht wäre es auch für andere eine Chance, das wollte ich damit ausdrücken. Sind Sie jetzt zufrieden, Godthor?

    Nur als Beispiel, um vielleicht dem ein oder anderen Schwarzmaler ein bisschen "positives Denken" unterzujubeln. Selbständigkeit ist zumindest mal einen Versuch wert, natürlich hätte auch ich scheitern können. Natürlich ist mein Jobmodell nicht vereinbar mit Familie, auch das weiß ich. OK, komme ich für Sie zu all den Nachteilen. Arbeitszeiten nicht geregelt, sondern buchungsbedingt kann es sein, dass ich von Montag bis Sonntag zwischen morgens um 7 bis abends um 23 Uhr arbeite. Einnahmen: eine Sinuskurve. Soziale Sicherung: nicht vorhanden. Private Verabredungen: können wegen häufig sehr kurzfristiger Buchungen nur mit einem Tag Vorlauf getroffen werden. Urlaub: Fehlanzeige. Trotzdem war es meine (einzige? weiß ich nicht.) Chance nicht zum Hartz-IV-Empfänger zu mutieren, vielleicht wäre es auch für andere eine Chance, das wollte ich damit ausdrücken. Sind Sie jetzt zufrieden, Godthor?

  8. Wenn die Bedingungen dafür so ausgenutzt werden können, wie wir es jetzt bei der Firma Schlecker sehen, dann war das doch politisch gewollt, sonst hätten Überprüfungen stattgefunden. Der Skandal ist dieses Wischiwaschi aus der Politik; 531 Millionen € wurden in zwölf Monaten aus Steuermitteln an Leiharbeiter gezahlt, da jeder zehnte Leiharbeiter mit seinem Einkommen allein seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten konnte. - Hier arbeiten Menschen, die Firma zahlt dafür aber nur Hungerlöhne und läßt sich aus Steuermitteln subventionieren. Da wir keine Minipreise bekommen, bleibt die Differenz wieder in den Taschen des Kapitals hängen. - Herr Westerwelle, nun beschimpfen Sie doch einmal diese Kapitalisten und Ausbeuter als Nachfolger der spätrömischen Dekadenz!!! -

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service