Wer hierherkommt, sollte über dreierlei verfügen: Lust auf eine aparte Zeitreise, Lust zum Plaudern und einen guten Berliner Stadtplan. Denn für Ortsfremde ist die Adresse Helmstedter Straße 16, gelegen in einer kleinen Wilmersdorfer Seitenstraße, nicht ganz leicht zu finden. Hat man das Gründerzeithaus, dessen Klingelschilder durchweg auf Privatwohnungen schließen lassen, schließlich erreicht, stellt sich allerdings eine neue Frage, auch für die stadtkundige Besucherin: Wo bitte soll hier ein Museum sein?

Also klingeln bei dem Namen "René Koch". Er ist, so sagt es ein Neugier weckender Prospekt, Besitzer eines Lippenstiftmuseums. Sogar des weltweit einzigen Lippenstiftmuseums. An der Wohnungstür im zweiten Stock öffnet ein Herr mittleren Alters, bittet in ein Wohnzimmer von beeindruckendem Stil- und Dekorationswillen. Weißer Teppichboden, weiße Bücherregale, tiefe, geblümte Polstermöbel, Bilder, Vasen, Accessoires in großer Fülle. Man erkennt die verspielte Eleganz, die Diven und Damen vor ein paar Jahrzehnten schmeichelte. Auf dem Couchtisch steht Konfekt bereit, ein CD-Player spielt Chansons, dass sie aus einer etwas zurückliegenden Musikepoche stammen, versteht sich von selbst.

René Koch werde, sagt der Herr, bei dem es sich um eine Mischung aus Sekretär, Empfangschef und Butler zu handeln scheint, gleich da sein. Die Frage, wo sich denn nun das Museum befindet, verbietet sich durch ihre atmosphärisch unangebrachte Nüchternheit. Da ist er schon, René Koch persönlich. Wer sich mit der Make-up- und Visagistenbranche befasst, kennt ihn als deren prominenten und schillernden Vertreter. Er hat Joan Collins, Shirley Bassey und Dutzende ihrer Kolleginnen geschminkt, Camouflagen für Brandopfer erfunden, er wird häufig mit dem Berliner Promifriseur Udo Walz in einem Atemzug genannt und ist Mitte sechzig. Der Habitus – kleines Halstuch, getönte Brille, Föhnfrisur, Schmuck – zeugt von der Gepflegtheit, die typisch ist für Männer, die sich beruflich weiblicher Schönheit widmen.

René Koch beginnt sofort zu erzählen. Von seiner Ausbildung, die er vor vier Jahrzehnten in Amerika genoss. Von Wolfgang Joop und Ingrid Caven, die vor Kurzem hier waren. Von einer Gruppe blinder Frauen, die am nächsten Tag zu Besuch kommen werden und denen er zeigen will, wie sie sich schminken können, ohne hinterher verschmiert auszusehen. Und er erzählt von Hildegard Knef, von ihr vor allem, sie war seine treueste Kundin, und sie war Lebensfreundin. Ab und zu veranstaltet er Lesungen aus den Briefen, die sie ihm schrieb. Unter anderem hat sie ihm jenen Lippenstift geschenkt, der als eines der ersten Exemplare das Museum begründete.

Gutes Stichwort. Um geschmeidig zum Thema Lippenstift zu kommen, versucht man es mit einer Sachfrage. Seit wann gibt es eigentlich den sogenannten Lippenstift? "Na", sagt René Koch, "dann zeig ich Ihnen jetzt mal das Museum." Es ist mit zehn Schritten erreicht. Es befindet sich im Esszimmer nebenan, in dem René Koch den Museumsbesucherinnen auf Wunsch und gegen Bezahlung auch kleine Menüs anbietet. Um den großen Esstisch sind ein halbes Dutzend Vitrinen an den Wänden verteilt, und in diesen Vitrinen liegen sie: Lippenstifte.