Reisebücher Noch mehr Meer

Von Algerien bis Korsika – unendlich viele Neuerscheinungen gibt es über das Mittelmeer. Christiane Schott hat ein paar herausgefischt

Neue Reiseliteratur rund um das Thema Meer

Neue Reiseliteratur rund um das Thema Meer

Vor hundert Jahren gab es nur einen Reiseführer für Deutsche, die es ans Mittelmeer zog: den Baedeker von 1909. Seit jedoch das mare nostrum der alten Römer der ganzen Welt als Badewanne dient, hat man Mühe, aus der Flut an Neuerscheinungen das Beste herauszufischen. Einer, der das vermeintlich Bekannte unter einem ungewöhnlichen Blickwinkel erschließt, ist der Journalist Andreas Fischer. Mit seinen Entdeckungsreisen am Mittelmeer. Der Westen, dem ersten Band seines zweiteilig angelegten Projekts, macht er vor, was es bedeutet, auf gut Glück unterwegs zu sein. Mit Rucksack und Wanderstiefeln, per Bus, Mietwagen oder Schiff streift der Autor umher.

Ganz gleich, ob er Barcelonas sanierte Altstadt besichtigt oder durch die Badebuchten an der Côte d’Azur wandert – gefällige Attraktionen bedeuten ihm wenig. Er sucht die Innenwelt. Seine Gesprächspartner sind Brandbeobachter im südfranzösischen Korkeichenwald und illegale Wanderarbeiter in südspanischen Gewächshäusern. Der Sinn des Reisens besteht für ihn aber nicht nur darin, Problem- und Umweltbewusstsein zu schärfen. Fischer kann auch mal den Kopf in den Nacken legen und den Sternenhimmel genießen. Neugierig, kritisch und zugleich entspannt ergründet er den mediterranen Geist.

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Einmal setzt der Autor auf die viertgrößte Insel des Mittelmeers über, um auszukundschaften, was es mit der Freiheitsliebe der Korsen auf sich hat. Doch er kommt nur bis Bastia. Im alten Hafen findet er seinen einzigen Zeugen, einen Fischer, der nur dank EU-Subventionen überleben kann und deshalb wenig Verständnis für den "Nationalismus der alten Männer" aufbringt. Mehr erfährt man über diesen Nationalismus nicht. Denn den Verfasser treibt es schon weiter. Der Zufall hat ihm eine Mitfahrgelegenheit auf einer Segeljacht nach Elba verschafft. Schön für ihn, schade für den neugierig gewordenen Leser.

Besser eignet sich eine neue Anthologie aus dem Karolinger Verlag für Korsika-Reisende, die das Gebirge im Mittelmeer erkunden wollen. Das Korsika der Anderen lotet die Bedeutung der "Insel der Schönheit" in Literatur und Geschichtsschreibung aus. Freiheitskampf und Blutrache, Heimatstolz und Napoleon-Kult – die Herausgeberin enthüllt ein schillerndes Mosaik. Ihr Band versammelt mehr als vierzig Texte aus dreihundert Jahren. Ob Gustave Flaubert, Walter Benjamin oder W. G. Sebald – sie alle erlagen dem Zauber der korsischen Natur. Selbst der notorische Skeptiker E. M. Cioran hörte im Fischerdorf Girolata für eine Weile auf, das Leiden am Leben zu beklagen: "Nur in den Wassern des Mittelmeeres lässt sich die Existenz vergessen." Wohl ersetzt diese Textsammlung keinen herkömmlichen Reiseführer. Als Cicerone zu einer Kultur im Verborgenen bewährt sie sich aber doch.

So wie Andreas Fischer Korsika streifte, hat er auch Algerien nur an der Peripherie, entlang der Küste, kennengelernt. Aus Sicherheitsgründen hielt er Abstand zu einer Gesellschaft, die sich, wie er es ausdrückt, "äußerst gebremst amüsiert". Trotzdem vermittelt er erstaunliche Einblicke in das labyrinthische System der Kasbah von Algier, das der Architekt Le Corbusier für ein "Meisterwerk des Städtebaus" hielt.

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