Frühstudenten »Sie hängen sich mehr rein«

Corinna Schreier ist an der Uni eingeschrieben, obwohl sie noch die Schule besucht. Sie ist Frühstudentin – gut 1000 beginnen jedes Semester ihr Studium

Im Mai beginnen für Corinna Schreier die Abiturprüfungen am Matthias-Grünewald-Gymnasium in Würzburg. Noch davor wird sie mit ihrer Magisterarbeit anfangen. Wenn dann nach dem Abi die meisten ihrer Mitschüler auf Reisen gehen, bereitet sich Corinna auf ihre letzten Prüfungen an der Universität vor. Corinna ist 19 Jahre alt und eine von 84 Schülerinnen und Schülern, die an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg parallel zur Schule Seminare und Vorlesungen besuchen, Scheine machen und Prüfungen ablegen. Anders als die meisten dieser Frühstudenten studiert Corinna nicht nur ein Fach, sondern gleich zwei: Geschichte und Politikwissenschaft.

Dass sie das problemlos schafft, zeigt ein Blick in ein Seminar der Philosophischen Fakultät. Corinnas Mitreferentin, fast zwölf Jahre älter, hat sich gerade verheddert in einer Frage zur Geschlechtergerechtigkeit in der CSU. Die Schülerstudentin bringt die Diskussion wieder auf den Punkt und leitet eloquent zum nächsten Thema über. »Es ist eine wahre Freude mit Frühstudenten wie Corinna«, sagt später der Dozent und Fachbetreuer für Sozialwissenschaften, Thomas Leurer. »Sie sind viel motivierter als die Regelstudenten. Da ist eine Begeisterung für das Fach, von der man sonst nur träumen kann. Oft haben die Frühstudenten sogar noch die besseren Noten, weil sie sich mehr reinhängen als andere.«

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Ein 14-Stunden-Tag zwischen Schule und Universität

An 50 Universitäten in Deutschland nehmen pro Semester 1000 bis 1500 Schüler ein Frühstudium auf. Bewerben kann man sich ab der zehnten Klasse, in Ausnahmefällen auch schon früher. Einer Studie der Telekom-Stiftung zufolge nutzen 85 Prozent der jungen Studenten dieses Angebot, um für ein bis zwei Semester in die Uni-Welt reinzuschnuppern und sich so für die Wahl ihres Studienfachs zu orientieren. Sie besuchen vor allem Vorlesungen und machen zwei bis drei Scheine. 40 Prozent der Frühstudenten verlassen die Uni aber ohne einen Leistungsnachweis in der Tasche. In Würzburg ist Corinna seit der Einführung des Frühstudiums vor fünf Jahren erst die vierte Schülerin, die noch vor dem Abitur ihre Magisterprüfung macht. Ihre Fächerwahl ist eher ungewöhnlich. Besonders beliebt sind bei Frühstudenten mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer. So hat sich die Hälfte der jungen Studierenden in Würzburg für Mathematik, Physik oder Informatik entschieden. Deutschlandweit können die Jugendlichen fast alles belegen. In Würzburg stehen 23 Fächer zur Wahl.

 Wer ist denn überhaupt geeignet für ein Frühstudium? Mit dieser Frage hat sich Eva Stumpf von der Begabungspsychologischen Beratungsstelle der Universität Würzburg in einer Studie beschäftigt. »Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass sehr gute Schulnoten, besonders in dem Fach, das der Schüler an der Uni belegen will, ein wichtiger erster Indikator für die Eignung zum Frühstudium sind«, sagt Stumpf. »Die Frühstudenten, die länger als ein Semester studieren, sind alle extrem leistungsstark und halten ihre Schulnoten trotz Doppelbelastung.« Deutschlandweit haben 16 Prozent von ihnen bereits eine oder mehrere Klassen übersprungen. Die Würzburger Frühstudenten erreichen in ihrem Studienfach durchschnittlich eine 1,77. »Langfristig ist aber der fachspezifische Intelligenzquotient der Jugendlichen entscheidend für den Erfolg im Frühstudium«, ergänzt Stumpf. Deshalb müssen alle Bewerber in Würzburg nicht nur gute Noten mitbringen, sondern auch einen Intelligenztest durchlaufen, in dem ihr mathematischer und ihr sprachlicher IQ ermittelt wird. Natürlich müsse man für ein Frühstudium auch besondere persönliche Fähigkeiten mitbringen, so Stumpf. Ohne eine hohe Selbstständigkeit, autodidaktische Fähigkeiten, das Beherrschen von Lern- und Arbeitsstrategien und eine gewisse Anpassungsfähigkeit klappe es nicht. Fähigkeiten, die Corinna besitzt. Die 19-Jährige managt ihren 14-Stunden-Tag zwischen Schule und Uni allein. Ihre Eltern, ein selbstständiger Ingenieur und eine gelernte Bankkauffrau, mischen sich nicht ein.

In den Schulferien macht sie Praktika. Manchmal fällt Unterricht für sie aus, weil sie ein Seminar an der Uni vorzieht. Doch die Lehrer kommen ihr sehr entgegen. Letztes Jahr hat der Kollegsleiter sogar den Klausurenplan umgeworfen, damit Corinna ein begehrtes Montesquieu-Seminar besuchen konnte. »Natürlich ärgert das einige Mitschüler, die nicht so gute Noten haben«, sagt Corinna. Als arrogante Streberin gilt sie in der Schule aber nicht. Oft kommen Zehntklässlerinnen auf sie zu und wollen von ihr Nachhilfestunden. »Ohne dich schaff ich es nicht«, sagen sie dann. Corinna gibt sich Mühe, nicht besonders aufzufallen, im Unterricht mit ihrem Wissen nicht aufzutrumpfen, sie will eine »normale Schülerin« bleiben. Trotzdem verbringt sie ihre Freistunden lieber in der Seminarbibliothek als auf dem Schulhof. Es sind nur ein paar Schritte über die Straße.

Corinna gibt einer fünf Jahre älteren Studentin Nachhilfe in Latein

In Würzburg studieren nicht nur die Klassenbesten, sondern auch Schüler, die trotz eines hohen IQs schlechte Noten haben, sogenannte Underachiever. »Wir wollen diesen Schülern eine Chance geben«, sagt Stumpf. Die Eltern sähen das Frühstudium oft als letzte Rettung und hofften, dass die Uni ihre Kinder endlich zum Lernen motiviere. »Aber das Frühstudium ist keine Therapie«, sagt die Psychologin. Viele Underachiever in Würzburg haben ihr Studium bald wieder abgebrochen.

Dass der überwiegende Teil der Frühstudenten das Gymnasium besucht, zeigt die Studie der Telekom-Stiftung, nur ein keiner Teil kommt von einer Gesamtschule oder einer berufsbildenden Schule. Von mehr als 71 Prozent der Jugendlichen hat einer der Elternteile studiert. Deutsch ist die Muttersprache von 98 Prozent der Befragten. Statistisch gesehen ist das Frühstudium ein Projekt für leistungsstarke Gymnasiasten aus deutschstämmigen Akademikerfamilien. Ein reines Eliteprojekt also? »Das würde ich so nicht sagen«, entgegnet Stumpf. Aber natürlich könne man das Frühstudium nicht aus dem ohnehin elitär ausgerichteten deutschen Bildungssystem herausnehmen.

 Zieht der Erfolg der Frühstudenten nicht Neid und Mobbing nach sich? Nein, das komme kaum vor, sagt Rolf Theil, Lehrer am Kölner Rheingymnasium und Beauftragter der Bezirksregierung für das Frühstudium, weder in der Schule noch an der Uni. »Das liegt vor allem daran, dass hochbegabte Schüler entgegen dem Klischee meist sozial sehr kompetent sind«, sagt er. Auf Corinna trifft das jedenfalls zu. Sie engagiert sich in der Kirchengemeinde, leitet eine Jugendgruppe, und sie gibt Nachhilfe – nicht nur Mittelstufenschülern, sondern auch einer fünf Jahre älteren Mitstudentin, die das Latinum nachmachen muss. Auch sonst hat Corinna, seit sie das Frühstudium vor drei Jahren begonnen hat, in ihrer Freizeit auf kaum etwas verzichtet. Sie trifft ihre Schulfreundin Christina genauso häufig wie ihre neuen Freundinnen aus der Uni.

»Der Doppelbelastung hält nicht jeder stand«, sagt Rolf Theil. Tatsächlich sind die hohe zeitliche Belastung und die Konzentration auf das Abitur die meistgenannten Gründe, warum das Frühstudium nicht fortgeführt wird. Daher sind Lehrer und Dozenten gleichermaßen gefragt. »Sobald die Leistungen in der Schule einbrechen oder es sozial knirscht, werden wir aktiv«, erzählt Eva Stumpf von der Würzburger Beratungsstelle. »Wir empfehlen dann, im nächsten Semester nur eine Veranstaltung zu besuchen oder mal für ein Halbjahr zu pausieren.« Wer einmal das Auswahlverfahren durchlaufen hat, kann sich problemlos jedes Semester neu anmelden. In Würzburg bleiben die Schüler drei Semester länger dabei als im bundesweiten Schnitt, nicht jede Universität bietet den Frühstudenten so gute Bedingungen. Und auch an vielen Schulen rangiert das Projekt eher unter »ferner liefen«. Oft fühlen sich die Frühstudenten von ihren Lehrern und Schulleitungen nicht ausreichend gefördert, sondern allein gelassen. Die Informationspolitik der Schulen lässt zu wünschen übrig, ebenso die fehlende Vorbereitung auf das Studium und das geringe Entgegenkommen bei organisatorischen Fragen.

Wie wird es bei Corinna Schreier weitergehen, was kommt nach dem Abi, nach dem Magister? Denkt sie schon an ihre Doktorarbeit, will sie sich für einen Job bewerben? Nein, für das alles ist es noch zu früh, findet sie. Nur nicht übermütig werden. Bevor sie wieder an die Uni zurückkehrt, will sie erst mal ein halbes Jahr Praktikum in einem großen Unternehmen machen. Gern im Ausland.

 
Leser-Kommentare
  1. Handelt es sich auf dem Foto wirklich um die 19jährige (!) Corinna Schreier? Falls ja, dann hat sich das frühe Studieren ja nicht bezahlt gemacht...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Leider werden heute ganze Generationen gezwungen schneller zu leben. Will man aus D ein Entwicklungsland machen?

    das Sie das sagen.
    Ich war auch verwirrt, konnte das Bild nicht mit dem Begriff Frühstudentin in Einklang bringen...
    Aber gut, muss ja jeder selber wissen, aber die Oberstufe war eine verdammt geile Zeit:). Würde ich nicht missen wollen, vor allem nicht für ein Jahr früher studieren/arbeiten.

    Leider werden heute ganze Generationen gezwungen schneller zu leben. Will man aus D ein Entwicklungsland machen?

    das Sie das sagen.
    Ich war auch verwirrt, konnte das Bild nicht mit dem Begriff Frühstudentin in Einklang bringen...
    Aber gut, muss ja jeder selber wissen, aber die Oberstufe war eine verdammt geile Zeit:). Würde ich nicht missen wollen, vor allem nicht für ein Jahr früher studieren/arbeiten.

  2. lass die lieben kleinen mal für die studiengebühren nebenbei arbeiten gehen. dann relativiert sich die motivation ziemlich schnell.

  3. Leider werden heute ganze Generationen gezwungen schneller zu leben. Will man aus D ein Entwicklungsland machen?

    • B
    • 27.03.2010 um 17:37 Uhr
    4. Normal

    Der ideale/perfekte Bewerber für einen richtig guten Job ist aus Sicht von HR Managern wohl : 21 Jahre alt, hat sämtliche Universitäts Abschlüsse mit Auslandserfahrung und zusätzlich 20 Jahre Praxiserfahrung. Vitamin B

    Das Projekt ist ja nicht schlecht, aber muss das sein? Wie über mir schon geschrieben, Corinna sieht ziemlich alt aus für Ihr Alter. Ich bin selbst an der Uni (hab mein Studium selbst mit 17 begonnen) aber nicht mit gleichzeitig Schule. Und ich wage zu bezweifeln dass, ich das unter einem Hut gebracht hätte, bzw hätte bringen wollen. Uni-leben macht zu viel Spass als das ich es mir freiwillig verderben würde.

    Liebe Leistungsfanatiker, man ist nur ein Mal jung!

    • pgampe
    • 27.03.2010 um 18:09 Uhr

    Nachdem ich in der USA war, habe ich in der 12. auch angefangen an die Uni zu gehen... Man muss ja dank Bachlor nicht das volle Pensum abarbeiten, sondern sucht sich aus, was einem gefällt.

    Dabei kann man frei wählen... Astrophysik, Philosophie, Informatik, ... kein Problem. Natürlich müssen auch keine Studiengebühren bezahlt werden.

    Die meisten Schülerstudenten wirken tatsächlich etwas reifer, aber ich bezweifle, dass ich jünger geblieben wäre, wenn ich nicht an die Uni gegangen wäre.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Nachdem ich mit zehn eigentlich schon sechzehn war, habe ich die letzten drei Jahre dann übersprungen und zügig mit dem Studium angefangen. Vorher war ich noch zum Spracherwerb in China, Russland, Indien und den USA.
    Die Zahnspange habe ich dann in der Klinik bekommen, die sich auf typische Managerbeschwerden spezialisiert hat.

  5. Vielleicht sollte man aber im Blick haben, dass viele bedeutende Wissenschaftler zwischen 20 und 30 Jahre alt waren, als sie ihre wirklich bahnbrechenden Ideen hatten. Wenn man da mit 20 sein erstes Studium erfolgreich absolviert hat, lässt das doch auf Großes hoffen...

  6. ...wie unschön, das die Hochbegabtenförderung erst dann richtig ins Laufen kam, als ich mein Abitur schon hatte...

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  • Quelle DIE ZEIT, 25.03.2010 Nr. 13
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  • Schlagworte CSU | Hochschule | Bildungspolitik | Würzburg
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