Welche Distanz sollten Lehrer und Schüler zueinander wahren?

Wie konnte es nur zu den schlimmen Missbrauchsfällen an so vielen Schulen kommen? Die Frage muss präzisiert und differenziert werden – denn die einfach wahre Antwort ist zu einfach: Weil es eben in der Variationsbreite menschlichen Handelns seit Menschengedenken Menschen gibt, die solche Untaten begangen haben und wahrscheinlich auch künftig begehen werden! Also muss man sich Gedanken machen über die verschiedenen institutionellen Strukturen und ideologischen Biotope, in denen solche leider zu den anthropologischen Konstanten zählenden Verbrechensneigungen leichter wuchern können. So musste man gegenüber den katholischen Institutionen vor allem über den fadenscheinigen Mantel des Verdeckens reden: Weil es zur Kirchenlehre der Weltkirche gehört, dass die Kirche als heilige Gemeinschaft selber nie schuldig werden kann, sondern immer nur »einzelne ihrer Söhne« fehlgehen, waren Sünden einzelner Söhne möglichst lange unter der Decke gehalten worden, damit die Institution nicht in Verruf geriete. Erst jetzt spricht sich langsam herum, dass eine Institution, die über Verfehlungen ihrer Mitglieder nicht offen und deutlich spricht, sich selber schuldig macht.

Wie aber konnte es nun an den ideologisch und institutionell so anders »aufgestellten« Schulen der Reformpädagogik zu solchen Missbrauchsfällen in zum Teil regelrecht systemischem Ausmaß kommen? Auch hier haben wir es mit Tätern zu tun, die wahrscheinlich auch unter anderen Umständen zu Tätern geworden wären. Die reformpädagogischen Schulen sind freilich zu vielfältig und verschiedenartig, als dass sie sich über einen Leisten schlagen ließen – es gibt Landerziehungsheime, die Missbrauch nie geduldet und wachsam verhindert haben; in einem solchen Internat war ich selber neun Jahre lang als Schüler gewesen. Wie es ja auch viele katholische Schulen gibt, in denen derlei nicht vorkam… Doch zu den das Übel begünstigenden Faktoren in einem Teil des reformpädagogischen Milieus gehören zwei fatale Verwechslungen. Deren erste besteht in der Verwechslung von pädagogischem Eros und pädagogischem Ethos. Die zweite besteht – wenn man den höchst problematischen Begriff überhaupt einführen will – in der Verwechslung von dem philosophischen pädagogischen Eros und der physischen Erotik, oder noch kruder: der handfesten Sexualität des Pädagogen.

Schüler duzen Lehrer? Welch lächerliche Gleichmacherei!

Eines der einprägsamsten und erhellendsten pädagogischen Erlebnisse verdanke ich einem Elterngespräch an einer übrigens katholischen Privatschule. Unsere Tochter forderte unbedingt, wir sollten eine Lehrerin kennenlernen, die ihr sehr imponierte. Das Gespräch steuerte irgendwann auf die Frage zu, wie es ein Lehrer fertigbringen könne, seine Abneigung gegen Schüler unter Kontrolle zu bringen, die ihm unsympathisch sind. Dies sei weiter nicht so schwierig, so die Antwort der tapferen Frau. Die eigentliche Herausforderung des Pädagogen bestehe vielmehr darin, seine Sympathien für einzelne Schüler und Schülerinnen herauszuhalten aus dem Umgang mit der Klasse, ja aus dem pädagogischen Geschehen insgesamt.