Schule Distanz muss sein
Nach den Missbrauchsfällen sollte neu darüber nachgedacht werden, wie viel Nähe Lehrern und Schülern guttut
Wie konnte es nur zu den schlimmen Missbrauchsfällen an so vielen Schulen kommen? Die Frage muss präzisiert und differenziert werden – denn die einfach wahre Antwort ist zu einfach: Weil es eben in der Variationsbreite menschlichen Handelns seit Menschengedenken Menschen gibt, die solche Untaten begangen haben und wahrscheinlich auch künftig begehen werden! Also muss man sich Gedanken machen über die verschiedenen institutionellen Strukturen und ideologischen Biotope, in denen solche leider zu den anthropologischen Konstanten zählenden Verbrechensneigungen leichter wuchern können. So musste man gegenüber den katholischen Institutionen vor allem über den fadenscheinigen Mantel des Verdeckens reden: Weil es zur Kirchenlehre der Weltkirche gehört, dass die Kirche als heilige Gemeinschaft selber nie schuldig werden kann, sondern immer nur »einzelne ihrer Söhne« fehlgehen, waren Sünden einzelner Söhne möglichst lange unter der Decke gehalten worden, damit die Institution nicht in Verruf geriete. Erst jetzt spricht sich langsam herum, dass eine Institution, die über Verfehlungen ihrer Mitglieder nicht offen und deutlich spricht, sich selber schuldig macht.
Wie aber konnte es nun an den ideologisch und institutionell so anders »aufgestellten« Schulen der Reformpädagogik zu solchen Missbrauchsfällen in zum Teil regelrecht systemischem Ausmaß kommen? Auch hier haben wir es mit Tätern zu tun, die wahrscheinlich auch unter anderen Umständen zu Tätern geworden wären. Die reformpädagogischen Schulen sind freilich zu vielfältig und verschiedenartig, als dass sie sich über einen Leisten schlagen ließen – es gibt Landerziehungsheime, die Missbrauch nie geduldet und wachsam verhindert haben; in einem solchen Internat war ich selber neun Jahre lang als Schüler gewesen. Wie es ja auch viele katholische Schulen gibt, in denen derlei nicht vorkam… Doch zu den das Übel begünstigenden Faktoren in einem Teil des reformpädagogischen Milieus gehören zwei fatale Verwechslungen. Deren erste besteht in der Verwechslung von pädagogischem Eros und pädagogischem Ethos. Die zweite besteht – wenn man den höchst problematischen Begriff überhaupt einführen will – in der Verwechslung von dem philosophischen pädagogischen Eros und der physischen Erotik, oder noch kruder: der handfesten Sexualität des Pädagogen.
Schüler duzen Lehrer? Welch lächerliche Gleichmacherei!
Eines der einprägsamsten und erhellendsten pädagogischen Erlebnisse verdanke ich einem Elterngespräch an einer übrigens katholischen Privatschule. Unsere Tochter forderte unbedingt, wir sollten eine Lehrerin kennenlernen, die ihr sehr imponierte. Das Gespräch steuerte irgendwann auf die Frage zu, wie es ein Lehrer fertigbringen könne, seine Abneigung gegen Schüler unter Kontrolle zu bringen, die ihm unsympathisch sind. Dies sei weiter nicht so schwierig, so die Antwort der tapferen Frau. Die eigentliche Herausforderung des Pädagogen bestehe vielmehr darin, seine Sympathien für einzelne Schüler und Schülerinnen herauszuhalten aus dem Umgang mit der Klasse, ja aus dem pädagogischen Geschehen insgesamt.
Wie weise gesprochen! Natürlich darf der Pädagoge nicht der seelenlose oder gar mit Ressentiments besetzte Feind der Schüler sein – aber er ist eben auch nicht der Kumpel, der Freund oder gar der Liebhaber der ihm anvertrauten Kinder und Jugendlichen. Die Alternative zur Pauk- und Prügelschule alter Zeiten (auch das ist ein in die Jahre gekommenes Klischee), das Gegenmodell zu dem – wie Golo Mann es einmal beschrieben hat – »Ducken vor dem energischen, dem grausamen Quälen der alten und hilflosen Studienräte« kann nicht die gedankenlose Aufhebung der Rollenunterschiede sein, nicht die Nivellierung des Gefälles an sachlicher und persönlicher Autorität sowie an Lebenserfahrung. Schüler duzen Lehrer? Welch lächerliche Gleichmacherei, deren Unehrlichkeit der Schüler nicht erst im Konfliktfall durchschaut!
Als meine Klasse in die Oberstufe vorrückte, setzten unsere Lehrerinnen und Lehrer, wie es damals üblich war, dazu an, uns zu siezen. Wir haben das lange Zeit als unangemessen empfunden, weil wir es auch in der umgekehrten Richtung nicht für angebracht hielten, von Gleich zu Gleich behandelt zu werden. Unser sozusagen natürliches Gespür für das richtige Gefälle war stärker als der Stolz, aus ihm – zum Schein – ein Stück weit, und sei es nur durch die Anrede, herausgehoben zu werden. Für völlig verrückt hätten wir es freilich empfunden, hätte ein Lehrer vorgeschlagen: »Wenn ich nicht Sie zu euch sagen darf, dann sagt doch halt du zu mir.« Nein, man soll sich nicht täuschen über den scharfen Blick von Kindern und Jugendlichen für Versuche, sie mit falschen Mitteln über die wahre Lage zu täuschen, sie durch vorgeblichen Distanzabbau für sich einzunehmen.
Die Beziehungen in einer Gruppe sind andere als die in einer Familie
Lehrer hätten, an der Odenwaldschule, mit den ihnen anvertrauten Jugendlichen gemeinsam geduscht? Wissen die Erwachsenen, die derlei veranstalten, denn gar nichts über die Schamgefühle von Kindern, erst recht vor und in der Pubertät? Nichts darüber, dass diese Distanzlosigkeit nur ihnen selber, aber nicht den Kindern gefällt, selbst wenn sie sich daran zu gewöhnen haben? Das sei sozusagen en famille geschehen, werden doch die Untergruppen, auf die man in der Odenwaldschule aufgeteilt wird, als »Familien« bezeichnet – mit Lehrern als »Familienhäuptern«! Auch das eine irreführende Terminologie, die etwas behauptet, was gerade nicht der Fall ist: Selbst als Surrogat sind dies keine Familien, die Beziehungen in dieser Gruppe sind kategorisch andere als die in einer Familie. Pädagogen gehen einem geregelten Beruf nach, Eltern sind einfach da – ein Naturereignis. Das eine darf mit dem anderen nicht einmal verbal verwechselt werden.
Diese fatale Trias aus willkürlichem Distanzabbau zwischen Erwachsenen und Kindern, arrangierter Intimisierung des Schul- und Internatslebens und ideologischer, wenn auch verbal nur »platonischer« Erotisierung des Lehrer-Schüler-Verhältnisses – diese Trias widerspricht nicht nur den Ansprüchen an ein professionelles und freundlich-neutrales Verständnis der Pädagogenrolle, sondern schleift nach und nach die Schwellen ab, jenseits deren aus angeblich autoritätsaufhebender Distanzlosigkeit die übergreifende Gewalt des seit je Stärkeren wird und aus der mulmigen Intimität die massive Sexualität.
Und nicht erst jenseits dieser Grenzen wird der »pädagogische Eros« zur Ideologie. Man mag sich durchaus fragen, ob darunter bei den »alten Griechen« erstens wirklich das verstanden wurde, was die Stilisierung daraus machte, und ob zweitens die damaligen Autoren nicht auch ihre eigenen erotischen Bedürfnisse ästhetisch-philosophisch und ideologisch überhöht haben. Aber wenn man in einem 1964 von Hartmut von Hentig herausgegebenen Band Hellas und Rom die Einleitung zum Kapitel Eros liest, fragt man sich doch besorgt, was daran rein empirisch-historische Beschreibung, was hingegen schon beinahe hymnisches Plädoyer ist: »Die Griechen liebten ihre Frauen nicht minder und nicht anders als andere Völker. Aber sie liebten auch – in aller Offenheit – die Knaben und Jünglinge.« Da ist die Rede von den nackten Leibern bei den Wettkämpfen, den phallischen Kulten, zwar auch von den damit verbundenen Gefahren, denen aber »die großen und verantwortlichen Geister nicht mit Verboten, Tabuierungen, Schmähungen, sondern mit Veredlung zu begegnen versuchten«. Wie dünn ist da noch die Scheidewand zur elitären Ästhetisierung des erotischen, wenn nicht gar sexuellen Eigeninteresses des Pädagogen gegenüber seinen Schülern, etwa an der Odenwaldschule, wo die griechischen Vorstellungen über die Knabenliebe brav zum Lehrstoff gehörten.
Wenn nun so viel von Prävention die Rede ist, dann gehört dazu in erster Linie der Rückgewinn eines professionellen und versachlichten pädagogischen Ethos, der den Eros – und die platte Mode – der Distanzlosigkeit überwindet. Wer als Pädagoge vor der Wahrnehmung einer freundlich-bestimmten, den Schülern insgesamt zugewandten, aber doch sich selbst diskret zurück- oder, wie man heute sagt: heraushaltenden Autorität scheut, offenbart eine Art von Ich-Schwäche, die nach der Popularität bei den Jüngeren und Schwächeren schielt. Max Weber schrieb einmal: »Distanzlosigkeit rein als solche ist eine der Todsünden jedes Politikers…« Das gilt auch für Pädagogen.
- Datum 26.03.2010 - 16:43 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.03.2010 Nr. 13
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man kann Schülerinnen und Schüler duzen und sie empfinden es als ein "Sie" und man Schülerinnen und Schüler siezen und sie empfinden es als ein "DU".
Entscheidend ist doch das Gefühl, das die/der Pädagoge/in aussendet und nicht allein das Wort.
Aber der Autor kennt sich ja aus - überall, in jedem Fachgebiet!
Ob Sie es wahrhaben wollen oder nicht: Signale sind nun mal Signale. Sicher ist bei dem einen Lehrer ein "Du" anders anzusiedeln als bei dem nächsten, genauso wie das "Sie", aber wir und eben auch die Schüler wissen über gewisse Konventionen der Sprache nunmal Bescheid. Sprache ist nicht nur Geplapper, sondern trägt Sinn in sich, der weit über die rein informative Aussage hinaus geht; sie zeigt hierarchische Strukturen wie auch die eigene Einstellung zu einem Thema oder zu einer Person.
Wie gesagt: Von Individuum zu Individuum hat das mehr oder weniger Einfluss, aber die Richtung ist immer vorhanden und die gilt es für Pädagogen im Griff zu haben. Ansonsten wäre die gesamte Pädagogik doch nichts anderes als ein Glücksspiel.
Ich finde den Artikel prägnant und gut.
Gefühle werden nicht "gesendet", und Worte sind nicht so unwichtig wie sie behaupten. Ein Lehrer, der sich Duzen lässt, steht in der Gefahr zum Kumpel zu werden, um es deutlicher zu sagen, aus der Rolle zu fallen. "Das "Sie" ist jungen Menschen generell unangenehm", kein Wunder, weil unsere Kultur zunehmend soziale Unterschiede negieren möchte, um sich der hiermit verbundenen Verantwortung zu entziehen.
Ob Sie es wahrhaben wollen oder nicht: Signale sind nun mal Signale. Sicher ist bei dem einen Lehrer ein "Du" anders anzusiedeln als bei dem nächsten, genauso wie das "Sie", aber wir und eben auch die Schüler wissen über gewisse Konventionen der Sprache nunmal Bescheid. Sprache ist nicht nur Geplapper, sondern trägt Sinn in sich, der weit über die rein informative Aussage hinaus geht; sie zeigt hierarchische Strukturen wie auch die eigene Einstellung zu einem Thema oder zu einer Person.
Wie gesagt: Von Individuum zu Individuum hat das mehr oder weniger Einfluss, aber die Richtung ist immer vorhanden und die gilt es für Pädagogen im Griff zu haben. Ansonsten wäre die gesamte Pädagogik doch nichts anderes als ein Glücksspiel.
Ich finde den Artikel prägnant und gut.
Gefühle werden nicht "gesendet", und Worte sind nicht so unwichtig wie sie behaupten. Ein Lehrer, der sich Duzen lässt, steht in der Gefahr zum Kumpel zu werden, um es deutlicher zu sagen, aus der Rolle zu fallen. "Das "Sie" ist jungen Menschen generell unangenehm", kein Wunder, weil unsere Kultur zunehmend soziale Unterschiede negieren möchte, um sich der hiermit verbundenen Verantwortung zu entziehen.
Ob Sie es wahrhaben wollen oder nicht: Signale sind nun mal Signale. Sicher ist bei dem einen Lehrer ein "Du" anders anzusiedeln als bei dem nächsten, genauso wie das "Sie", aber wir und eben auch die Schüler wissen über gewisse Konventionen der Sprache nunmal Bescheid. Sprache ist nicht nur Geplapper, sondern trägt Sinn in sich, der weit über die rein informative Aussage hinaus geht; sie zeigt hierarchische Strukturen wie auch die eigene Einstellung zu einem Thema oder zu einer Person.
Wie gesagt: Von Individuum zu Individuum hat das mehr oder weniger Einfluss, aber die Richtung ist immer vorhanden und die gilt es für Pädagogen im Griff zu haben. Ansonsten wäre die gesamte Pädagogik doch nichts anderes als ein Glücksspiel.
Ich finde den Artikel prägnant und gut.
Sie schreiben: ""Ob Sie es wahrhaben wollen oder nicht: Signale sind nun mal Signale."
Na ja, ob Sie es wahrhaben wollen oder nicht: Der Ton macht die Musik. Der gesprochene Buchstabe "DU" oder "SIE" ist da nur EIN Signal neben einer Fülle anderer. Ihre Bedeutung erhalten die gesprochenen Buchstaben erst durch das Bedeutungsfeld, indem sie gesprochen werden: Tonfall, Lautstärke, Sprechtempo, Körpersprache ... Hier gilt : Alles ist Kommunakation. (Watzlawick: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien)
Und nebenbei bemerkt: Wie verhält es sich dann mit den Ländern, in denen das "Du" die allgemeine Anredeform ist? Wenn Herr Leicht über "sozusagen natürliches Gespür für das richtige Gefälle" daherredet, so hat das mit "natürlich" so wenig zu tun wie der Mann im Mond mit einer Milchkanne: Es ist durch durch kulturbedingtes, anerzogenes Gefühl" für ein kulturbedingtes Gefälle, das bei uns mit dem mystischen Begriff "Autorität" vernebelt wird.
Der Glaube an die Autorität, von der Leicht hier auch schwafelt, ist der Kern des Problems. Denn Autorität macht dumm. Es zählt nicht, was einer sagt, sondern wer etwas sagt. Warum sonst entdeckt Herr Leicht erst jetzt die merkwürdigen Äußerungen Herrn von Hentigs über Griechen und Polis und schlug nicht schon damals Alarm, als er sie zum ersten Mal las? Sie finden sich auch in von Hentigs "Schule neu denken", 5 Aufl. 2008.
Wer kauft und liest sowas? Autoritätsgläubige, die jetzt enttäuscht auf von Hentig reinprügeln.
Sie schreiben: ""Ob Sie es wahrhaben wollen oder nicht: Signale sind nun mal Signale."
Na ja, ob Sie es wahrhaben wollen oder nicht: Der Ton macht die Musik. Der gesprochene Buchstabe "DU" oder "SIE" ist da nur EIN Signal neben einer Fülle anderer. Ihre Bedeutung erhalten die gesprochenen Buchstaben erst durch das Bedeutungsfeld, indem sie gesprochen werden: Tonfall, Lautstärke, Sprechtempo, Körpersprache ... Hier gilt : Alles ist Kommunakation. (Watzlawick: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien)
Und nebenbei bemerkt: Wie verhält es sich dann mit den Ländern, in denen das "Du" die allgemeine Anredeform ist? Wenn Herr Leicht über "sozusagen natürliches Gespür für das richtige Gefälle" daherredet, so hat das mit "natürlich" so wenig zu tun wie der Mann im Mond mit einer Milchkanne: Es ist durch durch kulturbedingtes, anerzogenes Gefühl" für ein kulturbedingtes Gefälle, das bei uns mit dem mystischen Begriff "Autorität" vernebelt wird.
Der Glaube an die Autorität, von der Leicht hier auch schwafelt, ist der Kern des Problems. Denn Autorität macht dumm. Es zählt nicht, was einer sagt, sondern wer etwas sagt. Warum sonst entdeckt Herr Leicht erst jetzt die merkwürdigen Äußerungen Herrn von Hentigs über Griechen und Polis und schlug nicht schon damals Alarm, als er sie zum ersten Mal las? Sie finden sich auch in von Hentigs "Schule neu denken", 5 Aufl. 2008.
Wer kauft und liest sowas? Autoritätsgläubige, die jetzt enttäuscht auf von Hentig reinprügeln.
Distanz und Autorität sind sicher wichtig, aber Sie müssen begründet werden.
Dem Schüler muss klar sein wieso er da sitzt, wieso der Lehrer ihm Etwas sagen und erklären darf.
Leider empfinden Das viele Pädagogen als unnötigen Rechtfertigungs- zwang der, wie jede Rechtfertigung, mit Statusverlust einhergeht.
Als Folge davon entstehen die zwei besagten Lager:
Einmal der unangefochtener Lehrer, der sein Wissen wie Moses auf Steintafeln verkündet... mit all den negativen Folgen einer strikten Hirarchie wie bei den "katholischen" Fällen von Missbrauch ersichtlich.
Andererseits der Kumpeltyp, der zuviel Nähe zulässt und sich besonders liberal fühlt .... und vergisst das Freiheit schnell in französischen "terreur" für die Schüler umschlagen kann.
Die goldene Mitte, natürliche Autorität die sich aus einer Mischung von Auftritt, Umgang, Körpersprache, Fachwissen, Begeisterung ergibt, .... die das Hinterfragen ohne Statusverlust ermöglicht.. tja, die treffen nur Wenige.
Die Fähigkeit diese Balance zu halten macht meiner Meinung nach aber einen guten Lehrer aus. Bei einer solchen Person sind die Kinder vor Missbrauch am sichersten.
Methodik und Didaktik pauken reicht eben nicht. Diese Wissensgebiete sind notwendig aber nicht hinreichen. Ein noch so belesener Bildungsbürger hat in der Schule nichts verloren wenn er mit z.B. der Gruppendynamik in einer Diskothek völlig überfordert ist.
Sie schreiben: ""Ob Sie es wahrhaben wollen oder nicht: Signale sind nun mal Signale."
Na ja, ob Sie es wahrhaben wollen oder nicht: Der Ton macht die Musik. Der gesprochene Buchstabe "DU" oder "SIE" ist da nur EIN Signal neben einer Fülle anderer. Ihre Bedeutung erhalten die gesprochenen Buchstaben erst durch das Bedeutungsfeld, indem sie gesprochen werden: Tonfall, Lautstärke, Sprechtempo, Körpersprache ... Hier gilt : Alles ist Kommunakation. (Watzlawick: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien)
Und nebenbei bemerkt: Wie verhält es sich dann mit den Ländern, in denen das "Du" die allgemeine Anredeform ist? Wenn Herr Leicht über "sozusagen natürliches Gespür für das richtige Gefälle" daherredet, so hat das mit "natürlich" so wenig zu tun wie der Mann im Mond mit einer Milchkanne: Es ist durch durch kulturbedingtes, anerzogenes Gefühl" für ein kulturbedingtes Gefälle, das bei uns mit dem mystischen Begriff "Autorität" vernebelt wird.
Der Glaube an die Autorität, von der Leicht hier auch schwafelt, ist der Kern des Problems. Denn Autorität macht dumm. Es zählt nicht, was einer sagt, sondern wer etwas sagt. Warum sonst entdeckt Herr Leicht erst jetzt die merkwürdigen Äußerungen Herrn von Hentigs über Griechen und Polis und schlug nicht schon damals Alarm, als er sie zum ersten Mal las? Sie finden sich auch in von Hentigs "Schule neu denken", 5 Aufl. 2008.
Wer kauft und liest sowas? Autoritätsgläubige, die jetzt enttäuscht auf von Hentig reinprügeln.
Ich finde die Ausführungen in diesem Artikel wenig hilfreich. Das Thema Kindesmissbrauch ist extrem senisbel und derartige Behauptungen sind nur eingebettet in stabile empirische Funde angebracht.
Der Artikel impliziert schließlich, dass Verhaltensweisen, wie sie von engagierten Pädagogen mit besten Intentionen täglich angewendet werden, die Wahrscheinlichkeit sexueller Übergriffe auf ihre Schüler erhöht.
Diese These ist hochgradig kontrovers und zugleich ohne jelgiche empirische Basis. Es liegen einfach keine stabilen Daten über die reale Zahl sexueller Übergriffe an Schulen vor um vergleichende Studien durchzuführen.
Auch das Konstrukt der "Distanz" erscheint mir nicht präzise definiert. Es werden Verhaltensweisen beschrieben, die im Kontext der Vergewaltigungen offensichtlich unangebracht sind, wie z.B. das gemeinsame Duschen. Diese Verhaltensweisen werden in das Kosntrukt "Distanz" eingebaut. Anschließend wird mit dieser "Distanz" die Brücke zu harmloseren Verhaltensweisen geschlagen, und dadurch diese ebenfalls in die Nähe der Missbrauchsfälle gerückt.
Ihrer Logik folgend, sollte es in konservativen katholischen Einrichtungen, aufgrund der hohen Distanz, zu weniger Missbrauchsfällen kommen. Dies scheint nicht der Fall. Wenn Distanz einen Effekt hat, so kann er ja auch parabolisch sein. Zu viel Distanz wäre dann genauso schädlich wie zu wenig. So gesehn ist die Annahme, Lehrer die nicht duzen befänden sich im Optimum der Distanz schwer begründbar.
Der Autor hat meiner Meinung nach Recht.
Als ich in die Oberstufe kam (in NRW), noch gar nicht so lange her, wurde uns auch das Sie angeboten. Kein einziger Schüler hat darauf bestanden, man wäre sich auch lächerlich vorgekommen.
Ich weiß nicht ob das überall in Deutschland der Fall ist, aber in meiner Schule, meiner Stufe, hatten die Schüler immer den größten Respekt und die meiste Achtung vor Lehrern, die durchsetzungsstark und fair waren.
Ein Lehrer als Freund oder ähnliches... reformpädagogischer Schwachsinn.
Das "Sie" ist jungen Menschen generell unangenehm. Das Gefühl dürfte so ziemlich jeder junge Erwachsene kennen: man will selbst von Kindern noch nicht gesiezt werden, nicht nur von Lehrern. In diesem Sinne versagt der Artikel auf ganzer Linie, da er eine Kausalität unterstellt, wo nur Koinzidenz vorliegt.
Welche Formen der Pädagogik aber tatsächlich vor sexuellem Missbrauch schützen, ist vollkommen offen. Besteht nicht nur ein Respekt- sondern eben auch ein (intimes!) Vertrauensverhältnis zu einem Lehrer, so gibt es darüber beispielsweise die Chance, dass Missbrauch zu Hause (wo er bekanntermaßen viel öfter vorkommt als in der Schule!) auch aufgedeckt wird.
Rein Pädagogisch betrachtet halte ich einen reinen "Kumpeltyp" auch für Quatsch. Gerade in jungen Jahren benötigen Kinder eben nicht nur Rechtfertigung, sondern sollen durchaus den Unterschied zwischen Schülern und Lehrern kennen lernen.
Aber er schadet nicht automatisch den Kindern in der in diesem Artikel proklamierten Form! Es ist in meinen Augen viel wichtiger, dass es Vertrauenspersonen für Kinder gibt - notfalls in der Rolle der Lehrer - als dass hier eine Distanz aufrecht erhalten wird, die nicht unbedingt sein muss. In der Oberstufe hatten wir ein paar "Kumpeltypen" und das war dort (und nur dort!) völlig okay, wenn man sich dann eben duzte. Mit einigen Lehrern haben wir uns angefreundet und sie privat besucht und mit ihnen gefeiert, gesoffen und Spaß gehabt. Sowas ist doch klasse!
Die Frage von Nähe und Distanz ist nicht so einfach zu bewerten, wie es in diesem Artikel geschieht. Lehrerinnen und Lehrer können eine große Nähe zu Schüler/innen haben, ohne dabei die gebotene Distanz zu unterschreiten. Wie immer in Kommunikationssituationen sind zwei Menschen involviert. Jeder von beiden kann die Absicht haben eine Distanz, sowohl räumich-körperlicher als auch sprachlicher oder mimischer Art zu unterschreiten oder das Empfinden, dass dies mit ihm oder ihr passiert. Somit ist es ein schlechter Rat, Nähe durch Distanz zu ersetzen. Vielmehr muss es an einer Schule einen offenen Umgang miteinander und mit den Problemen von Schüler/innen (aber auch lehrer/innen) geben. Sowohl die Tabuisierung und Bagatellisierung als auch die Dramatisierung von sexuellen oder als sexuell empfundenen Handlungen, Worten und Gesten ist schädlich. Besonders die Schulleitungen sind gefragt, wenn es darum geht ein offenes Ohr für Schüler/innen zu haben und mit Sensibilität aber auch Bestimmtheit das Gespräch mit Kollegen zu suchen.
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