Die studentischen Proteste gegen die Bologna-Reform waren wirkungsvoll. Dabei fand leider kaum Beachtung, wie krank an Haupt und Gliedern auch die Personalstruktur an den deutschen Universitäten ist. Nur über den Weg der Habilitation und einer im Idealfall kurzen Existenz als Privatdozent kann man in Deutschland normalerweise Professor werden. Einem »Alles oder nichts«-Prinzip folgend, werden dabei gnadenlos alle jene Wissenschaftler ausgebeutet, die nicht als Sieger durchs Ziel gehen – sprich eine Professur erhalten. Gleichzeitig wurde der Mittelbau der Akademischen Räte und Direktoren abgeschafft, ohne ihn durch die versprochene Vermehrung der Professorenstellen auszugleichen. Wohin also mit jenen Forschern, die keine Professoren werden?

Das System hinterlässt gebrochene Lebensläufe. Es gibt Tausende hoch qualifizierter Wissenschaftler an deutschen Unis, die über Jahre eine unbeachtete Randexistenz führen. Diese neuen Sklaven dürfen sich »Privatdozenten« und »außerplanmäßige Professoren« nennen. Diese Titel hören sich beeindruckend an, sind aber nur hohle Dekoration. Hinter ihnen verbirgt sich die nackte Ausbeutung, verschleiert mit dem harmlosen Namen »Titellehre«: Denn die Betroffenen müssen ohne jede Entlohnung und ohne Aussicht auf Anstellung an der Uni, an der sie sich habilitiert haben, unter Umständen jahrelang unterrichten. Die einzige Alternative ist, den mit der Habilitation errungenen Titel »Privatdozent« oder später »außerplanmäßiger Professor« wieder aufzugeben.

Die Universitäten nutzen rücksichtslos aus, dass dies für jemanden, der seine wissenschaftliche Arbeit liebt, keine Alternative ist. Wie man oder frau überlebt, interessiert niemanden: In der Struktur deutscher Unis sind keinerlei Vorsorgeeinrichtungen vorgesehen – kein placement office wie an amerikanischen Unis, auch meistens keine temporären bezahlten Arbeitsmöglichkeiten für Habilitierte. Im Gegenteil: Mit dem Argument der »Überqualifikation« werden Betroffene von allen übrigen Stellen ausgeschlossen. Es existieren nicht einmal Formen der nichtfinanziellen Anerkennung. Manch wohlbestallter Kollege blickt sogar verächtlich auf die Riege der »Versager« herab. Die Demütigung, soziale Ausgrenzung und Beeinträchtigung der unbezahlten Arbeit in Lehre und Forschung ist beträchtlich und geht an die psychische wie körperliche Substanz. Dabei bleibt es nicht bei harmloser Entmutigung. Manche, die nicht schnell genug aus dem Dasein der Sklaverei flohen und sich diese Entwertung der eigenen Leistung zu Herzen nahmen, haben mit Krankheit, Depression oder Selbstmord reagiert.

In unserer einkommens- und konsumorientierten Gesellschaft bleibt niemand in seiner Lebensweise und seinem Selbstverständnis unberührt, den man zwingt, ohne Bezahlung in dem Beruf zu arbeiten, für den er am besten qualifiziert ist. Selbst ein sogenannter »bezahlter Lehrauftrag« wird den Habilitierten von der Uni-Bürokratie mit dem Argument verweigert, die Betreffenden seien zur Lehre ja sowieso verpflichtet. Dazu muss man wissen, dass Lehraufträge nicht einmal wirklich entlohnt werden angesichts von 600 bis 1200 Euro für drei Monate Lehre inklusive Prüfungs-, Beratungs- und Korrekturleistungen. In der Schweiz dagegen wird ein Lehrauftrag mit 10.000 bis 12.000 Franken pro Semester vergütet.