Privatdozenten Uni-Sklaven, vereinigt euch!
Die deutschen Universitäten halten sich Tausende hoch qualifizierter Wissenschaftler, die als Privatdozenten oder außerplanmäßige Professoren ein kümmerliches Dasein fristen. Unser Autor Helmut Pape ist einer von ihnen. Ihm platzt hier der Kragen
Die studentischen Proteste gegen die Bologna-Reform waren wirkungsvoll. Dabei fand leider kaum Beachtung, wie krank an Haupt und Gliedern auch die Personalstruktur an den deutschen Universitäten ist. Nur über den Weg der Habilitation und einer im Idealfall kurzen Existenz als Privatdozent kann man in Deutschland normalerweise Professor werden. Einem »Alles oder nichts«-Prinzip folgend, werden dabei gnadenlos alle jene Wissenschaftler ausgebeutet, die nicht als Sieger durchs Ziel gehen – sprich eine Professur erhalten. Gleichzeitig wurde der Mittelbau der Akademischen Räte und Direktoren abgeschafft, ohne ihn durch die versprochene Vermehrung der Professorenstellen auszugleichen. Wohin also mit jenen Forschern, die keine Professoren werden?
Das System hinterlässt gebrochene Lebensläufe. Es gibt Tausende hoch qualifizierter Wissenschaftler an deutschen Unis, die über Jahre eine unbeachtete Randexistenz führen. Diese neuen Sklaven dürfen sich »Privatdozenten« und »außerplanmäßige Professoren« nennen. Diese Titel hören sich beeindruckend an, sind aber nur hohle Dekoration. Hinter ihnen verbirgt sich die nackte Ausbeutung, verschleiert mit dem harmlosen Namen »Titellehre«: Denn die Betroffenen müssen ohne jede Entlohnung und ohne Aussicht auf Anstellung an der Uni, an der sie sich habilitiert haben, unter Umständen jahrelang unterrichten. Die einzige Alternative ist, den mit der Habilitation errungenen Titel »Privatdozent« oder später »außerplanmäßiger Professor« wieder aufzugeben.
Die Universitäten nutzen rücksichtslos aus, dass dies für jemanden, der seine wissenschaftliche Arbeit liebt, keine Alternative ist. Wie man oder frau überlebt, interessiert niemanden: In der Struktur deutscher Unis sind keinerlei Vorsorgeeinrichtungen vorgesehen – kein placement office wie an amerikanischen Unis, auch meistens keine temporären bezahlten Arbeitsmöglichkeiten für Habilitierte. Im Gegenteil: Mit dem Argument der »Überqualifikation« werden Betroffene von allen übrigen Stellen ausgeschlossen. Es existieren nicht einmal Formen der nichtfinanziellen Anerkennung. Manch wohlbestallter Kollege blickt sogar verächtlich auf die Riege der »Versager« herab. Die Demütigung, soziale Ausgrenzung und Beeinträchtigung der unbezahlten Arbeit in Lehre und Forschung ist beträchtlich und geht an die psychische wie körperliche Substanz. Dabei bleibt es nicht bei harmloser Entmutigung. Manche, die nicht schnell genug aus dem Dasein der Sklaverei flohen und sich diese Entwertung der eigenen Leistung zu Herzen nahmen, haben mit Krankheit, Depression oder Selbstmord reagiert.
In unserer einkommens- und konsumorientierten Gesellschaft bleibt niemand in seiner Lebensweise und seinem Selbstverständnis unberührt, den man zwingt, ohne Bezahlung in dem Beruf zu arbeiten, für den er am besten qualifiziert ist. Selbst ein sogenannter »bezahlter Lehrauftrag« wird den Habilitierten von der Uni-Bürokratie mit dem Argument verweigert, die Betreffenden seien zur Lehre ja sowieso verpflichtet. Dazu muss man wissen, dass Lehraufträge nicht einmal wirklich entlohnt werden angesichts von 600 bis 1200 Euro für drei Monate Lehre inklusive Prüfungs-, Beratungs- und Korrekturleistungen. In der Schweiz dagegen wird ein Lehrauftrag mit 10.000 bis 12.000 Franken pro Semester vergütet.
Alles das ist den Verantwortlichen wohlbekannt. Nur interessiert es Uni-Leitungen, Kulturbürokraten und Interessenvertretungen wie den Hochschulverband nicht besonders. Denn letztgenannter Berufsverband etwa agiert vor allem für die wohlbestallten beamteten oder angestellten Professoren. So kämpft man wacker unter dem Titel »Assistenten- und Habilitationskultur« für das Recht der beamteten Professoren, weiter erwachsene Menschen als Aktentaschenträger und abhängige Zuarbeiter halten zu dürfen und durch das postpubertäre Ritual der Habilitation zu Sklaven zu machen.
Diese reale Absurdität ist ein historisches Kuriosum, das nach dem Zweiten Weltkrieg entstand: Mit der Einführung der Lehrmittelfreiheit wurden die Hörergelder abgeschafft, die zuvor Studenten an Privatdozenten und außerplanmäßige Professoren zu zahlen hatten, wenn sie an deren Veranstaltungen teilnahmen. Eigentlich hätten dank der Studiengebühren die Unis ihren habilitierten Sklaven wieder Hörergelder zahlen oder wenigstens Lehraufträge geben müssen. Nicht einmal das ist geschehen. Warum auch, wo doch die Sklavenhaltung unschlagbar billig ist? Ich sprach mit einem außerplanmäßigen Professor aus der Physik, der 80 Prozent der Drittmittel seines Instituts eingeworben hatte. Nur leider war es unmöglich, ihm auch nur eine befristete Stelle zu geben.
Vielleicht denken Sie: Privatdozenten sind doch gar keine »richtigen« Sklaven. Schließlich sind sie ja frei: Sie könnten auch auf ihre Titel und ihren Beruf verzichten. Und überhaupt stellt sich doch die Frage: Warum tut sich das jemand an und bleibt auf längere Zeit Privatdozent – nur um dann nach zwei bis vier Jahren der unbezahlten Lehre in einem wiederum aufwendigen Begutachtungsverfahren zum immer noch ohne Bezahlung lehrenden außerplanmäßigen Professor zu werden? Die erste Antwort lautet: Der außerplanmäßige Professor bleibt Mitglied, wenn auch nicht bezahltes, seiner Universität. Er hat damit das Recht, zum Beispiel Drittmittel aus der Forschungsförderung des Staates oder bei Forschungsförderungsinstitutionen zu beantragen. Die zweite Antwort: Für die universitären Lehrsklaven ist die Hoffnung ihr ständiger Begleiter. »Ich werde es vielleicht doch noch schaffen«, denken viele von den jungen und selbst den älteren Habilitierten. Doch schon ab 50 hat kaum einer der Habilitierten mehr eine ernsthafte Chance. So arbeiten sie weiter ohne Bezahlung in Lehre und Forschung an ihrer akademischen Karriere – und leben vom Gehalt ihrer Ehefrau, vom elterlichen Erbe, von einem Zweitberuf, einer eigenen Firma oder von Drittmitteln, die sie selbst eingeworben haben.
Warum die Unis nicht mit Klagen, Verfassungsbeschwerden und Demonstrationen überzogen werden? Warum Privatdozenten nicht die Hörsäle anzünden? Weil jene Gelehrte Einzelkämpfer sind und sich für ihr kümmerliches Dasein ohne Entgelt und Rechte schämen. Sogar viele ihrer Studenten wissen nichts davon. Und so beugen sie sich weiter unter die Knute und treiben als brave Arbeitssklaven die Mühlräder universitärer Lehre und Forschung an.
Helmut Pape ist außerplanmäßiger Professor für Philosophie an der Universität Bamberg, lebt aber hauptsächlich von seinem Weinversandhandel
- Datum 25.03.2010 - 10:10 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.03.2010 Nr. 13
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Vielen Dank fuer den Artikel.
Ich bin promovierter Biophysiker und seit 5 Jahren in den USA.
Hier schaut es leider auch nicht anders aus muss ich sagen.
Es spielt gar keine rolle wie oder in welchem System man das verpackt. Man wird solange ausgebeutet bis man es geschaft hat. Und klar an den prozentsatz derjenigen die es schaffen moechte ich gar nicht denken. Neben den mechanismen wie man am besten ausbeuten kann, die auch sehr effektiv sind muss ich allerdings hinzufuegen das ich denke das die groesste treibende kraft bei diese missliche existenz fuer die menschen die leidenschaft des forschens ist. Zusaetzlich zu dieser misere kommt glaub ihc auch noch, dass sich nicht unbedigt der gute wissenschafter durchsetzt, sondern der beste politiker. Ich wuensche Ihnen viel Erfolg. Meine frau ist leider auch in der forschung und auch froehlich an drittmitteln einwerben, was in den USA noch viel wichtiger ist, da hier das geld wirklich regiert. D.h. es waere leichter wenn wenigstens einer einen "vernunftigen" Job haette.
viereggtext - Fernab von Marktgesetzen theoretisieren und dozieren, das bleibt nur wenigen vorbehalten. Parteien helfen und der gute Ruf. Risiko für alle, die diesen Weg gehen wollen, habilitiert in der Gosse zu landen.
Traurig, die beschriebene Situation. Ein Kumpel von mir siedelt jetzt nach Chile (!) um, weil er dort eine einigermassen sichere Stelle hat, in Deutschland aber nach 10 Jahren Lehrtätigkeit weg vom Fenster ist. Brain drain würde ich es nennen.
Persönlich ist es natürlich eine Katastrophe, von der Spree an den Rio Mapocho ziehen zu müssen, wenn man es nicht auch aus anderen Gründen vorhatte.
... ist die Plazierung des Links zum Hochschulranking am Fuß des Artikels unter der Überschrift "So gut sind deutsche Hochschulen" ...
... ich bin immer noch froh, dass ich damals mit 28 nach der Promotion nicht auf meinen Doktorvater gehört hab' sondern dem ganzen Mist an der Uni den Rücken gekehrt habe.
Als Naturwissenschaftler hab ich jetzt einen schönen Job ausserhalb der Wissenschaft an der Uni.
Leute lasst euch nicht für dumm verkaufen! Den Doktoranden wird immer gerne erzählt: "Ja, Du musst jetzt weiter machen! Dein Thema ist ganz heiss. Noch 5 Jahre und 10 Paper und dann ist die Professur in Sicht!" Alles Quatsch.
Aber wer drauf reinfällt ist eben auch mitschuld.
Mittlerweile ist das ganz normal. Es nennt sich unbezahltes Praktikum oder auch Ein-Euro-Job und desgleichen.
So müsste die Ergänzung lauten. "Uns Akademikern" fehlt aber leider Solidarität, weil der Misserfolg des anderen die eigenen Chancen erhöht (was bei den Arbeitern anders war: vermasselt einer was im Stahlverarbeitungsprozess, sind alle in Gefahr). Vielleicht könnte ein Kongress zum Thema, eine Organisation, oder ein über Vernetzung verabredeter Streik Abhilfe schaffen?
(Ich unterrichte übrigens nach ähnlichem Schicksal, trotz einschlägiger Veröffentlichungen und Lehrerfahrung, nur noch in der Schweiz, und bald werde ich auch meinen Wohnsitz verlegen, um in D keine Steuern mehr zahlen zu müssen. Wenn der Staat nicht an mir und meiner Arbeit interessiert ist ...)
Die Dozenten an den Volkshochschulen und den Fernlehrinstituten sind "selbständig", können aber von ihrer Arbeit nicht leben, geschweige denn für ihre Sicherheit sorgen. Dabei erbringen sie die Wertschöpfung und subventionieren damit die Einkommen der festen Mitarbeiter.
"Klarer Fall von inverser Solidarität: die Schwachen tragen die Starken."
Zitat aus:
Amerikanische Verhältnisse in der Weiterbildung (Erwachsenenbildung)
Die soziale Lage der selbständigen Dozenten
http://www.dozentenvertre...
Das ganze Land wird über prekäre Arbeitsverhältnisse zurechtgeschrumpft, um es - wie es heisst - global wettbewerbsfähig zu machen.
Am stärksten stört mich dabei das Betrügerische der Politik daran:
Qualikation führt angeblich zur angemessenen Tätigkeit und ein bischen Sicherheit. Dem ist aber nicht so.
Leider ist die Grundlage des Erfolges allzu oft Skrupellosigkeit und fanatischer Glaube an das eigene Ego als Gottesersatz.
Das ganze Land wird über prekäre Arbeitsverhältnisse zurechtgeschrumpft, um es - wie es heisst - global wettbewerbsfähig zu machen.
Am stärksten stört mich dabei das Betrügerische der Politik daran:
Qualikation führt angeblich zur angemessenen Tätigkeit und ein bischen Sicherheit. Dem ist aber nicht so.
Leider ist die Grundlage des Erfolges allzu oft Skrupellosigkeit und fanatischer Glaube an das eigene Ego als Gottesersatz.
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