Immigration Einst fremd, heute cool

Mit ihrer Eigenart verändern die Zuwanderer aus dem Balkan die Schweiz.

Ein Jugendlicher aus dem Kosovo auf dem Skateboard: Die Mehrheit der 400.000 Südosteuropäer in der Schweiz lebt im medialen Dunkel

Ein Jugendlicher aus dem Kosovo auf dem Skateboard: Die Mehrheit der 400.000 Südosteuropäer in der Schweiz lebt im medialen Dunkel

Mit Haltung sitzt Ahmet Sulejmani im Korbstuhl. Der 16-Jährige mit den feinen Gesichtszügen legt Wert auf sein Auftreten. Schmale Jeans, braune Kunstlederschuhe, die Jacke von G-Star Raw, seiner Lieblingsmarke. Er ist ein Durchschnittsjugendlicher. Mal pflichtbewusst, erwachsen, charmant, dann wieder launisch, schwankend, jähzornig. Der eine Ahmet hilft seinen Eltern bei der Hauswartung. Der andere Ahmet schlägt aus Wut die Faust gegen die Wand – und bricht sich den Finger.

Vater Sulejmani arbeitet als Mechaniker in einer Baufirma, die Mutter ist Hausfrau. Beide kommen aus Mazedonien. Ende der achtziger Jahre zog das Ehepaar in die Schweiz. In Bachenbülach im Zürcher Unterland wurden sie sesshaft. Zu fünft wohnt die Familie in einer kleinen Vierzimmerwohnung. Sein Zimmer teilt Ahmet mit Ismet, seinem 21-jährigen Bruder und Vorbild. Man spricht Albanisch. Vor einem Jahr wurde die Familie eingebürgert. Ahmet, hier geboren, sagt: »Ich könnte nie von Bachenbülach wegziehen.« Er stellte sich quer, als die Eltern ein Häuschen am anderen Dorfende kaufen wollten. Das meinen Integrationspolitiker wohl, wenn sie Menschen mit Topfpflanzen verwechseln und von »Verwurzelung« sprechen.

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Doch die Schweizer Öffentlichkeit interessiert sich nicht für Durchschnittsfamilien wie die Sulejmanis. Lieber spricht man über Kriminelle, Betrüger, Drogendealer und Messerstecher. Oder man rückt Stars und Exoten ins Rampenlicht: die U-17-Fußballweltmeister, den Ex-Mister-Schweiz und die Politiker, die gegen Ausländer schimpfen – jedoch selber Naumovic heißen.

Die Mehrheit der 400.000 Südosteuropäer in der Schweiz lebt im medialen Dunkel. Das ist durchaus in ihrem Sinne. Ihr Credo lautet: Kopf einziehen, man könnte ja auffallen. Kaum ein Kroate, Serbe, Bosnier, Mazedonier, Montenegriner oder Kosovo-Albaner klinkt sich in die Ausländerdebatten ein. Wer es trotzdem wagt, wird angefeindet. Wie die an der Uni Zürich lehrende Geschichtsprofessorin Nada Boškovska. Vor zehn Jahren publizierte die gebürtige Mazedonierin im Magazin einen wegweisenden Artikel über das »Feinbild Jugo«. Ungeschönt, aber fair. Schweizer Politiker kritisierten Boškovskas politische Unkorrektheit, die Diaspora schwieg. Seither hält sich die Professorin zurück, ebenso tun dies ihre Studenten. »Die Herkunft wird von ihnen als etwas Privates angeschaut, das man nicht in den Alltag trägt«, sagt Boškovska. 

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1970 lebten 25.000 Jugoslawen im Land. Bis 1990 kletterte diese Zahl bis auf 172.000 an. Heute leben rund 330.000 Menschen aus dem früheren Jugoslawien in der Schweiz.

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Keine andere Ausländergruppe bewirbt sich so aktiv ums Bürgerrecht:  40 Prozent der Einbürgerungen 2008 entfielen auf Menschen aus Ex-Jugoslawien. Rang zwei: Italien mit 11 Prozent

Also balgen sich in der Politarena weiterhin Hilfswerke, linke Politiker, Sozialarbeiter oder rechte Polterer. Aber nicht die, um die es geht. Und ins Leere gehen alle Versuche, mit Publikationen von »Jugo«-Erfolgsstorys deren Image aufzupolieren. »Erfolg wird immer eingeschweizert«, sagt Boškovska. Regisseurinnen wie Andrea Štaka, Fußballer wie Ivan Ergić oder Frau Professorin selbst werden als Schweizer wahrgenommen – egal, welchen Pass sie besitzen.

Die Theoriekonstrukte der Sozialwissenschaften wiederum reduzieren die Einwanderer auf ihr Fremdsein. Man findet, was man sucht: Opfer der Systeme und Kulturen. Die Journalisten übernehmen diese Scheuklappensicht. Sie verdammen die »Jugos« oder bemitleiden sie als Underdogs. Auf Cevapcici, liest man, habe niemand gewartet, und die Popularität des Balkan-Sounds sei eine Exotismus-Liebhaberei urbaner Weltbürger.

Dabei sieht der Alltag anders aus. »Die ›Jugos‹ haben sich längst durchgesetzt«, sagt Christian Ritter. Der 30-jährige Kulturwissenschaftler, aufgewachsen in Spreitenbach, forscht an der Zürcher Hochschule der Künste zum Thema Migration. »Auf den Pausenplätzen sind sie die Coolen. Dazu haben die Italiener Jahrzehnte gebraucht.« Auch der Detailhandel hat die Einwanderer als Zielgruppe entdeckt. Seit vergangenem Sommer sind bei Coop neunzig Balkan-Produkte erhältlich: Jelen-Bier und Feigenstrudel aus Serbien, Ozujsko-Bier aus Kroatien, Argeta-Aufstrich aus Slowenien. Auch sind nicht mehr deutsche Privatsender die größte Konkurrenz für das Schweizer Fernsehen, sondern TV-Stationen aus der Türkei und vom Balkan. Sie haben 16 Prozent Marktanteil, Tendenz steigend.

Auf den Straßen der Städte herrscht der südosteuropäische Glam. Da kommt zum Beispiel Safi Jahiji, 17, aus Niederhasli. Außer Atem trifft sie beim Treffpunkt im Hauptbahnhof Zürich ein. Aus ihrem Handy plärrt Musik. Schwarze Lederhosen, eine glänzende Jacke: Safi hat Style, ihren Style. Sie ist perfekt geschminkt. Rosa Lidschatten, tiefschwarze Wimpern. Das blonde Haar fällt ihr ins Gesicht. Es ist Samstagabend, und wir wollen zu dritt in den Ausgang gehen. Ins Oxa nach Oerlikon oder ins X-Tra am Limmatplatz. Doch daraus wird nichts. Denn morgen hat Safi ein Date, und die Regeln der Mutter sind klar: Ausgang gibt es nur einmal pro Wochenende. Die junge Frau regt sich auf, hadert. Mit den Eltern, der Lehrstellensuche, den Männern und sich. Sie ist aufgekratzt, ihre Stimme überschlägt sich. Xoni, ihren Angebeteten, hat sie im Internet-Chat kennengelernt. »Ich hoffe, er ist kein Player«, sagt Safi. Keiner, der mit allen Frauen rummacht. Er wäre der erste albanische Freund für die junge Kosovo-Albanerin. »Ist das etwas Spezielles?« – »Ja. Aber bei einem Albaner gibt es keine zweite Chance. Machst du einen Fehler, ist er weg.«

Mögen die Boys vom Balkan auch privat den Macho markieren, in der Öffentlichkeit müssen sie unten durch. Sie haben einen miserablen Ruf. Den verdanken sie den Kriminalstatistiken. Jüngstes Beispiel ist eine repräsentative Zürcher Studie von 106 jugendstrafrechtlichen Psychiatergutachten. Über ein Viertel der Begutachteten stammt vom Balkan. Ihr Profil: jung, männlich, geringe Schulbildung und ein geringer sozialer Status.

Auf den ersten Blick passt auch Ahmet in dieses Bild. Er war zehn Jahre alt, als erstmals die Polizei vor der Tür stand. Mit Freunden hatte er auf das Auto einer Zivilstreife gespuckt. »Scheißmachen« war Ahmets Lieblingsbeschäftigung, und das brachte »Lämpe«, sprich Probleme. In der Schule, zu Hause, in der Freizeit. »Ich wollte den King spielen«, sagt Ahmet. Wieso? »Ich war immer der Kleinste.« Er kam in die Oberschule, schaffte den Übertritt in die Real – um ein Jahr später wieder runterzufallen. Die Leistungen waren desolat, sein Betragen war schlecht. Aber dann bekam er Angst. Sein Vater wollte immer, dass Ahmet Mechaniker wird. Gemeinsam reparierten sie alte Autos. Und nun drohte er von der Schule zu fliegen: »Das wäre das Schlimmste gewesen. Kein Chef würde mir eine Lehrstelle geben.« Ahmet setzte Prioritäten und entschied sich für ein 10. Schuljahr.

Zugleich bewirbt er sich nun für eine Automechaniker-Lehrstelle. Hundert Bewerbungen sind raus, die Absagen häufen sich. Ihm ist bewusst, dass sein Oberschulabschluss wenig gilt. Doch die falsche Korrektheit der Berufswelt nervt ihn: »Sagt es mir ins Gesicht, dass ich zu schlecht bin.« Auch Safi rotiert. Vor anderthalb Jahren schloss sie die Realschule ab, doch bis heute hat sie keine Lehrstelle gefunden. Als wir uns treffen, jobbt sie als Kioskverkäuferin. Dabei will Safi in die Modebranche. Ihr Traum ist ein eigener Laden. Und nun hat die jüngere Schwester schon eine Lehrstelle als Kleinkinderzieherin gefunden. Der Druck auf die Älteste von sechs Geschwister steigt. »Wo ist mein Glück?!«, fragt sie und verflucht ihren Namen. Nicht jenen der Familie, deswegen hatte sie nie Probleme. Aber wieso kann sie nicht Linda, Laura, Valentina oder Claudia heißen, so wie ihre Schwestern?

Jugendliche von Balkan werden benachteiligt. Viele Lehrmeister haben ein schlechtes Bauchgefühl, der Balkan-Slang klingt für sie aggressiv, und der ausgelebte Hedonismus provoziert. »Wenn ein Schweizer ein Punk ist, dann ist für Verwandte und Lehrmeister klar: Das ist nur eine Phase«, sagt Christian Ritter. Bei einem Albaner sehe das anders aus. Sie werden auf ihre Herkunft festgenagelt.

Der »Balkaner-Style« gilt nicht als Jugendkultur, denn es fehlt ihm das Programm. »Es ist eine Jugend ohne kritische Eigenschaften. Da ist kein Überbau, keine Absicht«, sagt Christian Ritter. »Auch kein Underdog-Bewusstsein.« Die Jugendlichen sind Mainstream. Sie kaufen ihre Kleider im H&M, Chicorée, Clockhouse. Sie träumen von Armani, Dolce & Gabbana, Cavalli. Die Männer sind hart und die Frauen sexy. Kleider und Körper verschaffen Status – aber welchen? Es herrscht ein eklatanter Mangel an Wissen über die eigene Außenwirkung. 

Im Internet kokettieren die Jugendlichen auf Community-Seiten wie Netlog mit nationalen und nationalistischen Symbolen. Anders als im Heimatland ist dies ein Spiel. »Der Serbe The real orthodox boy mit dem Camouflage-Leibchen ist auf Netlog der beste Freund von Ustasha 95, der den harten Kroaten markiert«, sagt Ritter. Es findet eine Rückwendung zum Klischee der Herkunftskultur statt: Wenn schon »blöder Jugo«, dann richtig.

Dabei halten besonders die ländlich geprägten Einwanderinnen und Einwanderer konservative Werte hoch. Jugendarbeiter berichten, dass junge Albaner kaum kiffen und bedeutend weniger Alkohol trinken als Schweizer Jugendliche. Gewohnt wird entweder bei den Eltern, allein oder mit den Ehepartnern. Wohngemeinschaften kennt man nicht. Die Volkszählung im Jahr 2000 zeigte: Rund die Hälfte der 20-jährigen Kosovo-Albanerinnen in der Schweiz waren bereits verheiratet. Frauenemanzipation ist für Männer wie Ahmet ein Fremdwort. Auch seine Freundin ist eine Albanerin. »Die ersten Wochen war ich ein strenger Typ, habe nie gelacht.« – »Wieso?« – »Wenn ich am Anfang zu lieb bin, versucht sie mich zu ändern.« Aber ihn, Ahmet Sulejmani, ändert keiner. »Nicht mal ein Psychologe!« Kein Wunder, dass diese neuen Schweizer nach ihrer Einbürgerung ihre politische Heimat eher bei der Rechten finden.

Doch nicht alle Albanerinnen wollen »Bimbos sein«, wie Safi das ausdrückt. Sie kontert den Machismo ihrer Landsleute mit sanfter Rebellion. Zwar will sie ihre Eltern nicht enttäuschen und hält ihr Liebesleben geheim. Erst der Mann fürs Leben wird vorgestellt. »Meine Mutter soll nicht denken, dass ich eine Schlampe sei.« Aber sie wolle nie einen eifersüchtigen Freund, der ihr den Umgang mit anderen Typen verbiete. Belustigt erzählt sie von ihrem Vater, einem Lastwagenchauffeur. Der wohnt mit der Familie auf dem Dorf: »Ich glaube, er macht das extra, wegen uns, seinen Töchtern.« Im Hause Jahiji werden die Fetzen fliegen, wenn die älteste Tochter ihren Wunsch verwirklicht und verkündet: »Ich ziehe nach Zürich!«

 
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