Burgunde Niemann hatte sich alles so schön vorgestellt. Das Buch zum hundertjährigen Jubiläum der Odenwaldschule sollte im April fertig sein, voll mit Erinnerungen ehemaliger Schüler. Zwei Jahre lang hat sie Beiträge gesammelt und Interviews geführt. Das Wort Missbrauch kam darin nicht vor, nur zwischen den Zeilen. Allenfalls Eingeweihte hätten die Andeutungen verstanden. Plötzlich aber wollen ehemalige Schüler ihre Artikel verändern, korrigieren, etwas hinzufügen. Der Beitrag der früheren Odenwaldschülerin Amelie Fried war schon gesetzt, da hat sie ihn neu geschrieben. Johannes von Dohnanyi konzentriert sich in seinem Text mit einem Mal ganz auf den Missbrauch. Viele bekannte Namen werden in dem Buch auftauchen. Das entlegene Internat war sehr geachtet in der deutschen Oberschicht, bei den Familien von Weizsäcker, Mann, Bosch, Jens, Unseld, Henkel, Porsche.

Gerade hat eine junge Frau der Lehrerin eine E-Mail geschickt, eine Ode an die Odenwaldschule. Damit sollte das Buch eigentlich enden. »Kann man das noch machen?«, fragt Niemann. Ihre Wahrheiten sind durcheinandergeraten, ihr ganzes Berufsleben erscheint in einem anderen Licht, irgendwie beschmutzt. Muss sie alles neu bewerten?

Seit 30 Jahren lehrt sie an der Schule Politik. Sie war da, als die Schüler von Lehrern missbraucht wurden. Der Vorwurf, den sie nun täglich hört, ist: »Ihr habt es doch gewusst! Wie kann es sein, dass ihr so lange geschwiegen habt?«

Draußen ist es schon dunkel. Burgunde Niemann sitzt in ihrem Haus im hessischen Heppenheim auf einem gelben Ohrensessel, ihren Oberkörper weit vorgelehnt. Sie steht auf, setzt sich wieder, ihre Hände fahren übers Gesicht. Niemann hat sich Stichpunkte für dieses Gespräch gemacht, damit sie nichts vergisst. Diesmal will sie alles richtig machen. Sie beginnt, über Gerold Becker zu sprechen, den ehemaligen Schulleiter und Hauptbeschuldigten im Skandal um sexuell missbrauchte Schüler. »Becker war ein Faszinosum«, sagt sie. Stets war er von Freunden und Bewunderern umgeben, wortgewandt war er, geistreich. Niemann erinnert sich an das 75. Schuljubiläum im Jahr 1985, kurz bevor Becker die Schule verließ. Richard von Weizsäcker feierte mit. Und natürlich Hartmut von Hentig , der bekannte Pädagoge, Beckers Lebensgefährte. Sie erzählt von einer Rede, die Becker auf einer Trauerfeier hielt. Ein Kollege fragte anschließend: Was muss ich machen, damit er auch bei meiner Beerdigung spricht? Nachdem Becker im Jahr 1985 die Schule verlassen hatte, stand am Laborgebäude: »Gero, du fehlst uns«. Noch heute verändert sich Niemanns Stimme, wenn sie über Becker redet. Sie wird dann weich und sanft. Burgunde Niemann ist 56 Jahre alt und wirkt in solchen Momenten wie ein Mädchen, das von ihrem Popidol schwärmt. Noch immer hat Becker die Macht über sie nicht verloren.

Gab es Gerüchte? Sie sagt, sie habe nie etwas gehört, nichts gemerkt. Das enge Zusammenleben von Schülern und Lehrern in den »Familien«, in Lern- und Wohngemeinschaften, hat sie nicht hinterfragt, obwohl sie selbst es dort nur ein Jahr ausgehalten hat. Oft klopften Schüler nachts um drei an ihre Tür und wollten über Liebeskummer reden. Sie bekam Schlafstörungen. Nach einem Jahr war sie so erschöpft, dass sie mit ihrem Mann aus dem Internat ins nahe Heppenheim umzog.

Niemann war auch 1998 an der Odenwaldschule, als zwei Schüler Becker zum ersten Mal sexuellen Missbrauch vorwarfen und ihre Geschichte einer Zeitung erzählten. Als sie daran erinnert wird, schweigt Niemann lange. Sie sagt: »Ich hatte damals keinen direkten Draht zu den Opfern, und der Zeitgeist war nicht missbrauchsentschlüsselnd.« Leise fügt sie hinzu: »Ich habe kein Wort geglaubt.«

Die Odenwaldschule ist ein Haus, das Lebenslügen Platz geboten hat

Die Vorstellung war ungeheuerlich, sie konnte nicht wahr sein, sie durfte es nicht. Es hätte alles infrage gestellt. Missbrauch an einem Internat der Reformpädagogik, das für die »Erziehung vom Kind aus« steht? Das erschien ihr unerträglich.

Das Schweigen in der Odenwaldschule hat lange angehalten, und es hat viele Formen angenommen. Es gibt das ängstliche Schweigen, das die Wahrheit aus Sorge um ihre Wucht verstecken will. Es gibt das verdruckste Schweigen, das die Unwahrheit nur mit Mühe unterdrücken kann. Und es gibt das taktische Schweigen, das die Unwahrheit verkleiden will als Wahrheit. Das ist dann schon ein großer Schritt hinein in die innere Logik eines Gebäudes, das Lebenslügen Schutz bieten soll. Die Odenwaldschule ist ein solches Gebäude, umstellt von Verdächtigungen, beschädigt vom Schweigen. Warum nur? Warum ermittelten Staatsanwälte so zaghaft, als sie Ende der neunziger Jahre erste Hinweise auf sexuellen Missbrauch hatten? Warum ließen öffentlich gewordene Berichte fast alle Journalisten kalt? Warum war den meisten Lehrern der Ruf ihrer Schule wichtiger als das Wohl ihrer Schüler? Warum blieb Gerold Becker, der ehemalige Schulleiter, der sich an Schutzbefohlenen verging, ein geachteter Veteran der Pädagogik? Warum wurde sein Lebensgefährte Hartmut von Hentig, der sich beschönigend vor Becker stellte, so lange geschont? Warum blieb er der verehrte Übervater der Reformpädagogik? Weil Hentig geschützt wurde von mächtigen Intellektuellen, mächtigen Eltern, mächtigen Politikern, Publizisten und Wirtschaftsführern?

Die Geschichte der Odenwaldschule ist eine Geschichte der westdeutschen Eliten, eine durch und durch bundesrepublikanische Geschichte, eine Geschichte von der sanften Karriere, von einem deutschen Versprechen, vom untadeligen Leumund, von einem Hort der Unantastbaren, in dem dann die Schwächsten antastbar wurden.

Auf die Odenwaldschule ging Andreas von Weizsäcker, ein inzwischen verstorbener Sohn des früheren Bundespräsidenten. Auch der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit besuchte die Odenwaldschule, die sich immer gegen die Bezeichnung »Eliteschule« gewehrt hat, weil sie sich als eine besonders gut funktionierende Gesamtschule versteht, wollte die Kinder der Oberschicht und die Kinder der Unterschicht gleichermaßen willkommen heißen. Ihnen allen haben die Lehrer das Gefühl vermittelt, dass dort auch die letzten Schranken gefallen waren, die Schranken der sozialen Klassen, die Schranken der Lehrer-Schüler-Hierarchien, die Schranken der elterlichen Wärme und Kälte. Eine Wärme, die sich in der Abgeschiedenheit des Internats mühelos ersetzen ließ durch die täuschend echte Zuneigung des Lehrerkollektivs. So entstand eine Macht des sexuellen Zugriffs.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schildert dies auch am Beispiel des ehemaligen Schülers Andreas von Weizsäcker, der in die Schulfamilie von Becker zog, der sich »Gerold« nennen ließ und Schüler morgens mit einem Griff ins Gemächt weckte.